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Missbrauch in der katholischen Kirche ist allgegenwärtig.

Ermittlungen

Viele Täter bleiben wohl unbehelligt

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Justiz ermittelt gegen Dutzende Geistliche.

Die deutsche Justiz führt infolge der im September veröffentlichten Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz derzeit mindestens 38 Ermittlungsverfahren gegen katholische Geistliche und Laien. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland unter den für die 27 Diözesen zuständigen Staatsanwaltschaften. Demnach hat allein die Staatsanwaltschaft Tübingen, die für die Diözese Rottenburg-Stuttgart zuständig ist, 22 Ermittlungsverfahren eröffnet. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt gegen 14 Beschuldigte. Bei der Staatsanwaltschaft Hildesheim sind noch zwei Verfahren anhängig.

Die MHG-Studie – der Name resultiert aus den Standorten der beteiligten Forscher, den Unis Mannheim, Heidelberg und Gießen – hatte im Herbst ein erschreckendes Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche offenbart. Zwischen 1946 und 2014 sollen sich demnach 1670 Kleriker sexueller Vergehen an Minderjährigen schuldig gemacht haben. Die Akten der Diözesen, Grundlage der Studie, wiesen 3677 minderjährige Opfer aus, vor allem Jungen. Die Studie enthält allerdings keine Namen von Tätern oder Opfern. Um eine juristische Verfolgung der Täter sicherzustellen, haben sechs deutsche Strafrechtler im Herbst Strafanzeige gegen Unbekannt bei allen zuständigen Staatsanwaltschaften erstattet. „Die Opfer haben ein Recht darauf, genauso behandelt zu werden wie Opfer jenseits der kirchlichen Sphäre“, argumentiert der Hamburger Strafrechtsprofessor Reinhard Merkel. Zudem zeigten die Behörden in dieser Sache wenig Eile, kritisierte er.

Die meisten Staatsanwaltschaften, darunter Hamburg, Münster, Freiburg, Magdeburg und Köln, überprüfen derzeit nach eigenen Angaben noch Akten, die ihnen von den Bistümern zur Verfügung gestellt wurden. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden, zuständig für das Bistum Meißen, prüft Verdächtigungen gegen 27 Kleriker.

Ob es noch zu vielen neuen Prozessen kommt, ist allerdings trotz der zahlreichen Ermittlungsverfahren ungewiss. Als Hauptproblem gilt die Verjährung vieler Fälle, auch seien nicht alle Fälle aus der Studie tatsächlich strafrechtlich relevant. Es werde „nur in Ausnahmefällen zu einer Anklage kommen“, erklärt deshalb der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, Martin Steltner. Die Taten, deretwegen seine Behörde derzeit ermittelt, erstreckten sich auf den Zeitraum 1973 bis 2014. Die Staatsanwaltschaft Tübingen machte dazu keine Angaben.

Den Verdacht, die Bistümer könnten die juristische Aufarbeitung behindern, wiesen mehrere Behörden zurück. „Das Bistum kooperiert sehr gut“, betont Steltner. In Hildesheim habe das Bistum die Ermittlungen selbst initiiert, erklärt Sprecherin Christina Pannek.

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