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"Das Wichtigste ist, dass in der Stadt und regional alle Kräfte mitwirken müssen, um Unrecht anzuprangern", sagt Mesale Tolu.

Mesale Tolu

"Viele verbreiten Angst"

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Ein Gespräch mit der Journalistin Mesale Tolu über die Monate im Gefängnis, Fragen der Haltung ? und warum sie zu ihrem Prozess in die Türkei reist.

Mesale Tolu ist zu Besuch in Köln, um mit Günter Wallraff über Solidaritätsaktionen für den in Istanbul inhaftierten Sozialwissenschaftler Adil Demirci zu sprechen. Die beiden sind befreundet – der Kölner Undercover-Journalist beobachtete Tolus Prozess in Istanbul und unterstützte die Familie. Er wird auch zum Prozessauftakt von Demirci am 20. November reisen. Mesale Tolu, die acht Monate in Untersuchungshaft saß, ist sich sicher, dass sich die Bundesregierung aufgrund des großen öffentlichen Drucks so vehement für die Freilassung von Deniz Yücel, Peter Steudtner, Dogan Akhanli und ihr eingesetzt habe. Es sei beschämend, dass Demirci und weitere inhaftierte Deutsche nicht in ähnlicher Weise Solidarität erführen. 

Frau Tolu, Sie sind Mitte Oktober zu Ihrem Prozess nach Istanbul geflogen – obwohl Sie dort acht Monate in Untersuchungshaft saßen, davon sechs mit Ihrem Sohn Serkan. Sie hätten erneut festgenommen werden können, viele Freunde hatten Ihnen von der Reise abgeraten. Warum sind Sie dennoch geflogen? 
Ich habe schon am Tag meiner Rückkehr nach Deutschland gesagt, dass ich zu meinem Prozess fahren möchte. Zum einen, weil meinem Mann und mir im selben Verfahren der Prozess gemacht wird – zum anderen, weil meine Inhaftierung damit begründet wurde, es herrsche Fluchtgefahr. Die bestand bei mir aber nie. Ich bin nach der Ausreisegenehmigung am 20. August noch fast vier Wochen in Istanbul geblieben. Mit meinem Sohn hätte ich nie fliehen können. 

Aber war es nicht trotzdem ein Risiko, wieder einzureisen?
Die Entscheidung war wegen meines Sohnes sehr, sehr schwierig. Aber ich habe schon immer mit dem Risiko gelebt, verhaftet zu werden. Das geht jedem Journalisten in der Türkei so, der sich regierungskritisch äußert. Und wenn man für eine linke Presseagentur arbeitet wie ich, erst recht. Das ist ja vielen in Deutschland nicht so bewusst: Menschen, die sich in einer Gruppe engagieren, die Erdogan nicht passt, sind immer in Gefahr. Nicht nur Journalisten, auch Richter, Lehrer, Verwaltungsangestellte, Mütter, Väter – alle. 

Was gab letztlich den Ausschlag, zum Prozess zu fliegen? 
Unsere Anwälte haben gesagt, dass die Chance für meinen Mann, ausreisen zu dürfen, steigt, wenn ich zum Prozess anreise – sonst könnten die Richter bei ihm argumentieren: Wenn wir Sie rauslassen, machen Sie es wie Ihre Frau und bleiben in Deutschland. Vor allem braucht mein Sohn für sein Seelenheil auch seinen Vater. Wir haben sehr lange getrennt gelebt, und müssen wieder zusammenleben, um unsere Wunden zu heilen. 

Es hat sich gelohnt: Ihr Mann, der ebenfalls inhaftiert war, darf nun auch ausreisen, obwohl der Prozess gegen Sie beide im Januar 2019 fortgesetzt wird. Was machen Sie in der Zwischenzeit? 
Das Visum meines Mannes ist ausgelaufen, als er im Gefängnis war. Sobald er nach Deutschland kommt, wollen wir zu dritt zusammen leben, das ist das Wichtigste. 

Es ist zu lesen, Sie suchten auch einen Job – bekommen Sie keine Angebote? 
Ich würde gern wieder als Journalistin arbeiten. Angebote gab es bislang kaum, aber ich habe mich auch noch nicht beworben, weil ich viel auf Veranstaltungen spreche und gut ausgelastet bin. 

Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der ehemals regierungskritischen Zeitung „Cumhuriyet“, der in Berlin lebt, sagt, er fühle sich inzwischen eher als Aktivist denn als Autor. Wie geht es Ihnen? 
Für mich lässt sich das nicht klar trennen. Aktivisten nehmen immer eine klare Haltung ein – und das müssen Journalisten, die sich noch trauen, kritisch zu sein, gerade in der Türkei auch tun: Denn dort werden täglich Menschen inhaftiert, ohne dass das begründet wird. In einem Staat wie der Türkei kann man nicht zwischen Beruf und Alltag trennen. 

