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Vier Beine - und bald ein Haus

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Die Hebamme Hadijja Saleh aus Mensura mit ihrem Instrumentenkoffer unterwegs. Sie klärt auch auf gegen Genitalverstümmelung.
Die Hebamme Hadijja Saleh aus Mensura mit ihrem Instrumentenkoffer unterwegs. Sie klärt auch auf gegen Genitalverstümmelung. © Christmann

Eine Eselin bedeutet für alleinerziehende Frauen in Eritrea den Beginn eines besseren Lebens. Eine deutsche Initiative hilft dabei: Erfolgsgeschichten von Stefanie Christmann.

Wieder ein neuer Beruf entdeckt: eine Ofenplattenbrennerin. Dafür braucht man Wasser und vor allem viel Holz. Die Kreativität und Zielstrebigkeit, mit der die Frauen ihre Esel nutzen, erstaunt immer wieder. Netseti Araia (die 2004 einen Esel erhielt. Red) hat sich über Wasser- und Holzhandel inzwischen eine Ziege finanziert und deren drei Zicklein großgezogen. Sie hat eine Mauer gebaut, um noch mehr Kleintiere für den Verkauf zu züchten. Lettu Gebresmeskel, ebenfalls aus dem Ort Denberguruf, erklärte stolz: "Ich mache jetzt viel mehr und besseres Essen und habe für alle fünf Kinder Sandalen gekauft."

Saeda Mensur, eine Witwe, die mit ihren fünf Kindern außerhalb der Ortschaft Ghinda wohnt, erhielt den Esel vor drei Jahren und fing mit Wasser- und Holzhandel an. Dann baute sie sich ein Haus und einen Laden, von dem sie inzwischen lebt. Sie hat zwei Eselfohlen. Ihr erster Guavenbaum hat schon geblüht, jetzt will sie noch mehr Obstbäume pflanzen. Ihre Nachbarin Amna Amir, sechs Kinder zwischen sechs und 13 Jahren, die alle zur Schule gehen, hat mit dem Esel einen Gemüsegarten angelegt, den sie bewässert. Sie verkauft Wasser und Holz, kaufte vom Verdienst eine Ziege und Enten, deren Küken sie verkauft. Auch ihr Esel hat Nachwuchs.

Manche Frauen sind vor allem froh, dass sie nicht mehr alles selbst tragen müssen, andere, dass sie ein Einkommen haben, Essen und Schulhefte bezahlen können, dass sie ein Haus bauen konnten, dass sie nun alles selbst entscheiden können, niemand mehr um Hilfe fragen müssen, dass die Kinder und das Haus jetzt viel sauberer sind etc. Ich bewundere jedes Mal, wie viel die Frauen mit den Eseln erreichen. Oft haben die Mütter schon nach einem Jahr Gesundheit und Lebensumstände ihrer Familien deutlich verbessert und sind viel selbstbewusster.

Die Esel werden immer mehr zum vierbeinigen Hausbauprogramm. Viele Mütter bauen große Häuser mit Zement und Wellblechdach. Mariam Hassan Ali, die pfiffige Strohhändlerin aus Sheeb, hat noch zusätzlich eine ausladende überdachte Veranda gebaut, denn in Sheeb brennt die Sonne extrem. Ihre Freundin Fatna Mohamed Nur hat ein sehr hohes, kühles Haus gebaut und es innen mit selbst gestickten kunstvollen Wandtüchern geschmückt. Beide Häuser sind Paläste im Vergleich zu den früheren Behelfsunterkünften. In die Hütten und Unterstände regnet es hinein, sie sind heiß und stickig, der in manchen Regionen permanente Wind weht Sand hinein, in der Regenzeit ist der Boden Schlamm. Die Unterstände bieten keinerlei Schutz vor Tieren. Verglichen mit diesen Unterständen ist die hölzerne Strohscheune, die Mariam Hassan Ali mit dem Esel gebaut hat, ein sehr stabiles, dichtes und geräumiges Haus. Der Wunsch, in einem richtigen Haus zu wohnen, treibt die Frauen zu Anstrengungen, neben denen ich mich immer mickrig und schwach fühle. Senab Ali (Sheeb) mietete einen Esel, um überhaupt Geld für sich und ihre vier Kinder verdienen zu können. 2005 erhielt Senab Ali von der Frauenunion einen eigenen und kaufte vom Verdienst schon eine Ziege. Ich traf sie im Juni bei 45 Grad (im Schatten) unter praller Sonne, umgeben von Stapeln gesammelter langer Stöcke unter dem gerade errichteten Firstbalken, mit dem der Hausbau in Sheeb beginnt. Amna Nur Isak aus Afabet holt von einer zwei Stunden entfernten Stelle Bausand herbei - in einem Getreidesack, den sie aufgeschlitzt und zu Satteltaschen für den Esel umfunktioniert hat. Vor ihrer Hütte häuften sich schon zwei große Hügel Sand.

