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Am hellichten Tag erschoss der NSU Abdurrahim Özüdogru in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg.

NSU-Prozess

Viele Fragen, keine Antworten

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Noch immer wissen die Angehörigen der Ermordeten nichts über die Motive des rechtsradikalen Trios.

Im dichten Gebüsch, vom bunten Herbstlaub bedeckt, hat jemand ein paar Plastikeimer abgestellt. Man erkennt sie in der einsetzenden Dämmerung nicht sofort, sie sehen aus, als gehörten sie zu irgendeinem geheimen Vorratslager. Solche Assoziationen sind der Besonderheit der kleinen Lichtung geschuldet, denn hier hat vor 17 Jahren die Mordserie des rechtsradikalen Terror-Netzwerks NSU begonnen, der zehn Menschen zum Opfer gefallen sind. „Eimer bitte stehen lassen“, steht auf einem kleinen Plastikschild, das vom Wind geschüttelt wird. Ab und zu macht hier ein türkischer Blumenhändler Station. An diesem makabren Ort, an dem am 9. September 2000 der Berufskollege Enver Simsek durch neun Pistolenschüsse regelrecht hingerichtet wurde.

Die Liegnitzer Straße ist eine laute, stark befahrene Ausfallstraße im Nürnberger Südosten. Die meisten Jogger und Spaziergänger nehmen schon lange keine Notiz mehr von dem schwarz umrandeten Foto des Ermordeten. Das Bild zeigt einen Mann mit Schnäuzer in seinen besten Jahren. Der zweifache Familienvater musste mit 39 sein Leben lassen. An einem Stromkasten kleben noch Zettel mit einem Aufruf zur Kundgebung am Jahrestag von Simseks Ermordung vor ein paar Wochen: „Kein Vergeben, kein Vergessen“. Ein hagerer älterer Mann kommt gerade von der täglichen Runde mit seinem Collie zu seinem Kombi zurück. „Irgendwann“, raunzt er, „muss doch mal Schluss sein.“

Der 9. September 2000, ein Samstag, ist ein milder Spätsommertag. Enver Simsek hat seinen weißen Kastenwagen in jener Parkbucht abgestellt. Auf dem Transporter ist sein Name in großen Lettern zu lesen. Normalerweise beliefert er vom hessischen Schlüchtern aus nur seine mobilen Verkaufsstände, an diesem Tag verkauft er selbst, weil ein Kollege in Urlaub ist. Als seine Mörder zwischen 12.45 und 14.15 Uhr vermutlich aus dem Dickicht auf den Lieferwagen losstürmen, sortiert er gerade die neue Blumen-Lieferung. Vier Schüsse treffen seinen Kopf, einer die Brust. Zwei Tage später erliegt er im Südklinikum Nürnberg seinen schweren Verletzungen.

Seit 2014 erinnert ein Gedenkstein an das erste Opfer des NSU. Die Initiative ging von Kirchengemeinden und Vereinen der Trabantenstadt Langwasser und mehrerer Nachbarstadtteile aus. Frische Gerbera verdecken das Bibelzitat aus dem dritten Buch Mose: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Land, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch.“

Lange, sehr lange hatte Adile Simsek, die Witwe, nicht die Kraft gefunden, den Tatort aufzusuchen. Wie praktisch alle Angehörigen der NSU-Mordopfer hatte auch sie zusätzlich zu ihrer Trauer eine lange Leidensgeschichte durchmachen müssen. Die Polizei bezichtigte ihren getöteten Mann aufgrund unerträglicher Verdächtigungen als Drogenhändler. „Ihr bedeutet es sehr viel“, berichtet ihre Anwältin Seda Basy, „dass die Stele von Bürgern gestiftet worden ist und nicht von Politikern.“

Auch mehr als vier Jahre nach Beginn des NSU-Mammutprozesses vor dem Oberlandesgericht München gibt es keine schlüssige Antwort auf die Frage, warum Enver Simsek sterben musste. Abenteuerliche Mutmaßungen kursierten. Kann es für die Mörder in ihrer Verblendung eine Rolle gespielt haben, dass er seinen Blumenstand auf dem Boden des ehemaligen Reichsparteitags-Geländes aufgebaut hatte? „Die Täter wählten ihn aus, weil er nicht ihrer Vorstellung von dem entsprach, was deutsch ist“, mutmaßt die antifaschistische Gruppe „Das Schweigen durchbrechen!“ Purer Hass war das Motiv für alle neun Morde, die die Terrorzelle zwischen 2000 und 2006 begangen hat.