Können Sie schon über die Zeit der Haft schreiben?
Ja, erstaunlicherweise geht das. Für einen Artikel habe ich im Sommer mit einer ehemaligen Mit-Inhaftierten gesprochen, da ist viel hochgekommen. Mir bringt schreiben aber viel, ich kann die Zeit so besser verarbeiten. Es gibt emotional sehr schwere Momente. Aber ich denke, ich komme gut klar.

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Öffentlich sagen Sie oft, die Zeit der Haft habe Sie stärker gemacht. Inwiefern? 
Ich sage mir immer wieder: Du bist nicht die einzige, in der Türkei und anderswo auf der Welt erleben Hunderttausende Menschen das Gleiche. Und sie leben alle weiter. Sehr viele Journalisten rechnen vom ersten Tag an damit, irgendwann in Haft zu kommen. Die Zeit in Haft ist eine Zeit der Bildung, man versucht, sich zu stärken. Wir wussten, dass der Staat uns zum Verstummen bringen will – und dagegen kämpfen wir an. Das geht nur, wenn man stark ist. Ich sage wir, weil ich mit Frauen inhaftiert war, die genauso grundlos im Gefängnis saßen und weitergemacht haben. Das Gefühl, dass wir zusammenstehen und uns nicht brechen lassen, hat mich stark gemacht. 

Sind Frauen, die das Regime kritisieren, in der Türkei besonders gefährdet?
In der Türkei gibt es die verbreitete Ansicht der Regierung, dass Frauen zu Hause bleiben, drei Kinder gebären und im Hintergrund stehen sollen. So sagt es der Staatspräsident. Viele gehen kaum auf die Straße, höchstens in ihrem Viertel, und nie zu öffentlichen Veranstaltungen. Frauen, die sich öffentlich engagieren, sind der Regierung da ein besonderer Dorn im Auge. Deswegen werden viele Frauendemonstrationen aufgelöst, das passt wie auch Kundgebungen von sexuellen oder religiösen Minderheiten nicht in das Konzept des islamisch-konservativen Staates. Alles, was nicht in dieses Raster passt, muss weggesperrt oder verboten werden.

Aus deutscher Sicht ist es offensichtlich, dass die Türkei kein Rechtsstaat mehr ist. In Deutschland wählen aber zwei Drittel der Wahlberechtigten Erdogan beziehungsweise sein Verfassungsreferendum. Wie passt das zusammen?
Für die Menschen, die in einer Demokratie in Sicherheit leben, ist es einfach, für ein Land zu stimmen, in dem sie selbst nicht dauerhaft leben werden. Ein großer Anteil der Menschen hier wird nie dauerhaft in der Türkei leben wollen. Die Menschen fühlen sich trotzdem ideologisch Erdogan zugehörig – auch, weil er der erste war, der ihnen Wahlrecht gegeben hat, der gesagt hat: Ihr gehört zu unserem Volk, ich setze mich für euch ein. Dieses Zugehörigkeitsgefühl hat sie in ihrem Nationalstolz bestätigt.

Und diese Emotionen wiegen schwerer als das Bewusstsein für den Wert einer funktionierenden Demokratie? 
Erdogan hat das geschickt gemacht: Immer wenn ein EU-Land die Türkei auf die Einhaltung demokratischer Rechte aufmerksam gemacht hat, hat Erdogan – vor allem an die Türken im Ausland gerichtet – gesagt: Wir werden schon wieder angegriffen! Wir müssen zusammenhalten! Unser Land wird beschädigt! Andererseits ist bei der Integration viel schiefgelaufen.

Was fällt Ihnen als Erstes ein?
Man sagt immer noch Deutsch-Türken – wir sind also noch immer noch keine Deutschen. Obwohl ich zum Beispiel noch nicht mal auf dem Papier Türkin bin. Solche Zuschreibungen lassen Menschen anders sein. Aber warum muss ich anders sein als meine Nachbarin? Will ich doch gar nicht. 

