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Die ehemalige Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau: Bascha Mika.

Ex-FR-Chefredakteurin

„Vielleicht war ich schon mit sieben Jahren eine Feministin“

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Bascha Mika verlässt die Spitze der FR - und ihre Redaktion hat noch viele Fragen an sie. Michael Bayer trägt sie zusammen. Ein Gespräch über Frankfurt, High Heels und politische Vorbilder.

Hallo, Bascha, in Deiner letzten Woche als Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau müssen wir dringend noch einige Fragen an Dich loswerden. Eine, die unsere Frankfurter Leserinnen und Leser sehr beschäftigt, stellen wir gleich an den Anfang: Was passiert denn mit Deiner schönen Mietwohnung in der Berger Straße?

Mein Vogelnest unterm Dach? Ich habe es geliebt, von meinem Arbeitszimmer konnte ich über die Dächer bis zur EZB schauen. Nicht nur diesen Blick werde ich vermissen, wenn ich die Wohnung jetzt aufgebe. Bisher war mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Frankfurt, auch wenn ich noch ein Standbein in Berlin hatte. Jetzt ist Schluss mit der Pendelei, ich werde von Berlin aus für die Rundschau arbeiten. Ich werde zwar immer wieder in Frankfurt vorbeischauen, die Redaktion und die Stadt liegen mir einfach zu sehr am Herzen. Doch dafür gibt es Gästebetten bei Freunden.

Mit wem musst Du denn hier noch unbedingt einen Äppler trinken?

Mit mindestens zwei- bis dreihundert Leuten. Auf meinem großen Abschiedsfest nämlich, das eigentlich Ende April stattfinden sollte. Corona hat das gemeinerweise verhindert und mir auch den persönlichen Abschied von der Redaktion versaut. Es sind ja fast alle im Homeoffice. In diesem gesellschaftlichen Ausnahmezustand einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, ist doppelt merkwürdig: Ich bin gleich zweimal aus der gewohnten Welt gefallen. Doch es gibt eine Zeit nach dem Virus, und dann wird gefeiert! Mit den Kolleginnen und Kollegen, der Frankfurter Stadtgesellschaft und meinem Freundeskreis.

Was wirst Du an Frankfurt vermissen?

Außer dem Äppler? Die Offenheit dieser Stadt, die mich als Hinzugezogene ganz selbstverständlich aufgenommen hat und neugierig auf mich war. Die kontaktfreudigen Menschen, die mit mir schwätzen wollten, als wären wir alte Bekannte. Die Lust der Frankfurter, es sich mit einem Glas Wein gemütlich zu machen – immer gibt es irgendwo einen Winzerstand, an dem Leute zusammenstehen und plaudern. Die tolle Lage in der Mitte der Republik mit dem Rheingau in der Nähe – einfach großartig!

Freut sich Dein Mann, dass Du nicht mehr ständig weg bist?

Und wie! Ich aber auch. Es ist schon hart, sich nach gemeinsamen Tagen ständig wieder trennen zu müssen. Immerhin haben wir es geschafft, uns in den sechs Frankfurter Jahren nur eine Handvoll Wochenenden nicht zu treffen. Das ist doch ein schöner Liebesbeweis. Und eine Beziehung, die jahrelange Pendelei aushält, ist auch in anderer Hinsicht gestählt.

Was wirst Du an Frankfurt überhaupt nicht vermissen?

Außer den Kellnern, die sich weigerten, mir meinen Äppler auf Eis zu servieren? Die entsetzlich vollen Öffentlichen, wo ich mich häufig gefühlt habe wie auf einer Straße in Mumbai. Die S-Bahnen, die ständig ausfallen – in einer Metropole! Doch niemand regt sich wirklich auf oder kümmert sich darum, dass es mal besser wird. Das ist doch lächerlich! Dann stehst du da und kriegst Schnappatmung, weil der Flieger ganz sicher nicht wartet. Von dem Dreck und Gestank im und rund um den Hauptbahnhof will ich gar nicht erst anfangen. Das ist so peinlich für diese Stadt, das hat sie nicht verdient. Soll ich weitermachen?

Nein. Mehr gibt es ja auch nicht, was in Frankfurt nicht so schön ist. Lass uns ein wenig zurückblicken. Was für ein Typ warst Du als Schülerin? Typ Klassensprecherin? Die Coole? Die Schüchterne? Die, die den Jungs schon die Meinung gesagt hat?

Die Schüchterne ist nicht ernst gemeint, oder? Tatsächlich war ich Typ Klassensprecherin. Wenn du wie ich aus einer Familie mit fünf Kindern kommst und früh für deine jüngeren Geschwister verantwortlich bist, bleibt das nicht aus. Dann übernimmst du in jeder Gruppe schnell und selbstverständlich Führung und Verantwortung. Sonst wäre ich wahrscheinlich nicht 17 Jahre, mehr als die Hälfte meines journalistischen Lebens, Chefredakteurin gewesen.

Du bist also geübt darin, Dich durchzusetzen?

