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Naïla Chikhi.
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Naïla Chikhi.

Islam

„Viele verwechseln Islam und Islamismus“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Menschenrechtspreisträgerin Naïla Chikhi spricht im Interview über Heimatgefühle, Kreuze und Kopftücher, Frauen und Jungmänner wie auch über die notwendige religiöse Blindheit des Rechtsstaates.

Frau Chikhi, Sie mussten 1995 Algerien verlassen, weil Ihre Familie von islamistischen Kräften verfolgt wurde. Wie war die Situation damals in Algerien?

Meine Eltern waren politisch engagiert, sie kämpften für einen demokratischen und laizistischen Staat. Sie wurden persönlich bedroht, es gab islamistischen Terror. Deshalb entschieden sich meine Eltern, zunächst ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. So kam meine Schwester nach Frankreich, ich ging zuerst nach Tunesien und dann später auch nach Frankreich. Dort habe ich mein Abitur gemacht und begonnen zu studieren. 1999 kam ich dann nach Deutschland.

Sie mussten also Ihre alte Heimat verlassen und kamen in ein neues Land. Wie gehen Sie heute persönlich mit dem Begriff Heimat um?

Ich stehe dem Begriff Heimat positiv gegenüber. Ich besaß schon in Algerien unterschiedliche Heimaten. Grundsätzlich sage ich: Die Welt ist meine Heimat. Aber natürlich gilt das insbesondere für den Ort, für den ich mich ganz bewusst entschieden habe, an dem ich ganz bewusst mein Leben verbringe. Deshalb, ja: Deutschland ist meine Heimat. Darüber hinaus bin ich frankophil, fühle mich verbunden mit französischen Leuten, habe viel mit ihnen zu tun.

Wenn Sie an die vergangenen 20 Jahre in Deutschland zurückdenken, würden Sie sagen, dass der Islamismus hierzulande stärker geworden ist?

In jedem Fall. Das war der Grund für mich, meine politische Arbeit wieder aufzunehmen und mit anderen Frauen zusammen die Initiative „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ zu gründen. Ich habe mich in Deutschland stets in Sicherheit gefühlt, weil es nicht so stark von islamistischem Terror betroffen war wie Frankreich. Aber der Islamismus hierzulande wird auch vonseiten des Staates und der Öffentlichkeit immer stärker unterstützt. Viele verwechseln den Islam als Religion und den Islamismus. Das ist eine ziemlich beängstigende Entwicklung.

Wie sieht diese Unterstützung des Islamismus konkret aus?

Sie zeigt sich etwa in Vereinen und Verbänden, mit denen der Staat zusammenarbeitet und die einen sehr konservativen bis fundamentalistischen Islam vertreten. Auch in der deutschen Islamkonferenz sind säkulare Kräfte in der Minderheit. Sie werden vom Staat nicht so unterstützt wie andere Vereine, die nur Lippenbekenntnisse zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung abgeben. Auch in den Moscheen dringen die fundamentalistischen Kräfte vor.

Person und Sache

Naïla Chikhi wurde 1980 in Algier geboren. Sie hat angewandte Sprach- und Kulturwissenschaften an der Universität Mainz studiert. Nach dem Studium war sie Dozentin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache bei den Bamf-Integrationskursen, später Referentin für Flucht und Frauenrechte bei einer deutschen Frauenrechtsorganisation, sowie Workshop-Leiterin bei „Mind – Prevention“, Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention. Heute engagiert sie sich in verschiedenen Gremien. Sie ist Gründungsmitglied der Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung.

Mit dem Menschenrechtspreis 2021 wurde die Initiative „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ ausgezeichnet. Stellvertretend erhielten die Würdigung Naïla Chikhi und Fatma Keser aus der Türkei. Sie wollen Frauen eine Stimme geben, die unter patriarchalischen und religiösen Zwängen leiden. Der Frankfurter Preis ist mit 5000 Euro dotiert.

Die Ingrid zu Solms-Stiftung wurde 1994 gegründet. Sie will insbesondere Frauen unterstützen, „die sich nicht dem traditionellen Rollenbild fügen“. jg

Sie betonen die Säkularität als Ziel und haben sich in Berlin etwa für das Neutralitätsgesetz eingesetzt, das religiöse Symbole und Bekundungen in staatlichen Institutionen verbietet. Warum ist Säkularität wichtig?

Ich erwarte, dass die staatlichen Institutionen neutral bleiben gegenüber religiösen Überzeugungen. Das steht auch so im Grundgesetz. Das ist in den Schulen besonders wichtig. Dort sollen die Kinder im Mittelpunkt stehen und nicht die Personen, die sie unterrichten. Aber auch bei der Polizei und in den Behörden sollte es keine religiösen und politischen Bekundungen geben, kein Kopftuch, kein Kreuz als Kettenanhänger und keinen Anti-Atomkraftaufkleber.

Und auch kein Kruzifix an der Wand?

Genau, auch kein Kruzifix an der Wand. Unsere Gruppe tritt dafür ein, dass das Berliner Neutralitätsgesetz bundesweit angewendet wird. Aber in acht von 16 Bundesländern gibt es kein solches Gesetz.

Wie sehr sind Sie persönlich Anfeindungen ausgesetzt, wenn Sie diese Ziele öffentlich verfolgen?

