Es kursieren immer wieder krasse Beispiele von Sonderangeboten bei Aldi oder Lidl. Sind Lebensmittel wirklich so billig?

Lebensmittel-Gipfel

Billig hat seinen Preis

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Tierquälerei, Umweltschäden, Ausbeutung: Unser Lebensmittel-System ist absurd und ungerecht.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) haben an Montag bei einem Treffen mit Vertretern der Lebensmittelbranche faire Preise für die Produkte der Landwirte gefordert. Zugleich kündigte die Ministerin an, im Laufe des Jahres eine neue Richtlinie der EU gegen unlautere Handelspraktiken im Nahrungsmittelsektor in deutsches Recht umzusetzen. Das Treffen war auch eine Reaktion auf Proteste der Bauernschaft, die sich gegen höhere Umweltauflagen und den starken Preisdruck in der Branche wehrt.

Was wurde bei dem Treffen beschlossen?

Konkret kam nur wenig dabei heraus. Merkel betonte, es gehe um „faire Beziehungen zwischen den Akteuren“ bei der Produktion von Lebensmitteln. Die Kanzlerin hob die „große Verantwortung“ der großen Handelskonzerne hervor. Klöckner kündigte Sanktionen in Form von Geldstrafen an, wenn in der Lieferkette vom Bauer bis zum Supermarkt gegen eine Reihe von Regeln verstoßen werde. Dabei handelt es sich aber nicht um einen eigenen gesetzgeberischen Vorstoß, sondern um die Umsetzung einer Richtlinie, die das Europaparlament und der Rat der Europäischen Union schon im April 2019 beschlossen hatten. Die sogenannte UTP-Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken im Agrar- und Lebensmittelsektor will die Ungleichgewichte in der Branche ausbalancieren. Sie definiert spezielle Rechte von kleineren Unternehmen, die Nahrungsmittel erzeugen und verarbeiten, gegenüber den großen Herstellern und Händlern.

Wäre es nicht einfacher, für Lebensmittel Mindestpreise festzulegen?

Auch das ist in der Diskussion. So hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gefordert, „den Konzernen die Preisunterbietungsfreiheit zu entziehen, wenn sie dazu nicht freiwillig bereit sind“. Die Kanzlerin hat sich nach dem Treffen aber ausdrücklich gegen Mindestpreise ausgesprochen. Sie betonte zugleich, dass Dumpingpreise schon jetzt durch etliche „gesetzliche Regelungen“ ausgeschlossen seien – dabei handelte es sich in der Regel um Preise, die unter den Kosten der Herstellung eines Produkts liegen. Allerdings ist der Begriff unter Wettbewerbsexperten hochgradig umstritten. Vor allem ist sehr schwer zu ermitteln, wo Supersonderangebote aufhören und Dumpingpreise anfangen.

Sind Lebensmittel wirklich so billig?

Es kursieren immer wieder krasse Beispiele von Sonderangeboten bei Aldi oder Lidl. Etwa zwei Kilo Äpfel für 1,11 Euro oder ein Kilo Hähnchenschenkel für 2,72 Euro. Wobei dieses Fleisch beim Biobauern mehr als das Fünffache kosten kann. Dabei muss aber bedacht werden, dass die Produktivität in den vergangenen Jahrzehnten in kaum einer anderen Branche so stark gestiegen ist wie in der konventionellen Landwirtschaft. Billige Lebensmittel waren von Anfang an eines der wichtigen Ziele der EU-Agrarpolitik. Bauern beklagen indes den Preisverfall, der mit einer sinkenden Wertschätzung für ihre Arbeit und mit sinkenden Einkommen einhergehe, obwohl Landwirte massiv von der EU subventioniert werden. Das bundeseigene Thünen-Institut hat errechnet, dass die Renditen der Landwirte sinken. Von einem Euro, den Verbraucher noch vor 20 Jahren für Nahrungsmittel zahlten, kamen im Schnitt 25 Cent bei den Bauern an. 2018 waren es nur 21 Cent.

Warum funktionieren die Marktmechanismen in der Nahrungsmittelindustrie nicht?

Die Ursache sind die ungleichen Machtverhältnisse zwischen großen Handelskonzernen und den Landwirten. Hinzu kommen Überangebote, die eng mit den Subventionen zusammenhängen. Das ist bei Nahrungsmitteln besonders fatal, da es sich häufig um verderbliche Ware handelt. Landwirte können ihre Erzeugnisse nicht für einen späteren Zeitpunkt aufbewahren, sondern stehen unter dem Druck, sie innerhalb kurzer Zeit zu verkaufen. Die Alternative ist dann häufig nur, die Produkte zu vernichten oder sie in einer Biomasseanlage zu verwerten.

Woher kommt die Macht der Händler?

Die großen vier (Edeka, Rewe, Lidl, Aldi) haben etwa 85 Prozent der Marktanteile. Das wichtigste Instrument für Kundengewinnung sind die Preise. Deshalb wird bei den Verhandlungen über Lieferverträge mit extrem harten Bandagen verhandelt. Es gilt das Grundprinzip: Je größer die Menge, desto niedriger der Einkaufspreis. Wobei die Händler häufig nicht direkt mit den Bauern sprechen. Vielfach sind verarbeitende Firmen dazwischengeschaltet – etwa Molkereien und Schlachtbetriebe. Doch diese können den Preisdruck an die Bauern weitergeben, weil bei vielen Produkten ein Überangebot besteht.

Welche Bedeutung haben strengere Regeln für den Umweltschutz für die Bauern?

Die Lobbyisten der Landwirte machen immer wieder geltend, dass strengere Regeln bei der Massentierhaltung und für die Felder und Äcker die Kosten der Landwirte zusätzlich in die Höhe treiben. Diese Maßnahmen zum Schutz der Tiere und der Umwelt haben die zahlreichen Bauernproteste in den vergangenen Monaten ausgelöst. Joachim Ruckwied, Präsident des Bauernverbandes, betonte am Montag, der Handel müsse den Verbrauchern verdeutlichen, dass die höheren Standards auch höhere Preise erforderten.

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