Als Kind und Jugendliche habe ich sehr viel mit meinem älteren Bruder und seinen Freunden zusammengesteckt. Deshalb musste ich früh lernen, ihnen ’ne Harke zu zeigen. Sonst hätten die mich eingemacht, auch bei den Raufereien. Ich war ja so klein und mickrig. Das übt darin sich zu wehren! Hat mir im Leben sehr geholfen. Ich weiß, dass ich zur Not streiten muss, um mich durchzusetzen. Und was hinzukommt: Mir macht nichts und niemand so schnell Angst.

Schwache unterstützen, Gerechtigkeit – auch die der Geschlechter –, diese politische Fragen bewegen Dich als Journalistin. Rührt das auch her aus der familiären Lage, die Du beschreibst?

Sicher. Meine Mutter hätte es mir nicht durchgehen lassen, wenn ich gemein zu meinen jüngeren Geschwistern gewesen wäre. Und alles gerecht zu teilen gehörte bei uns dazu – selbst wenn es nur die Tafel Schokolade war. Weniger gerecht fand ich allerdings, dass mein älterer Bruder sich sehr viel mehr erlauben durfte als ich. Und mein Vater hat mich häufig mit Sprüchen geärgert, die er lustig fand – über Dinge, die Mädchen angeblich nicht können. Ich fand das gar nicht komisch. Aber wahrscheinlich sollte ich ihm dankbar sein, dass er so früh meinen Widerstand und mein Gerechtigkeitsgefühl angestachelt hat. Ich behaupte mal, dass ich schon mit sieben Jahren Feministin war.

Und eine Linke?

Ich glaube, daran ist Jesus schuld. Ein bisschen zumindest. Oberschlesien, wo ich geboren bin, war damals genauso erzkatholisch wie der Rest Polens, und entsprechend konsequent haben meine Großeltern unsere religiöse Erziehung in die Hand genommen. Als Kind war Jesus für mich der Inbegriff dessen, wonach es sich lohnte zu streben: mitmenschlich, barmherzig und gerecht zu sein. Nicht umsonst wollte ich mit zehn Jahren Nonne werden – auch wenn sich dieser Wunsch nur wenige Jahre gehalten hat. Aber die christliche Prägung ist ja geblieben und hat ganz sicher einen Grundstein für mein linkes Bewusstsein gelegt.

Wann hast Du Deinen Marx gelesen?

Wie gesagt musste ich nicht erst Marx lesen, um eine Linke zu werden. Erst kam das Herz, dann der Verstand. Und persönliche Erfahrungen. Wir sind als Spätaussiedler Ende der 50er Jahre in der Bundesrepublik gekommen. Ich bin zweisprachig aufgewachsen und hatte deshalb überhaupt keine Sprachprobleme. Dennoch fühlte ich mich als Fünfjährige in Aachen, der Wahlheimat meiner Familie, ziemlich fremd. Nicht wirklich dazugehörig. Dass meine Eltern mit nur zwei Koffern aus Polen rübergemacht sind und die ersten Jahre jeden Pfennig umdrehen mussten, hat unsere Situation nicht einfach gemacht und mich sehr früh für soziale Verhältnisse sensibilisiert. Die Theorie kommt dann von ganz alleine.

Gab es diesen einen Moment, in dem Du dachtest, ich muss Journalistin werden? Und wenn ja, wann war das?

Mein Vater hat seine Kinder abends versammelt und ihnen Geschichten erzählt. Vieles, was er selbst mal gelesen hatte, wurde für uns entsprechend aufbereitet. Deshalb kannte ich bereits die ganze Winnetou-Erzählung, bevor ich überhaupt lesen konnte. Dieses Geschichtenerzählen hat mich geprägt, das wollte ich auch und hab dann für meine jüngeren Geschwister eigene erfunden. Von da war es nicht weit bis zu dem Wunsch, das auch beruflich zu machen. Schriftstellerei kam eigentlich nicht infrage, also habe ich angefangen, die Geschichten in der Wirklichkeit zu suchen.

Erst als Reporterin für die „taz“, dann dort als Chefin, zuletzt als Chefredakteurin der FR. In all den Jahren: Welche Gesprächspartnerin oder welcher Gesprächspartner hat Dich am meisten beeindruckt – und warum?

Was für eine Frage! So ticke ich aber nicht. Für mich ist immer derjenige Mensch wichtig und beeindruckend, mit dem ich gerade zu tun habe. Egal ob ich mit einer Obdachlosen spreche oder dem Bundespräsidenten. Selbstverständlich bin ich im Laufe der Jahre vielen interessanten und spannenden Leuten begegnet. Aber ein Ranking gibt’s bei mir nicht.

Das hast Du schön gesagt. Aber wir sind ja unter uns: Irgendjemand hat Dich doch bestimmt unerwartet umgehauen! Wer war’s?

