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Elisabeth Motschmann (Hg.): Female Diplomacy Frauen in der Außenpolitik, Herder 2018, 239 Seiten. Erscheint am 14. Mai.

Frauenrechte

„Viele Frauen brüllen eher innerlich“

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Die CDU-Politikerin Elisabeth Motschmann spricht im FR-Interview über Friedenskonferenzen ohne Frauen, weibliche Diplomatie und feministische Kämpfe mit Florett statt Holzhammer.

Besonders in der Außenpolitik mangelt es an Frauen. Das empört die CDU-Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann so sehr, dass sie ein Buch über weibliche Diplomatie herausgebracht hat. Nach dem Interview ruft sie nochmal an, von einer Außenpolitik-Konferenz in Istanbul. Und schimpft: Schon wieder fast nur Männer auf dem Podium.

Frau Motschmann, braucht es das – ein Buch über Frauen in der Außenpolitik?
Ja, das braucht es. Frauen sind hoffnungslos unterrepräsentiert, wenn es um Krieg und Frieden in der Welt geht. Das lässt sich auch in Zahlen festhalten: Nur jede 25. Unterschrift unter einen Friedensvertrag kommt von einer Frau. Die UN haben festgehalten: Bei allen Friedensverhandlungen zwischen 1992 und 2011 waren nur neun Prozent der Verhandler Frauen. Man kann das hautnah auch auf der Münchner Sicherheitskonferenz erleben und bei den Talkrunden im Fernsehen: Frauen reden da selten mit.

Wie ist das auf der Sicherheitskonferenz?
Da laufen maximal zehn Prozent Frauen herum. Es sind viele Regierungschefs da, mit großen männlichen Entouragen. Natürlich haben wir Angela Merkel und Ursula von der Leyen, die dort Reden halten. Das ist schon toll. Aber sonst sind die Frauen vor allem als Moderatorinnen eingesetzt. Insgesamt ist es immer so, dass uns die Männer die Welt erklären. Das kann nicht richtig sein.

Woran liegt es in der Politik?
Es liegt auf der Hand, dass Frauen sich zunächst für Frauenthemen einsetzen – also etwa für Familien- und Gesundheitspolitik. Aber wir sind zu wenig in den harten politischen Feldern wie Außen-, Finanz- und Wirtschaftspolitik unterwegs. Da müssen wir selber an uns arbeiten und sagen: Da will ich hin. Man darf sich nicht immer hinten anstellen. Man muss schon deutlich machen: Hier bin ich!

Das Problem sind also die Frauen, die sich nicht trauen?
Auch. Viele Frauen fragen sich zu oft und zu lange: Bin ich qualifiziert, kann ich das? Da haben die Männer schon längst zugegriffen. Auf der anderen Seite sind die Männer, die uns zwar vielleicht gar nicht verhindern wollen, aber einfach zu wenig darüber nachdenken, dass sie auch mal Frauen berücksichtigen könnten. Es gibt mindestens so viele Terrorismusexpertinnen wie –experten. Gefragt werden immer die Männer.

Ist das das Prinzip: Schmidt fördert Schmidtchen?
Auch. Die Männer kennen sich, ziehen sich nach und halten gegenseitig die Räuberleiter. Bei Frauen ist der Konkurrenzkampf größer, weil es weniger Spitzenpositionen zu besetzen gibt. Da kämpft dann jede eher für sich. Die Gelassenheit fehlt, dass, wenn das eine nichts wird, schon etwas anderes klappt. Diese Gelassenheit können Männer haben. Wenn sie auf einem Weg nicht weiterkommen, geht es auf einem anderen.

Oft kommt das Argument, Frauen seien weniger bereit, Familie und Politik zu vereinbaren.
Es ist schon so, dass man sich mit Kindern zu Hause nicht nach Zusatzterminen am Abend und am Wochenende sehnt. Die sind aber wichtig, um in der Politik voranzukommen.