Die bisher heftigste Auseinandersetzung gab es im Januar 2020 bei einer Podiumsdiskussion an der Frankfurter Universität, an der ich teilnahm. Da wurde ich persönlich scharf angegriffen, als ich sprechen wollte, es gab laute Zwischenrufe und auch Handgreiflichkeiten, allerdings nicht mir gegenüber. Die Veranstaltung musste schließlich abgebrochen werden. Mit inhaltlicher Kritik komme ich klar. Aber da habe ich mir gesagt: Jetzt reicht es! Deshalb haben wir Frauen uns dann zusammengeschlossen und jetzt kämpfen wir um unsere Grundrechte wie etwa die Meinungsfreiheit. Mir wird ja sogar vorgeworfen, dass ich eine anti-islamische Rassistin bin. Aber Religion ist keine Rasse!

Wie würden Sie Ihre Gegner beschreiben, von denen Sie öffentlich angegriffen werden?

Es sind sowohl Männer wie auch Frauen. Es herrschen patriarchalische Strukturen. Wenn die Männer das Wort ergreifen, schweigen die Frauen und nehmen eine untertänige Haltung ein. Aber es sind nicht nur muslimisch geprägte Personen, die uns attackieren. Es sind auch Nicht-Muslime darunter. Ich nenne sie die neuen Pseudo-Linken. Es fällt mir schwer, sie links zu nennen. Ich komme selbst aus einem politisch linken Elternhaus. In Frankreich heißen diese Menschen Islamismus-Linke. Sie verwechseln Islam und Islamismus. Selbstverständlich hat der Islam seinen Platz in der Welt wie jede andere Religion und Weltanschauung. Das gehört zum Prinzip der Vielfalt. Aber für den Islamismus sollte es keinen Platz geben.

Was erleben Sie persönlich als gebürtige Nordafrikanerin, wenn Sie sich im öffentlichen Raum bewegen?

Im öffentlichen Raum werde ich dumm angemacht. In Stadtteilen wie Berlin-Neukölln zum Beispiel erlebte ich den gleichen Druck, wie es ihn in Algerien gab. Ich wurde aufgefordert: Zieh Dich anständig an! Bedeck Dich! Das hat dazu geführt, dass ich aufgehört habe, in Neukölln zu arbeiten. Und eine Zeitlang bin ich dort auch nicht mehr hingegangen, auf keinen Fall mehr abends. Ich bin dann in den Wedding umgezogen. Aber auch dort wurde ich von Jugendlichen auf der Straße belästigt, weil ich einen Rock getragen habe. Die neuen Pseudo-Linken wollen dieses Verhalten nicht wahrhaben. Sie sagen: Oh, in diesen Stadtteilen ist es doch so lebendig und vielfältig!

Kann man diese Jugendlichen erreichen? Glauben Sie, dass man etwas verändern kann?

Ja. Ich glaube wirklich, dass man mit diesen Jugendlichen reden kann. Aber dazu brauchen wir eine neue Integrationspolitik in Deutschland. Leider ist hier in den zurückliegenden Jahren viel versäumt worden.

Wie kommt man an die Jugendlichen heran, die vom Islamismus beeinflusst sind?

Nun, ich habe mit diesen Jugendlichen in Workshops gearbeitet. Ganz wichtig ist es, auf Augenhöhe mit ihnen zu reden, sie als Menschen ernst zu nehmen. Meistens freuen sie sich darüber, dass jemand sich tatsächlich für sie persönlich und ihre Einstellung interessiert. Sie entdecken, dass sie imstande sind, selbstständig zu denken. Dieser Ansatz müsste vom Staat wesentlich mehr gefördert werden.

Der Staat hat jetzt reagiert und einige Vereine und Gruppierungen verboten. Aber ist das der richtige Weg?

Islamisten sind politische Chamäleons. Sie sind Meister der politischen Unterwanderungsstrategie. Diese Unterwanderung ist ihnen in etlichen Ländern gelungen. Leider wird dagegen noch immer zu wenig getan. Man müsste zum Beispiel der Finanzierung der Islamisten stärker nachgehen. Das ist Aufgabe des Verfassungsschutzes und der Polizei. Wo Gruppen gegen die Werte des Grundgesetzes und gegen die Menschenrechte verstoßen, sollten sie verboten werden. Aber mit Verboten ist es nicht getan.

Wie soll diese neue Integrationspolitik aussehen?

Ganz wichtig wäre, dass der Staat keine Religionszugehörigkeiten unterstützt. So kann man keine Integrationsarbeit machen. Es gibt viele Atheisten und Christen unter den Migrantinnen und Migranten. Sie werden kaum unterstützt. Sie fallen durch alle Raster.

Sie haben jetzt den Menschenrechtspreis der Ingrid-zu-Solms-Stiftung in Frankfurt erhalten. Wie geht es weiter mit den „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“?

Wir konzentrieren unsere Arbeit auf die politische Ebene. Unser erstes Ziel ist es, unsere Stimme zu erheben. Wir wollen mitsprechen! Unser zweites Ziel ist es, unser eigenes Büro zu eröffnen. Das wird nicht einfach werden. Denn es wird mit Tomaten und Eiern beworfen werden. Wir haben keine Angst. Aber wir möchten auch nicht, dass die Frauen, die zu uns kommen, Angst haben.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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