Na gut, damit Du Ruhe gibst: Björn Engholm, der damalige Kanzlerkandidat der SPD. Wahrscheinlich, weil ich als frischgebackene „taz“-Reporterin mein erstes großes Porträt über ihn schreiben sollte und viel Zeit mit ihm verbracht habe. Erste große Recherche, erster Spitzenpolitiker, den ich näher kennenlernte. Und dann entpuppt sich dieser Mann bei aller politischen Professionalität als hochsympathischer, kulturaffiner, nachdenklicher Schöngeist. Er hat meine Vorurteile und Klischeevorstellungen über Berufspolitiker gründlich geschreddert. Und das war auch gut so. Ich habe dadurch viel für meine weitere Arbeit gelernt.

Wie sahen denn Deine Vorurteile und Klischeevorstellungen über Berufspolitiker aus? Und welche haben sich in Deiner langen journalistischen Arbeit als richtig erwiesen?

Wer in der Öffentlichkeit steht, ständig unter Beobachtung ist und viel kritisiert wird, legt sich häufig eine Persona zu. Eine Persönlichkeitsmaske fürs Publikum, hinter der die eigentliche Identität verborgen bleibt. Sei es aus Selbstschutz oder um ein Bild vorzutäuschen, das gesellschaftlich erwartet wird. Für mich war es immer ein journalistisches Erfolgserlebnis, ein Stück der wahren Identität eines Menschen zu entdecken und zu beschreiben – oder das, was ich dafür hielt.

Hast Du jemals über einen Wechsel in die Politik nachgedacht?

Was für eine schräge Idee – niemals! Entweder du bist auf der einen Seite des Tisches oder auf der anderen. Ich gehöre nicht zu den Journalisten, die davon träumen, Teil der politischen Machtelite zu sein. Und sei es nur, indem sie sich als Politikratgeber verstehen. Als Journalistin bin ich der Gesellschaft verpflichtet, mein Job ist – das klingt jetzt sehr altmodisch –, die Mächtigen zu kontrollieren – und nicht, mit ihnen zu fraternisieren.

Klingt so, als wäre Mut dafür hilfreich. Mut ist ein Schlüsselbegriff, der immer wieder bei Dir in Deinen Büchern, Serien und Artikeln auftaucht. Was bedeutet Dir Mut?

Da kommt wieder Jesus ins Spiel. Aber auch Winnetou. Beides bedauerlicherweise Männer, aber irgendwie auch androgyn – und sehr mutig! Sie waren meine Vorbilder in der Kinderzeit und haben dafür gesorgt, dass ich mich immer schäbig fühlte, wenn ich feige war. Dieses Gefühl war schwerer zu ertragen, als Angst und Feigheit zu überwinden. Das hat für mich nicht nur eine persönliche und biografische Bedeutung, sondern auch eine politische. Gerade für uns Frauen ist es wichtig, mutig für unser Rechte zu kämpfen und uns nicht mit der Rolle als Komplizinnen einer männlich dominierten Gesellschaft abzufinden. Wenn du als Frau auf Augenhöhe mit dem männlichen Teil der Gesellschaft sein willst, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als deinen Mut auszutesten.

Weil in jedem ordentlichen Porträt oder Interview mit einer Frau deren Kleidung ein Thema sein muss, bitte schön: Eine Kollegin möchte wissen, woher Du die tollen Klamotten hast, die Du immer trägst.

Bunt zusammengesucht, mal teurer, mal schlicht. Jedes Stück, das ich irgendwo entdecke, freut mich, Hauptsache, es passt zu mir. Ich habe Mode und Make-up schon immer geliebt. Klingt für traditionelle Feministinnen meiner Generation vielleicht daneben. Aber ich fand es schon immer Quatsch, dass weibliches Selbstbewusstsein und High Heels sich ausschließen sollen. Spitze Absätze sind schließlich auch eine gute Waffe.

Und ein Kollege interessiert sich für die Frage, wo Du denn künftig joggen wirst – wenn nicht mehr auf den Fluren der FR zwischen Blattmacherinnen und Layout?

Oft brauchte ich im Tagesablauf schlicht Bewegung. Einfach mal losrennen, um auf einem langen Flur von einem Ressort zum anderen zu kommen – das bringt Luft in die Lungen und befreit den Kopf, selbst auf einer Distanz von dreißig Metern. In Zukunft werden die Strecken wieder länger, nah bei unserem Haus liegt der Wald und ein See. Den zu umrunden, das sind nicht mehr als zehn Kilometer, das passt.

Vorletzte Frage: Bist Du lieber Interviewte oder Interviewerin?

Kommt schlicht darauf an, mit wem ich spreche.

Nun wirst Du die Redaktion als Autorin aufmischen. So hast Du es in Deiner Abschiedsrede gesagt. Klingt wie eine Drohung …

Selbst wenn, das würdet Ihr doch locker aushalten. Aber eigentlich ging es mir um eine andere Botschaft: Wer mitmischt, gehört dazu. Und das will ich auch in Zukunft keinesfalls missen – ein Teil der Rundschau-Familie zu sein.

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