Für die drei Nürnberger Tatorte gibt es kein erkennbares Muster, ebenso wenig wie es irgendeine Verbindung zwischen den Opfern gegeben hat. Die Gyulaer Straße im Nürnberger Süden ist eine ruhige Wohnstraße. Am Ladenlokal an der Ecke Siemensstraße sind die Rollos heruntergelassen. Eisengitter versperren den Zutritt. „Hier war es“, sagt eine Anwohnerin und zeigt auf eine schlichte Info-Tafel an der Hauswand. Am 13. Juni 2001, nachmittags gegen 16.30 Uhr, am helllichten Tag also, wird Abdurrahim Özüdogru in seiner Änderungsschneiderei kaltblütig ermordet.

Ein Schuss durchschlägt seinen Kopf, ein zweiter wird aus kürzester Entfernung auf seine rechte Schläfe abgegeben. Er ist auf der Stelle tot. Özüdogru, schon mehr als 20 Jahre in Deutschland, bessert seinen Schichtarbeiter-Lohn durch das Umnähen und Ausbessern von Kleidung ein wenig auf. Bevor sie ihr Opfer im Todeskampf liegen lassen, fotografieren die Täter den Sterbenden. Das Bild hat in das zynische NSU-Bekenner-Video „Paulchen Panther“ Eingang gefunden. Eine Stimme sagt aus dem Off: „Özüdogru ist nun klar, wie ernst es uns mit dem Erhalt der deutschen Nation ist.“

Das dritte Mal in Nürnberg schlagen die NSU-Mörder am 9. Juni 2005 zu. Mit fünf Schüssen in den Kopf und den Oberkörper strecken sie Ismail Yasar in seinem Imbiss-Container in der belebten Scharrerstraße im Innenstadtbezirk St. Peter nieder. In unmittelbarer Umgebung ist die traditionsreiche „Scharrer-Knabenschule“, das Lärmen der Kinder in den beiden Kindergärten nebenan übertönt offenbar die Schüsse.

Am Zaun, der den kleinen Platz begrenzt, auf dem der „Scharrer-Imbiss“ gestanden hat, hängen zum Gedenken an Ismail Yasar bunte handgemachte Schilder, die an Votivtafeln in Wallfahrtskirchen erinnern. „Irgendwie anders – irgendwie gleich“ ist da zu lesen. Oder: „Setz dich an die Stelle des anderen und den anderen an deine Stelle. Das ist die einfachste Regel für undenkbares Tun.“

Warum wurde Nürnberg dreimal zum Schauplatz von NSU-Morden? Kein Zufall, meint der bayerische SPD-Bundestags-Abgeordnete und gelernte Polizeibeamte Uli Grötsch. Er hält es für erwiesen, dass es „sehr enge Verknüpfungen“ zwischen dem NSU-Kerntrio und der nordbayerischen Neonazi-Szene gab. Die Bundesanwaltschaft verneint – wie bei sämtlichen anderen Verbrechen des NSU – Hilfe durch „ortskundige Dritte“. Damit kann und will sich der zur Tatzeit 15-jährige Sohn von Ismail Yasar einfach nicht abfinden. „Es gibt so viele Döner-Läden in Nürnberg. Wie kommt man ausgerechnet auf meinen Papa?“

Warum? Warum gerade meine Michèle? Die immer gleiche Frage treibt seit mehr als zehn Jahren Annette Kiesewetter (55) um, die Mutter der erschossenen Polizistin. Der dem NSU zugerechnete Mord auf der Heilbronner Theresienwiese war der letzte in der Serie der zehn Bluttaten. Der Münchner Prozess hat die Zweifel an der Annahme der Bundesanwaltschaft, dass die 22-jährige Beamtin aus Oberweißbach in Thüringen ein Zufallsopfer ist, nicht ausräumen können. Er bleibt der mysteriöseste der zehn Morde.