Sie waren in der Jugend Pfadfinderin und Cheerleaderin, ziemlich Deutsch-Amerikanisch. Warum wird immer noch von Deutsch-Türken gesprochen?
Weiß ich auch nicht so richtig. Von Deutsch-Spaniern oder Deutsch-Italienern höre ich nie. Meine griechische Freundin wurde nie Griechisch-Deutsche genannt. Vielleicht liegt es an der hohen Zahl an türkischen Einwanderern. Vier Millionen. Uns ist vielleicht nie ganz klargeworden, dass die Menschen hier bleiben. Lange dachten alle: Das sind die Gastarbeiter, die fahren irgendwann zurück. Immer, wenn die Arbeitslosenzahl gestiegen ist, wird es auf die Migranten geschoben. Dieser Rassismus kehrt leider gerade wieder zurück. 

Haben Sie in Ihrer Jugend in Neu-Ulm auch Rassismus erlebt? Sind Sie diskriminiert worden? 
Ich habe erlebt, dass man mich auf die Realschule schicken wollte, obwohl ich sehr gute Noten hatte. Da kommt sie besser zurecht, hieß es – dabei war ich besser in der Schule als meine Freundin, die eine Gymnasialempfehlung bekam. Mein Vater war für alle der Sohn eines Gastarbeiters. Ich war die erste in der Familie, die Abitur gemacht und studiert hat. 

Sie hatten eine Wohnung in Istanbul und eine in Ulm. Ist das Kapitel Istanbul für Sie abgeschlossen?
Die Wohnung wird aufgelöst, aber ich schließe nicht aus, wieder in die Türkei zu fahren. Es läuft weiterhin ein Prozess gegen mich. Es gibt viele Freunde dort. Mit meiner Geschichte will ich erst recht darauf zeigen, was in der Türkei gerade passiert. Erstmal werde ich aber in Deutschland arbeiten, weil mein Sohn und seine Gesundheit für mich am wichtigsten sind. 

Populisten und Autokraten kommen in immer mehr Ländern an die Macht, einige deutsche Politiker sympathisieren mit Trump, die AfD hat sich längst etabliert. Was folgt für Sie daraus? 
Dass es höchste Zeit ist, für Toleranz, Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen, gemeinsam mit allen, denen ihre Freiheit wichtig ist. In der Türkei haben wir gesehen, wie uns freiheitliche Räume weggenommen werden, wie man nicht mehr alles sagen darf, wie Angst sich ausbreitet. Wenn man in unser Land guckt, sieht man ebenfalls starke Nationalismustendenzen – viele wollen die Gesellschaft spalten und verbreiten Angst. Das dürfen wir nicht zulassen. 

Für Sie wurden 130 000 Unterschriften gesammelt, als Sie im Gefängnis waren, noch größer war die Solidaritätskampagne für den „Welt“-Journalisten Deniz Yücel, auch der Kölner Dogan Akhanli hat viel öffentliche Unterstützung erfahren, als er verhaftet wurde. Der Kölner Journalist Adil Demirci und die Kölner Sängerin Hozan Cane, die derzeit in der Türkei inhaftiert sind, müssen dagegen um jede Meldung kämpfen. Woran liegt das? 
Die Bundesregierung hat sich auch wegen des großen öffentlichen Drucks so sehr für Deniz Yücel, Dogan Akhanli, den Menschenrechtler Peter Steudtner und für mich eingesetzt. Bei mir kam dazu, dass ich eine Frau bin und mit Kind inhaftiert war. Mein Solidaritätskreis hat ein sehr großes Bündnis gefunden, parteiübergreifend, Stadtrat, Landrat, Bürgermeister, alle. Es ging nicht darum, dass ich in einer linken Nachrichtenagentur gearbeitet habe, sondern darum, dass ich eine Frau mit Kind bin. Das Wichtigste ist, dass in der Stadt und regional alle Kräfte mitwirken müssen, um Unrecht anzuprangern. Und das habe ich bei Adil Demirci und Hozan Cane leider nicht gesehen – bei Adil stand eher im Vordergrund, dass er auch für eine linke Agentur gearbeitet hat. Es wurde nicht mal ein Raum für eine Veranstaltung zur Verfügung gestellt. Das ist traurig, eigentlich beschämend. 

Ihnen wird die Teilnahme an einer Beerdigung vorgeworfen und die Unterstützung einer verbotenen Partei. Was hat es damit auf sich?
Ich habe an vier Veranstaltungen teilgenommen, an öffentlichen Beerdigungen von Frauen, die bei Polizeieinsätzen ums Leben gekommen waren, und einer Demonstration. Am Anfang lautete der Vorwurf Terrorpropaganda, später hieß es noch Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung – darauf haben die Kläger aber nur geschlossen, weil ich an den Veranstaltungen teilgenommen habe. Beweise gibt es dafür natürlich nicht. Die gibt es bei Anklagen von Regimegegnern ja eigentlich nie. 

Das Gespräch führte Uli Kreikebaum 

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