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Patrick Siegele versteht das Anne-Frank-Zentrum auch als Stätte der Begegnung.

Interview

„Vieles ist heute leichter sagbar“

Patrick Siegele, Direktor des Anne-Frank-Zentrums in Berlin, über Antisemitismus

Welche Botschaft kann Anne Franks Tagebuch Jugendlichen heute vermitteln?
Die Geschichte von Anne Frank steht exemplarisch dafür, was passieren kann, wenn in der Gesellschaft Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung überhandnehmen, das ist sozusagen die Universalbotschaft. Mit unseren Ausstellungen und dem Anne-Frank-Tag, den wir alljährlich an ihrem Geburtstag begehen, wollen wir die Jugendlichen dazu befähigen, sich für Demokratie und Menschenrechte zu engagieren.

Laut Studien steigt der Antisemitismus bundesweit an, auch an Schulen. Wie erklären Sie das?
Die Schule bildet die zunehmend verrohende Gesellschaft im Kleinen ab. Viele Dinge sind mittlerweile leichter sagbar, es gibt weniger Hemmungen, sich antisemitisch zu äußern. Zudem ist es eine Bildungsfrage: Die Schüler wissen weniger über den Holocaust, weil das Unterrichtsfach Geschichte in vielen Bundesländern zugunsten der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer zurückgefahren wurde.

Wie lässt sich hier gegensteuern?
Neben mehr Geschichtsunterricht ist auch die Qualität entscheidend: Es darf nicht nur bei Zahlen und Fakten bleiben, sondern das Ganze muss ein Gesicht bekommen. Kinder und Jugendliche müssen Anknüpfungspunkte zum eigenen Leben haben. Dafür eignet sich die Geschichte von Anne Frank sehr gut: Sie lernen sie zuerst als ganz normales Mädchen im Teenageralter kennen, erfahren, dass sie gern schreibt, dass sie manchmal Probleme mit ihrer Mutter hat und ihren Vater sehr liebt. Erst dann setzen die Jugendlichen sich mit ihrer Verfolgungsgeschichte auseinander.

Äußern sich Jugendliche beim Besuch der Ausstellungen auch manchmal antisemitisch?
Ja, zumindest in Berlin gibt es laufend solche Vorfälle. Vieles ist israelbezogener Antisemitismus, etwa: „Was die Juden in Israel mit den Arabern machen, ist auch nichts anderes als Holocaust“. Aber auch die klassischen Stereotype hören wir wie etwa: „Alle Juden sind reich und einflussreich.“

Sind Schüler mit Migrationshintergrund dafür empfänglicher?
Nein, das kann man so generell nicht sagen. Man darf nicht leugnen, dass es solche Einstellungen bei Flüchtlingen gibt, die etwa aus dem Iran stammen, wo die Feindschaft zu Israel zur Staatsdoktrin gehört. Ich warne aber vor Pauschalurteilen, mit denen man sich dieses Problems entledigen will, anstatt bei sich selbst anzufangen.

Interview: Nina Schmedding, kna

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