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Frauen mit Kopftüchern am Kölner Dom.

Schlampen

Wie viel Stoff darf?s sein?

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Was hinter Bauchfrei- und Kopftuchverboten steckt.

Das mütterliche Entsetzen kannte keine Grenzen. „Wie sieht das denn aus!“ Dabei hatte die Tochter das wunderbare Stück lange erträumt, vom Taschengeld erstanden und überstolz nach Hause getragen. Und jetzt der eine, alles vernichtende Satz: „Was sollen die Leute denken!?“ Der stylische Second-Hand-Mantel vom Flohmarkt, der perfekt zu den abgewetzten Turnschuhen passte, bekam Gardeobenverbot im Hausflur. Und der träge Pullunderlook des Bruders? Störte daheim niemanden. 

Freundinnen hatten damals ähnliche Erlebnisse. Bei der einen war es die Schlaghose, bei der anderen ein Minirock, bei der dritten die fruchtlose Debatte, warum eine Jeans keine Bügelfalte braucht. Und heute? Immer wieder mal meinen Schulleitungen, mit Verboten von Hotpants, bauchfreien Shirts und „zu kurzen“ Röcken für Ordnung sorgen zu müssen. Ganz selten wird auch geschlechtsneutal gemahnt, etwa dass bitte die Unterwäsche bedeckt sein solle – womit dann auch mal diejenigen jungen Männer adressiert werden, bei denen sich der Hosengürtel gerade noch auf den Pobacken hält. 

Bikinizwang für Muslimas?

Fakt ist: Unpassende, „aufreizende“ oder was-auch-immer-dafür-gehalten-wird Kleidung erregt auch heute eigentlich nur Anstoß, wenn sie sich am heranwachsenden weiblichen Körper befindet. Dabei ist es egal, was die junge Dame anhat – irgendwer findet es immer falsch. Die einen rufen nach einem Verbot tief dekolletierter  T-Shirts, die anderen wollen (muslimischen) Schülerinnen das Kopftuch oder – im Schwimmbad – den Burkini untersagen. Wie jetzt: Bikinizwang für junge Muslimas, aber Bauchfrei-Verbot für biodeutsche Mädels?

Damit wird klar: Es geht gar nicht darum, dass junge Frauen sich heute irgendwie zu sexy kleiden. Es geht darum, dass sie, wie schon immer, einfach mehr gegängelt werden als die männlichen Altersgenossen. Und so gegensätzlich die Verbotsforderungen auch sein mögen – dahinter steckt immer eine sexualisierte Sicht auf den weiblichen Körper. Wenn Schulen knappe Hotpants verbieten, weil sie ablenken (wen eigentlich?) und Blicke auf sich ziehen könnten (wessen Blicke eigentlich?), argumentieren zum Beispiel die Frauenrechtlerinnen von Terre des Femmes ja ganz ähnlich, wenn sie ein Kopftuchverbot für Minderjährige fordern: Sie wollen Mädchen auf diesem Weg befreien von der „Sexualisierung des kindlichen Körpers als Lustobjekt“ und „von dem ,Feindbild Mann‘ als stetige sexuelle Bedrohung“. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. 

Wer hat nun recht? Braucht mehr weibliche Freiheit mehr Körperbedeckung? Oder weniger? Und welche Hautpartien genau sollten verhüllt sein, welche nicht, liebe Terre-des-Femmes-Beschützerinnen, liebe besorgte Lehrer? Falsche Fragen. Freie weibliche Entfaltung braucht etwas anderes: Freiheit von kollektiven (nicht nur männlichen!) Projektionen, von öffentlicher und medialer Bevormundung und Definitionsmacht. 

Wer mal das zweifelhafte Vergnügen hatte, Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ gemeinsam mit dem weiblichen Nachwuchs zu verfolgen, speziell die Folge mit dem Nacktshooting, der weiß übrigens, wovon hier auch die Rede ist. Da säuselt die millionenschwere Modediva die skrupelhafteren unter ihren „Mädchen“ frostig an: „Du musst dich hier natürlich nicht ausziehen vor der Kamera. Aber dann bist du raus. So sind die Regeln. So ist das Geschäft.“ Worte zur besten Sendezeit, ausgesprochen vor einem teils jugendlichen Millionenpublikum. Wenn wir schon über Verbote reden: Wie wär’s mit einem Heidi-Klum-Verbot? 

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