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Krahl spricht bei einer Delegiertenkonferenz des SDS.

Hans-Jürgen Krahl

Der verzweifelste Kopf

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  • Bernd Messinger
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"Das Jahr der Revolte": Hans-Jürgen Krahl, der intellektuelle Führer.

Es waren ungewöhnliche „Angaben zur Person“, die der „Robespierre von Bockenheim“ – so sein Spitzname, vor Gericht machte, als er wegen der Protestaktionen gegen die Verleihung des Friedenspreises an L. Senghor vor Gericht stand und zu einer absurd hohen Strafe von einem Jahr und neun Monaten wegen des damals so beliebten Straftatbestandes der Rädelsführerschaft verurteilt wurde – Hans-Jürgen Krahl, neben Rudi Dutschke wohl der analytischste, charismatischste – vielleicht auch verzweifelste – Kopf der 68er.

In einer frei und ohne Konzept gehaltenen, weit über einstündigen Einlassung erläuterte Krahl nicht nur seine Herkunft und die Zeit, die er brauchte, um sich aus dem Geist der 50er Jahre, in der er völkisch-christlich-romantisch-esoterische und doch schon radikal verzweifelte Gedichte schrieb, in schlagenden Verbindungen aktiv war und 1961 in seiner niedersächsischen Heimatstadt Alsfeld die „Junge Union“ gründete, zum radikalen Linken wandelte.

„Aus diesen provinziellen Traumwelten kamen die führenden Köpfe der deutschen 68er-Bewegung“, schreibt Gerd Koenen viele Jahre später in seinem klugen, wenn auch von seiner eigenen Biografie stark gefärbten Aufsatz über Krahl, den „transzendental Obdachlosen“.

Doch neben dem Blick auf seine eigene Biografie, in der Krahl vor einem Gericht, dem er eigentlich die Legitimation absprach, über ihn zu urteilen, persönlich wurde wie kaum ein anderer Genosse seiner Zeit, um zu erklären, wie dann sein „politischer Bildungsprozess“ ihn aus der „imperialistisch abenteuernden Philosophie“ befreite („nachdem mich die herrschende Klasse rausgeworfen hatte, entschloss ich mich dann auch, sie gründlich zu verraten und wurde Mitglied im SDS“).

Neben diesem zutiefst intimen Blick entwickelte er – hier ganz Adorno-Schüler – seine Begrifflichkeit der Ideologiekritik und dann aber, hier konsequent über Adorno hinaus, seine Vorstellung über den Weg in eine künftige Gesellschaft, sein Freiheitsversprechen, dass diese Gesellschaft eben nicht über dogmatische und autoritäre Macht- und Organisationsformen erfüllt werden kann.

Krahl von der Anklagebank: „Uns wird immer gesagt, ihr seid deshalb nicht legitim, weil ihr nicht angeben könnt, wie die künftige Gesellschaft aussehen soll. Das sagen immer diejenigen, die meinen, nun gebt uns erst einmal ein Rezept, und dann entschließen wir uns vielleicht, ob wir mittun wollen. Das sagen jene Heuchler und Feiglinge, die meistens in den Redaktionen der bürgerlichen Presse sitzen. Die künftige Gesellschaft kann man nicht vorwegnehmen. Wir können sagen, wie der künftige Fortschritt in hundert Jahren aussehen wird, aber wir können nicht sagen, wie die menschlichen Beziehungen in hundert Jahren aussehen werden, wenn wir nicht anfangen, sie ad hoc, unter uns, im gesellschaftlichen Verkehr zu verändern.

Was wir machen können, ist, immanent anzusetzen an jenen unterdrückten Verkehrsformen, die die bürgerliche Gesellschaft entwickelt hat.“

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