Unvorstellbar ist die Not vieler allein erziehender Mütter, die noch keinen Esel haben. "Meine Ernte reicht nie, um meine Getreideschulden vom Vorjahr zu bezahlen. Ich muss leihen, um Schulden bei jemand anders zu bezahlen", sagte Abrehet Andrebehan aus Zbam Segi (Debub) im Juni - ein paar Tage, bevor sie ihre Eselin bekam. Mit zwölf Jahren verheiratet, war sie mit 13 Kriegswitwe und Mutter. Als ihre Schwester starb, übernahm sie auch noch deren Kind. Jetzt, mit 18 Jahren, geht sie in die erste Klasse. Ihr größter Wunsch: schuldenfrei sein. Mit dem Esel, mit Wasser- und Holzhandel kann sie das schaffen - und in einigen Jahren auch ihren Wunsch wahr machen: einen eigenen Laden zu betreiben.

Jede hart erarbeitete Verbesserung wird bewusst und dankbar erlebt. Mona Mohamed Ibrahim aus Halale (ein paar Hütten ca. 20 km außerhalb von Assab) verlor ihren Mann 2000 im Krieg. Ihr Holzhaus brannte ab. Mit riesigem Zeit- und Energieaufwand bauten sie und ihre Kinder eine niedrige Hütte aus Bastmatten. Sie flechtet auch Matten, die sie in Assab verkauft. 2005 erhielt sie einen Esel, jetzt lohnen sich die Tagesreisen, um Palmzweige zu holen und Matten zu verkaufen. Der Esel hilft ihr auch, Ziegen zu züchten und für den Verkauf zu mästen, denn jetzt lohnt sich der Weg von sechs Stunden, um Futter zu holen. Nach Sonnenuntergang kam sie zurück und überreichte jedem ihrer vier Kinder ein ganzes trockenes Brötchen. Die Kinder wogen es in der Hand wie eine Kostbarkeit, bevor sie es aßen.

Für Momina Issa, allein erziehende Mutter von fünf Kindern aus Asbol (nahe der Grenze zu Djibouti), ist der Esel vor allem "Hebammentaxi". Die brennend heiße, Schatten freie Danakil-Region ist kaum besiedelt. Momina Issa betreut daher nur ca. vier Geburten im Monat, besucht aber jede Woche zehn bis zwölf Schwangere, da es weit und breit weder Arzt noch Fahrzeug gibt. Die regelmäßige Überwachung der Schwangerschaften ist für die Frauen lebenswichtig. Einen Tag, bevor ich nach Afta (Zula-Halbinsel) kam, war dort eine Mutter von drei Kindern bei der Geburt von Zwillingen auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Das Todesrisiko von Frauen bei Geburten ist in Eritrea extrem hoch ...

Sowohl Momina Issa als auch Fatna Omer Ibrahim, die ... als Hebamme mit dem Esel unterwegs ist, sagten, es gebe Erfolge gegen Genitalverstümmelung. Aber das brauche sehr viele Gespräche.

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