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Schlichte Steinkreuze erinnern an die getöten Soldaten von Verdun - an jene wenigstens, die noch identifiziert werden konnten. Die Gebeine von mindestens 128.000 jungen Männern, deren Identität nicht geklärt werden konnte, lagern im benachbarten Knochenhaus.

Die Verzweifelten von Verdun

Die Schlacht in den Schützengräben der Argonnen zählt zu den blutigsten Gemetzeln des Krieges zwischen Deutschen und Franzosen

Von HANS-HELMUT KOHL

Was bleibt? Knochen. Zähne. Schädel. Ihre Menge wird in Kubikmetern gemessen. Sind es 130 000 unbekannte Soldaten, deren Gebeine hier liegen, oder "nur" 128 000? Oder viel mehr? Sind die 15 000, die draußen, auf dem blumengeschmückten Friedhof "mit Blick" auf die sanfte Mittelgebirgslandschaft der Argonnen liegen, "glücklicher", weil Name, Einheit, Todestag und Religion auf der Metallplatte verewigt sind, die das schlichte Kreuz aus Formstein schmückt?

Der Irrsinn des Krieges in seiner historisch erstmals perfektionierten und heute fast archaisch anmutenden Form kann seit mehr als 70 Jahren im "Ossuaire", dem Knochenhaus von Douaumont bei Verdun, besichtigt werden. Hier ruhen die Skelette und Schädel von Franzosen und Deutschen, die während der Schlacht von Verdun zwischen Februar und Dezember 1916 starben und nicht identifiziert werden konnten.

Granaten, bis zu einer Tonne schwer und aus 400-Millimeter-Geschützen in sicherer Entfernung abgefeuert, hatten ihre Körper zerfetzt. Oder sie waren verschüttet worden im "Bajonettgraben", einer besonders makabren Erinnerungsstation auf dem Weg über die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges. Von den mehreren hundert Soldaten eines Schützengrabens blieben nur die am Rand aufgesteckten Sturmmesser, nachdem ihre "tranchée" zunächst ohne Unterlass durch schwersten Beschuss zerstört worden war und die dann über sie hinwegstürmenden Feinde nicht innehielten, um sie auszugraben, sondern das Massengrab schnellstens zuschoben.

Wieder andere hatte das Gas zuerst erblinden lassen, die Lungen verbrannt. Sie taumelten aus den Gräben, verfingen sich in den Stacheldrahtverhauen und wurden die Beute der Mörser und Flammenwerfer, die damals, wie Senfgas und Phosgen, zum Arsenal "moderner" Kriegsführung zählten. Bevor sie starben, trat ihnen Blut aus Nase, Mund und Ohren, sie halluzinierten, wähnten sich bei ihren Liebsten - und waren doch nur Minuten vorm Jenseits.

Verhungerte und Verdurstete, denen während des monatelangen Grabenkrieges kein Proviant mehr gebracht werden konnte, weil auch die Suppenträger und Brotbringer bei ihren gefährlichen Wegen starben, zählen ebenso zu den Opfern wie diejenigen, die sich selbst ein Ende setzten. Dem Wahnsinn nahe oder der Erkenntnis, schossen sie sich die letzte Kugel in den Mund.

Das alles für Volk und Vaterland, für Ehre und Ruhm? Der "poilu" und der Mann in Feldgrau, dem das junge Leben genommen werden sollte, war zuvor voller Zuversicht und Begeisterung losgezogen. Jubelnde Massen begleiteten die Soldaten auf ihrem Weg an die Front, an der sich seit Mitte 1915 nichts mehr bewegte. Die Deutschen hatte sich eingegraben, die Franzosen taten es ihnen gleich, und zwischen den Gräben, die oft kaum einen Steinwurf weit voneinander entfernt waren, entstand das "Niemandsland", ein Irrgarten aus Stacheldraht.

Regen füllte die Gräben, dann Schnee; der Schlamm stieg höher und höher, die Soldaten lebten oder besser vegetierten in ihren Höhlen, die sie sich seitlich aus den Wänden herausgekratzt hatten. Und sie schrieben: Briefe, Gedichte, Tagebücher. Wie Ernst Jünger, dessen " In Stahlgewittern" das wohl eindrucksvollste Dokument deutscher Sprache für die Verblendung einer ganzen Kriegsgeneration darstellt und zugleich die Schrecken dieses Krieges unerhört plastisch schildert. Oder sie zeichneten: Unzählige Skizzen des Alltagslebens aus den deutschen und französischen Gräben stellt das "Weltzentrum des Friedens, der Freiheit und der Menschenrechte", aus, das 1994 im bischöflichen Palais von Verdun eröffnet wurde. Mehr als 60 000 Besucher zählte das "Centre de la paix" vergangenes Jahr - 70 Prozent Franzosen, und unter den Ausländern stellten die Deutschen mit Abstand die größte Gruppe.