Und Männer sehnen sich danach?
Das weiß ich nicht. Aber die gehen da einfach hin. Manche halten sich vielleicht auch für unentbehrlich. Im Zweifelsfall haben sie zu Hause eine Frau, die ihnen den Rücken frei hält.

Das ist auch 50 Jahre nach 1968 so?
Das ist auch 50 Jahre nach 1968 so, ja. Der Fortschritt ist oft langsam und es gibt Rückschläge. Das sehen wir ja auch daran, dass wir in der Unionsfraktion noch 19 Prozent Frauen haben – nach 25 Prozent in der letzten Wahlperiode. Da müssen wir Frauen dann Stopp sagen. Wir können nicht akzeptieren, dass wir über die Hälfte der Wähler stellen und dann im politischen Geschehen zu wenig vertreten sind. Das gilt auch für die zweite und dritte Reihe der Regierung – bei den Staatssekretären, Regierungsbeauftragten, Abteilungsleitungen. Überall gibt es Frauen, aber nicht genug. Deswegen wollen wir ja auch über das Quorum reden und über mögliche Verbesserungen beim Wahlrecht.

Solche emanzipatorischen Reden kennt man nicht unbedingt aus der CDU. Irritiert das ihre Parteikollegen?
Ich versuche, so zu argumentieren, dass die Männer sich abgeholt fühlen. Ich kämpfe lieber mit dem Florett als mit dem Holzhammer. Ich bin nicht die harte Feministin, aber einen feministischen Ansatz habe ich schon.

Hat sich das bei Ihnen entwickelt oder war das immer so?
Ich habe vieles überdacht. Ich war früher sehr dafür, dass Frauen in den ersten Jahren nach Geburt ihrer Kinder zu Hause bleiben sollen. Heute sehe ich das nicht mehr so, mache aber auch keiner Frau Vorwürfe, wenn sie sich dafür entscheidet.

Sind Sie mehr zu einer Frauenrechtskämpferin geworden?
Inzwischen ja. Alice Schwarzer hat mich vor vielen Jahren mal eine „konservative Feministin“ genannt. Das habe ich damals weit von mir gewiesen. Heute sage ich: Ja, wenn es um die Rechte von Frauen geht, dann kämpfe ich. Das tue ich gerne, auch für die nachfolgenden Generationen. Damit sie nicht an die gläserne Decke stoßen, die in der Außenpolitik besonders hart ist.

Female Diplomacy heißt ihr Buch, weibliche Diplomatie. Gibt es die denn wirklich?
Frauen können eine sehr ausgleichende Funktion einnehmen. Sie wirken oft friedensstiftend – darauf sollte man nicht verzichten.

Mehr Frauen in die Verhandlungsgruppe, dann ist der Syrienkonflikt gelöst – das klingt sehr einfach.
Der Syrienkonflikt ist kompliziert. Aber ich bin mir sicher: Eine Lösung wäre leichter zu erreichen, wenn Frauen mehr eingebunden würden. Den Iran-Atomvertrag haben auch Frauen mit ausgehandelt. Das politische Geschäft hat sich jedenfalls deutlich verändert dadurch, dass Frauen dabei sind. Zu Beginn meiner politischen Karriere wurden in Sitzungen noch relativ derbe Chauvi-Witze gemacht. Das ist vorbei. Ich habe anfangs erlebt, dass sich Männer angebrüllt haben. Das erlebe ich überhaupt nicht mehr.

Frauen brüllen nicht?
Natürlich, aber doch sehr viel seltener. Viele brüllen eher innerlich. Frauen sind diplomatischer. Wir wissen, was wir erreichen wollen und suchen den Weg, dahinzukommen. Sie bringen oft mehr ethische Fragen ein. Männer denken oft sehr merkantil.

Ist das nicht ein Klischee?
Da muss man aufpassen, dass man da nicht in ein Klischee fällt. Aber so erlebe ich es. Ich bin jedenfalls die letzte, die in den Kampf gegen die Männer ziehen will. Sondern ich kämpfe für die Beteiligung von Frauen. Wir müssen es gemeinsam machen, daran müssen wir arbeiten.

Interview: Daniela Vates

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