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Gefährliche Überfahrt: Seenotretter finden ein Boot mit vierzig stark dehydrierten Migranten auf dem Mittelmeer.

Flüchtlinge

Zu viele schauen weg

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Libyen-Experte Thomas Hüsken beklagt die Tatenlosigkeit der EU im Zusammenhang mit den Internierungslagern für Flüchtlinge.

Der Raketeneinschlag im Internierungslager Tadschura in der Nähe von Tripolis ist auf Satellitenbildern deutlich zu sehen: Ein Teil des Hangars, in dem 126 Menschen eingepfercht waren, wurde am Mittwochmorgen ausradiert. 53 Menschen starben, 130 wurden verletzt.

Die Vereinten Nationen sprechen nach der Attacke auf das Camp von einem Kriegsverbrechen, die international anerkannte libysche Regierung unter Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch beschuldigte die Milizen des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar. Der 75-jährige Warlord wiederum beschuldigt die Gegenseite. Dass der Angriff ein Versehen war, ist unwahrscheinlich. Dennoch konnte sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in einer Dringlichkeitssitzung nicht auf keine klare Position einigen. Die USA blockierten eine gemeinsamen Erklärung, in der ein Ende der Kämpfe gefordert wird.

Es ist bereits der zweite Angriff auf das Lager in Tadschura. Seit Haftar seine Offensive gegen Tripolis im April begonnen hat, geraten Migranten aus Afrika immer häufiger ins Kreuzfeuer des Bürgerkriegs. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR fehlt es 1,3 Millionen Menschen im Land an medizinischer Versorgung, Nahrung, sauberem Wasser oder Unterkünften. Fast 220 000 Heimatlose halten sich in Libyen auf, 45 000 Asylsuchende haben sich bei der Organisation gemeldet. 90 Prozent von ihnen haben laut UNHCR Europa als Ziel.

„Libyen ist komplett überfordert“, sagt Thomas Hüsken, Ethnologe und Libyen-Experte von der Universität Freiburg. Zum Bürgerkrieg, der erodierenden Staatlichkeit, dem Einbruch der Wirtschaft und der hohen Arbeitslosigkeit kommen die Migrantenströme aus anderen Ländern hinzu. Mit diesen Problemen muss das viertgrößte Land Afrikas alleine zurechtkommen: „Die EU hat die Grenzen dichtgemacht. Man versucht die Probleme loszuwerden und an Länder wie Libyen zu delegieren“, sagt Hüsken.

Lokale Milizen verdienen

Die Migranten kommen aus Somalia, dem Sudan, Eritrea, aber auch aus westafrikanischen Staaten. Sie sind wochenlang unterwegs durch die Sahara. Wie viele auf dem Weg zum Mittelmeer sterben, ist unbekannt. „Diese Strapazen sind enorm“, sagt Hüsken. Wer es dennoch an Bord eines der Schiffe schafft, dem steht die gefährliche Überfahrt bevor. Dass Boote mit Migranten von Seenotrettungsorganisationen wie Sea Watch gefunden werden, ist eher die Ausnahme. 600 Menschen sind 2019 nach offiziellen Angaben ertrunken, die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Für Flüchtlinge hat sich die Lage seit dem „Arabischen Frühling“ und der Entmachtung des langjährigen Despoten Mummar al-Gaddafi 2011 verschlimmert. Zwar habe es auch unter seiner Zeit Lager gegeben, in denen es Menschenrechtsverletzungen gab – allerdings hatte die Regierung Kontrolle über die Flüchtlingsströme. „Gaddafi war deswegen ein gern gesehener Partner der EU“, sagt Hüsken. Der Diktator hatte gute Beziehungen in die Herkunftsländer vieler Migranten. Er betrieb eine lockere Visa-Politik, um Menschen als günstige Arbeitskräfte in das ölreiche Libyen zu holen. Lokale Bevölkerungsgruppen sorgten für einen zuverlässigen Transport durch die Sahara. „Seit seinem Sturz gibt es das nicht mehr“, sagt Hüsken.

Stattdessen gibt es Berichte über Menschenhandel und Versklavung. Lokale Milizen agieren als Menschenhändler, sodass „die Willkür und spontane Gewalt sicher größer geworden ist“, sagt Hüsken. Migranten werden die Ausweispapiere abgenommen, dann werden sie an Bauunternehmen verkauft. In mehreren Medienberichten ist davon die Rede, dass Menschen in Ketten abtransportiert werden – wie zu Zeiten der Sklaverei.

Zuletzt hatte die „Sea Watch 3“-Kapitänin Carola Rackete mit ihrer Rettungsaktion den Fokus auf die Lage der Migranten in Libyen gelenkt. Kritiker wandten ein, Rackete hätte die Geretteten nach Libyen zurückbringen und sie den libyschen Behörden übergeben müssen, statt die italienische Insel Lampedusa anzusteuern. Menschenrechtsorganisationen zufolge sind die Zustände in den Lagern inzwischen selbst zur Fluchtursache geworden.

Ohne Haftar keine Lösung

„Alle Schutzsuchenden aus den Lagern in Libyen müssen evakuiert werden“, fordert die Migrationspolitische Sprecherin der Linken, Gökay Akbuklut, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Die EU muss sich ihrer Verantwortung stellen und sofort die Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache beenden.“ Doch die EU tritt in diesem Konflikt alles andere als einheitlich auf.

Libyen-Experte Hüsken warnt vor einer Eskalation wie in Syrien. Bei Verhandlungen über eine Waffenruhe und eine mögliche Lösung des Konflikts müsse auch Haftar mit ins Boot geholt werden. „Er muss Teil der Lösung sein“, sagt Hüsken. Den Tausenden Flüchtlingen werden wohl auch bei einer Waffenruhe in Internierungsgefängnissen wie Tadschura ausharren müssen. Eine Lösung für ihre Situation ist nicht abzusehen.

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