In diesem Gedenkjahr ist dort bis 31. Dezember die "Erinnerung der Gräben" zu sehen, eine Ausstellung, die nicht nur Nachbauten der Stellungen auf beiden Seiten zeigt, sondern auch, in einem abgedunkelten, verspiegelten Raum, einen kurzen Filmstreifen. Aus der Grabenperspektive sieht der Betrachter das schwarz-weiße Geschehen, und er hört die heransausenden Granaten, das Grollen der Haubitzen, die aufspritzenden Schlammfontänen - und die verzweifelten Rufe der Korporale, die ihre Männer auffordern, aus der "tranchée" herauszukommen und den Sturmangriff zu beginnen.

Fernand Léger, der als einfacher Soldat eingezogen war, zeichnete während der Schlacht von Verdun auf Munitionsdeckeln und Generalstabskarten. Von ihm stammt eine lakonische und zugleich eindringliche Schilderung des Lebens im Schützengraben, das seinen umfassenden Horror im Jahre 1916 mit den Trommelfeuern auf beiden Seiten entwickelte: "Es gibt keine Hoffnung auf ein paar Stunden Ruhe, in Verdun gibt es das nicht. Wir sind in die Erde eingetreten, sie hat uns absorbiert, wir kleben auf ihr, um den Tod zu vermeiden, der überall lauert. Die einzige Hoffnung sind die Löcher, die ein wenig Illusion zulassen. Man zwängt sich dort hinein, indem man sich ganz klein macht. Man versteckt sich hinter einem Toten. Man lebt mit den Toten in guter Kameradschaft. Man beerdigt sie längst nicht mehr. Wozu auch? Die nächste Granate gräbt sie wieder aus. Und außerdem ein Toter, das ist doch gar nichts. O welche Eitelkeit, diese Zivilbegräbnisse mit unterschiedlichen Klassen." 300 Tage und 300 Nächte dauert der Kampf, den die Deutschen am 21. Februar 1916 mit einem "Stahlgewitter" eröffnen: 936 000 Granaten verschießen sie allein in den ersten 24 Stunden, und insgesamt sollen es bis zum Dezember 8,25 Millionen werden, die auf die Gräben und Befestigungsanlagen der Franzosen niedergehen.

Lange Zeit hat ihnen die französische Armee wenig entgegenzusetzen. Die schwere Artillerie bleibt an der Somme, weil dort die französische Gegenoffensive erfolgen soll. Obwohl daran aber angesichts der Wucht des Angriffes nicht zu denken ist, dauert es noch bis in den Sommer, bis auch auf französischer Seite die Ungetüme aufgefahren werden, die mit ihren Geschossen die eingegrabenen Infanteristen gleich im Dutzend dahinraffen.

In jenen Monaten entstehen auch die zahllosen Legenden um Tapferkeit, Mut und Heldentum, die einzelne Männer und Einheiten beweisen - beim Kampf Mann gegen Mann, Bajonett gegen Bajonett, oder bei der - im Ergebnis sinnlosen - Verteidigung einer Stellung gegen die fünf- oder zehnfache Übermacht. Ganze Dörfer verschwinden im Geschützhagel; das Fort Douaumont wird kampflos von den Deutschen eingenommen, während um das Fort Vaux monatelang erbittert, Zentimeter für Zentimeter, gerungen wird.

Die Rückeroberung des Terrains ist - aus französischer Sicht - mindestens so verlustreich wie die vergebliche Verteidigung wenige Monate zuvor. Drei Viertel der gesamten französischen Armee, die drei Millionen Männer zählt, gehen in diese Schlacht, und am Ende werden 700 000 gefallen oder vermisst sein. Der Blutzoll auf der deutschen Seite, die erst während des Jahres 1916 von der preußischen Pickelhaube in den Stahlhelm wechselt, ist nicht kleiner.

"Mort pour la France" - das ganze Land schickte seine jungen Männer in die Argonnen, und deshalb stehen in nahezu allen französischen Dörfern und Städten bis heute die Denkmäler an den Krieg 1914 bis 1918 mit der Inschrift "Gestorben für Frankreich". Nach dem Krieg übernahm das " Ministerium für die Pensionen" die Pflicht, die sterblichen Überreste der Soldaten zu bestatten, die Angehörigen zu informieren und ihnen dabei die Wahlmöglichkeit zu geben, ihren Toten individuell beizusetzen oder dies dem Staat zu überlassen. Viele, allzu viele, konnten nicht identifiziert werden.

Heute ruhen auf den 239 französischen Soldatenfriedhöfen 729 000 Männer, davon 244 000 in Gebeinhäusern. Im Ausland sind weitere 197 000 Soldaten beigesetzt, und auf den kommunalen Friedhöfen in Frankreichs Städten und Gemeinden noch einmal 115 000. Neun von zehn, sagt die Statistik, starben zwischen 1914 und 1918: Der moderne Krieg war wie eine Sense durchs Land gegangen.

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