Es herrscht Rummelplatz-Atmosphäre auf der riesigen Theresienwiese an jenem frühsommerlichen 25. April 2007, als die 22-jährige Polizeimeisterin während einer Pause durch die heruntergelassene Scheibe ihres Streifenwagens mit einem Schläfenschuss abgeknallt wird. Ihr Kollege wird lebensgefährlich verletzt. Gerade sind die letzten Vorbereitungen für das Mai-Volksfest im Gange.

Jetzt im Herbst ist das riesige Areal ein ganz normaler Parkplatz, verkehrsumtost und wenig anheimelnd. Hundebesitzer drehen ihre Pflichtrunden, Plakate künden vom nächsten großen Event, dem Weihnachtszirkus. Am äußersten Rand des Festplatzes erinnert nahe dem Tatort seit 2012 eine schlichte Tafel an Michèle Kiesewetter und an die anderen neun NSU-Opfer. Als hätte es in diesem Fall nicht schon genügend Pannen und Versäumnisse gegeben, wurde der Gedenkort in seiner ursprünglich einfacheren Gestaltung zweimal geschändet. In einem Fall hatten Unbekannte den Betonsockel ausgegraben und in den nahen Neckarkanal geworfen. Der einzige schwache Trost für Annette Kiesewetter ist, dass ihre so sinnlos getötete Tochter wenigstens in der Heimat begraben ist.

Ortstermin Dortmund. Die vierspurige Mallinckrodtstraße in der Nordstadt ist laut und abweisend. Telefon-Shops, Wettbüros, Friseurläden, kleine Supermärkte. Nachts erweitern käuflicher Sex und Drogen das Angebot. Das ist wohl auch einer der Gründe, weshalb die Polizei die Mörder des Kioskbesitzers Mehmet Kubasik, der am 4. April 2006 in der Mittagszeit in seinem Laden erschossen wird, im Dealer- und Mafia-Milieu vermuten. Lange wird die Familie verdächtigt, selbst in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein. Das übliche verhängnisvolle Ermittlungs-Schema eben.

In Wirklichkeit ist der 50-Jährige, zur Tatzeit längst deutscher Staatsbürger, das achte Opfer des NSU. Auf der Gedenkplatte im Bürgersteig vor seinem früheren Laden heißt es bloß allgemein: „Ermordet durch rechtsextreme Gewalttäter“. Warum gerade Kubasik? Warum sein Kiosk? Im Umkreis von vielleicht 400 Metern gibt es allein drei oder vier Trinkhallen, wie man im Pott sagt. Weil der „Deutsche Hof“, seinerzeit Treffpunkt der aktiven Neonazi- und Hooligan-Szene, nur einen Steinwurf entfernt lag? Oder geriet er womöglich ins Visier des NSU, weil in den 30er Jahren der von der NS-Propaganda zum Blutzeugen stilisierte SA-Mann Adolf Höh ganz in der Nähe umgebracht wurde? Keine These ist zu abenteuerlich, als dass ihr nicht zumindest eine gewisse Plausibilität zugebilligt würde.

Wo Kubasik Getränke und Süßigkeiten verkauft hat, bietet nach zahlreichen Mieterwechseln aktuell ein Reisebüro seinen Service an. Es riecht nach frischer Farbe. Mord? Hier? Der freundliche Mann hinter dem Tresen zuckt mit den Achseln. Er ist Syrer, aber man hat sich auf Marokko spezialisiert. „Wer will schon nach Damaskus fliegen?“ Mehr als elf Jahre sind seit den tödlichen Schüssen in der Mallinckrodtstraße vergangen. „Verdammt lange her, und es passiert soviel in der Welt“, meint der junge Kellner im Eck-Grill „Der andere Geschmack“, wo man dem kulinarischen Einerlei der Nordstadt entgegenwirken will. Und dem negativen Image des Viertels. Da ist so eine alte Türkenmord-Geschichte kontraproduktiv. Er dreht das Radio lauter. Gerade läuft der Mark Forster-Song „Chöre“. „Warum machst du dir ’nen Kopf? Wovor hast du Schiss? Was gibt’s da zu grübeln?“

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