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Verzerrte Wahrnehmung beim Klimabewusstsein

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Von: Verena Kern

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Beim Klimastreik im September, hier in Köln, wurde deutlich, dass sich viele Sorgen machen.
Beim Klimastreik im September, hier in Köln, wurde deutlich, dass sich viele Sorgen machen. © Imago

Studien zeigen: Viele Menschen unterschätzen teils drastisch das Klimabewusstsein anderer.

Sind Sie besorgt wegen der Klimakrise? Wollen Sie, dass die Politik mehr fürs Klima tut? Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantworten, dann gehören Sie zur Mehrheit. Sogar zu einer sehr großen Mehrheit. Doch vielen Menschen ist dies nicht bewusst. Stattdessen nehmen sie an, mit ihren Sorgen und ihrem Wunsch nach mehr Klimaschutz in der Minderheit zu sein.

„Pluralistische Ignoranz“ nennt die Sozialpsychologie dieses Phänomen. Der sperrige Begriff meint ganz einfach, dass Menschen falsch einschätzen, wie ihre Mitmenschen denken und handeln. Etwa bei der Akzeptanz von Alkoholkonsum, die laut Studien oftmals überschätzt wird. Die Fehleinschätzung wird dann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Denn Menschen orientieren ihr Verhalten daran, was sie für akzeptiert und weit verbreitet halten. In der Folge wird mehr getrunken – obwohl die Menschen das mehrheitlich gar nicht gutheißen.

Das gilt auch beim Klimawandel, wie nun zwei aktuelle Studien zeigen. Beide beruhen auf repräsentativen Befragungen – einerseits in den USA, andererseits in Deutschland. In beiden Ländern liegen die Befragten demnach weit oder sehr weit daneben, wenn sie die Einstellung ihrer Mitmenschen zum Klimaschutz einschätzen.

Besonders extrem ausgeprägt sind die Fehleinschätzungen in den USA. Der Psychologe Gregg Sparkman spricht von einer „falschen sozialen Realität“. Sparkman ist Juniorprofessor am Boston College und Hauptautor der Studie. Die gut 6000 US-Amerikaner:innen, die er und sein Team befragt haben, schätzen die Unterstützung ihrer Landsleute für unterschiedliche Handlungen zum Klimaschutz auf lediglich 37 bis 43 Prozent. Tatsächlich sind es aber, je nach Vorhaben, 66 bis 86 Prozent (siehe Kasten). „Die Befürworter der Klimapolitik sind zwei zu eins in der Überzahl“, sagt Sparkman, „doch die Fehleinschätzung macht aus einer Supermehrheit eine Superminderheit.“

Wie sieht es in den USA aus?

Die USA gelten mitunter als Land der Klimaleugner:innen. Eine umfangreiche Studie der Universitäten Yale und Princeton vom vergangenen Herbst zeigt das Gegenteil. Die Unterstützung für Klimaschutz – vom Ausstieg aus den fossilen Energien bis zum Bau von Radwegen – liegt demnach bei bis zu 86 Prozent.

Werden die Menschen in den USA dagegen gefragt, ob sie den Klimawandel als eine große Bedrohung für ihr Land einschätzen, wie es das Pew Research Center kürzlich tat, dann stimmen nur 54 Prozent zu – was auch eine Art der Fehleinschätzung ist. In Deutschland sind es in diesem Fall 73 Prozent. vk

Laut Studie gilt das für alle Bevölkerungsgruppen – vor allem aber für Konservative. Auch die Mediennutzung spielt eine Rolle: Wer sich bei Medien informiert, die der Klimapolitik eher ablehnend gegenüberstehen, nimmt dies auch in stärkerem Maße von seinen Mitmenschen an. Die verzerrte Wahrnehmung hat Folgen: Es wird weniger übers Klima gesprochen, ein „Klima des Schweigens“ entsteht und die Motivation für klimafreundliches Verhalten sinkt.

„Das ist ein wirklich wichtiger Beitrag, um Klimahandeln beziehungsweise Nicht-Handeln von Menschen besser zu verstehen“, sagt der Sozialpsychologe Immo Fritsche der FR. Fritsche, der nicht an der Studie beteiligt war, erforscht an der Universität Leipzig, warum soziale Normen einen so großen Einfluss auf Handeln und Verhalten haben.

Und wie ist es hierzulande? Als die US-Studie im August im Fachjournal „Nature“ erschien, gab es noch keine vergleichbaren Erhebungen für Deutschland. Die Entscheidungsforscherin Mirjam Jenny von der Universität Erfurt und ihr Team haben diese Lücke nun geschlossen. „Wir fanden die Zahlen so brisant, dass wir wissen wollten, wie es bei uns ist“, sagt Jenny im Gespräch mit der FR. Schon seit längerem untersucht das Team in der Studie „Planetary Health Action Survey“, kurz Pace, die Einstellung der Deutschen zum Klimaschutz (die FR berichtete). Dafür befragen die Forschenden seit Juni monatlich 1000 Menschen – nun auch zu der Frage, was sie über die Einstellung ihrer Mitmenschen denken.

Das Ergebnis: Auch die Menschen in Deutschland unterschätzen die Bereitschaft anderer zum Klimaschutz. Die Diskrepanz ist zwar nicht so groß wie in den USA, aber doch erheblich. „Wir können bislang nur mutmaßen, woher die Diskrepanz kommt“, sagt Mirjam Jenny. Ein Grund könnte darin liegen, dass Menschen einfach genauer wissen, wie sie sich selber verhalten, als dass sie andere beobachten können. Auch ihre eigene Einstellung kennen sie besser, über die der anderen können sie nur Vermutungen anstellen. Mehr über Klimaschutz zu sprechen und zu berichten, könnte den Fehleinschätzungen entgegenwirken – im Alltag und auch in den Medien.

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