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Ein Freiwilliger organisiert in Kenias Hauptstadt Nairobi die Verteilung von Lebensmittelpaketen an Bedürftige. 

Nothilfe

„Vielen ist klar, was da gerade passiert“

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Deutsche Hilfswerke beobachten hohe Spendenbereitschaft für Corona-Hilfsprogramme weltweit.

Die Corona-Pandemie trifft alle – jede und jeder spürt Konsequenzen im Alltag, bis hin zur Bedrohung der eigenen Existenz. Doch wo sich Ängste im eigenen Leben und in der Nachbarschaft breitmachen, wächst auch die Solidarität. Das zeigen zahlreiche Initiativen, die den „Lieblingsitaliener“ am Leben halten oder den Buchhändler um die Ecke retten wollen.

Wie aber steht es um die Hilfsbereitschaft für Entwicklungsländer, wenn der eigene Wohlstand in die Krise gerät? „Noch haben wir kein klares Bild, es ist diffus“, sagt Max Mälzer, Geschäftsführer des Deutschen Spendenrates. Es gebe Hilfsorganisationen, vor allem kleinere, die in diesem Jahr mit dramatischen Einbrüchen rechneten, andere sendeten positive Signale.

Ein Blick zurück: Die Bilanz für die ersten neun Monate des vergangenen Jahres fiel recht passabel aus. Rund 3,3 Milliarden Euro wurden von Januar bis September hierzulande insgesamt gespendet. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein leichter Rückgang von 1,3 Prozent, wie die Studie „Trends und Prognosen“ zeigt, die das Marktforschungsunternehmen GfK jährlich im Auftrag des Deutschen Spendenrates erstellt. 75,3 Prozent davon widmeten die Spender der humanitären Hilfe.

Die aufbereiteten Daten für die Neun-Monats-Periode erhält der Dachverband der gemeinnützigen Organisationen normalerweise erst zeitverzögert im November. Für dieses Jahr aber liegen bereits jetzt Zahlen für Januar und Februar vor, wie GfK-Analystin Bianca Corcoran-Schliemann der Frankfurter Rundschau auf Anfrage bestätigt. Demnach sackte der Spendeneingang insgesamt im Januar im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent ab, legte dann im Februar aber wieder um sechs Prozent zu.

Mit den Zahlen für März, als die Corona-Pandemie schon die Schlagzeilen beherrschte, rechnet die GfK erst in vier bis sechs Wochen. Das liegt daran, dass die Marktforscher regelmäßig die Spenden von 10 000 Personen ab zehn Jahren erfassen. Rund 20 Prozent der Panelteilnehmer melden ihre Zuwendungen noch schriftlich per Post. Sind alle Daten in Nürnberg eingegangen, werden sie auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

Viele Hilfswerke melden für den März aber schon eine Tendenz. Man sehe gerade eine wachsende Solidarität gegenüber den Betroffenen im Ausland, sagt Birte Steigert, Sprecherin der „Aktion Deutschland hilft“, einem Bündnis von mehr als 20 deutschen Organisationen wie Care, World Vision und Malteser Hilfsdienst. Seit dem ersten Aufruf Ende März seien bis Mitte dieser Woche beim Bündnis mindestens rund 1,5 Millionen Euro für die weltweite Corona-Nothilfe eingegangen, sagt Steigert. Und es seien noch nicht einmal alle Spenden gebucht – etwa die, die über Kreditkarten eingezogen werden.

Zum Vergleich: Für ein ähnliches Spendenvolumen für die humanitäre Hilfe im Bürgerkriegsland Jemen brauchte es mehr als 200 Buchungstage, für syrische Flüchtlinge kam diese Summe bei der „Aktion Deutschland hilft“ sogar erst nach 300 Tagen zusammen. „Die Resonanz ist in der aktuellen Corona-Krise also sogar stärker“, sagt Steigert.

Auch das „Bündnis Entwicklung hilft“, dem neben Terre des Hommes, Medico International und der Welthungerhilfe acht weitere Organisationen angehören, zieht eine erste positive Bilanz. Das Ergebnis eines Aufrufes per Post vor den Osterfeiertagen sei außergewöhnlich gut gewesen, berichtet Bündnis-Geschäftsführer Peter Mucke. Innerhalb einer Woche sind nach seinen Angaben rund 500 000 Euro für den Spendenzweck „Corona-Pandemie weltweit“ zusammengekommen. „In Zeiten der Krise halten die Menschen zusammen und viele zeigen große Solidarität“, so das Fazit Muckes.

Das bestätigt auch Anne Dreyer, Kommunikationschefin von „Brot für die Welt“, mit Blick auf den Spendeneingang beim kirchlichen Hilfswerk. „Auch wenn wir jetzt nicht dieses eine Momentum einer Naturkatastrophe haben, deren Folgen mit ausdrucksstarken Bildern der Zerstörung und des Leids transportiert werden können, ist vielen Menschen klar, was da gerade passiert“, sagt Dreyer. Die Corona-Krise sei eine globale Erfahrung. „Wer sich nun selbst seiner Verwundbarkeit bewusst wird und gleichzeitig erlebt, dass die Gesundheitsversorgung und die sozialen Sicherungssysteme im eigenen Land funktionieren, der versteht jetzt umso besser, was es heißt, in einem Slum in Nairobi zu leben.“

Trotz der aktuellen Spendenbereitschaft – eine Vorhersage für die kommenden Monate wagt Peter Mucke nicht. „Aufgrund der wirtschaftlichen Talfahrt kann sich auf Dauer ein ganz anderes Bild ergeben“, warnt der Bündnis-Geschäftsführer. Die Folgen für die humanitäre Arbeit wären katastrophal. „Der Bedarf an Unterstützung wird lange sehr groß bleiben“, sagt Achim Reinke, Sprecher von Caritas International. Die Projekt-Partner des katholischen Hilfswerkes stünden in vielen Ländern jetzt gerade vor der Entscheidung, den Menschen entweder Seife oder Reis in die Hand zu geben. „Sie brauchen unbedingt aber beides.“

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