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Vieles hat sich geändert seit der Völkerschlacht bei Leipzig 1813, die hier nachgespielt wird. Eines aber ist gleich geblieben: Der Krieg vernebelt die Sprache, und die Sprache vernebelt den Krieg.

Die verwundete Sprache des Krieges

"Chirurgische Eingriffe", "schmutziger Häuserkampf" - die Formulierungen des Militärs finden sich auch in der Berichterstattung wiederMitten im Ersten Weltkrieg soll der US-Senator Hiram Johnson den in diesen Tagen gerne bemühten Satz gesagt haben: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Ein wahrer Satz, und doch nicht ganz wahr, denn noch bevor die Wahrheit stirbt, geht die Sprache unter, die den Krieg begleitet.

Von Martin Hecht

Mitten im Ersten Weltkrieg soll der US-Senator Hiram Johnson den in diesen Tagen gerne bemühten Satz gesagt haben: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Ein wahrer Satz, und doch nicht ganz wahr, denn noch bevor die Wahrheit stirbt, geht die Sprache unter, die den Krieg begleitet.

Der Krieg ist mittlerweile in der dritten Woche, Bagdad scheint umzingelt, weiter Kampf auf allen Kanälen, und nach wie vor starren wir wie gebannt auf die Neuigkeiten bei ARD und ZDF, aber immer zuerst bei CNN. Noch immer haben wir uns noch nicht an den Krieg und die Bilder gewöhnt: Vietnam ist zu lange her, und andere Kriege kamen in der gleichen Eindrücklichkeit seither nicht mehr zu uns nach Hause.

Und noch immer können wir uns nicht an eine hilflose Nachrichten-Sprache gewöhnen, die zum Beginn des Krieges wieder neu entdeckt wurde - und von Anfang an doch wie von gestern klang, wie sie scheinbar unversehrt vom Lauf der Zeit in den Schubladen der Redakteure und Moderatoren geschlummert hatte und jetzt wieder herausgefischt wurde, als passe sie immer und zu jeder Zeit.

Eigentlich hätte man gedacht, im Zeitalter des technischen, den man nun gelegentlich den "chirurgisch-sauberen" Krieg nennt, wäre die Sprache von Waterloo, Sedan und Stalingrad ausgestorben. Aber wer so dachte, musste sich eines Besseren belehren lassen. Von "Gefechten" ist im Fernsehen seit Ausbruch des Krieges unaufhörlich die Rede, obwohl da gar niemand ficht, von "Schlachtfeldern" und "Schlachten", obwohl niemand schlachtet - und beide Begriffe doch seit dem Nibelungenlied eigentlich im Rückwärtsgang, seit Napoleon beschleunigt und seit dem deutschen Militaristendeutsch des Ersten und Zweiten Weltkriegs wirklich unaufhaltsam in die Mottenkiste gewandert waren. Und doch haben solche Worte und andere Heroismen überall im persönlichen Fundus der Moderatoren überdauert, von Hannelore Fischer vom ARD-Mittagsmagazin des Bayerischen Fernsehens gar, die noch das altsprachliche Kriegsidiom beherrscht wie wenige vor ihr: So konnte man sie in den ersten Tages des Krieges einmal sagen hören: "Meldungen, Basra sei gefallen, haben sich nicht bestätigt." Ob nun Basra "fällt" oder nicht, das kommt auf die Truppen an, die Peter Klöppel von RTL auch noch am achten Tag nach Kriegsbeginn mit "Alliierte" umschrieb - obwohl wir immer dachten, dass dazu, wenn schon nicht mehr die Sowjets, so doch immer noch die Franzosen gehörten. Und es kommt auf "schweres Gerät" an, das offenbar seit Tagen in großen Massen, aber doch stets im Singular gehalten hauptsächlich in den Norden Iraks gebracht wird.

Überhaupt scheint man sich unter den Fernsehredakteuren, die zu Hause geblieben sind, noch immer nicht einig zu sein, welche Haltung man zu diesem Krieg einnehmen soll. Ist Bestürzung die erste Pflicht, Empörung gar oder bloß Nüchternheit im Dienst der Sache ? Mit dem Irak-Krieg werden die Karriere-Journalisten dieser Tage daran erinnert, dass ihr Job und ihre Kritik eigentlich einmal einer Gesinnung folgte, einer höchstethischen darüber hinaus. Trotz aller sachlichen Informationspflicht ein Ethos zu haben, mittels Aufklärung kein geringeres Gut als die Humanität in der Welt zu befördern, haben so viele heute in der quotengesteuerten Medienlandschaft vergessen. Und das dürfte der Grund sein, warum sich so viele schwer taten, eine Haltung dazu zu finden - ja es herrscht darüber bis heute völlige Unklarheit. Nicht anders ist zu erklären, warum etwa der überfordert wirkende SWR-Nachwuchsmoderator Fritz Frey im ARD-Brennpunkt meinte, den Umstand, dass die Briten bei Basra und das US-Militär vor Bagdad stünde, salopp als "Arbeitsteilung" zu bezeichnen. Oder warum er eine wahrlich todernste, eben um die richtige Haltung zum Krieg ringende Diskussion mit Michel Friedman, Christian Ströbele, Wolfgang Gerhardt und Christoph Schlingensief anderntags mit den Worten abmoderierte: "Ja, eine muntere Runde haben wir da gesehen." Als wenn es darum ginge, munter zu sein, in diesen Tagen.

Manchmal greifen immerhin die Selbstschutzmechanismen der Medien: So meldete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in ihrer gestrigen Ausgabe den "Vorstoß zum Herzen Bagdads" - so der ursprüngliche Titel des Aufmachers. Das verursachte wohl den Blattmachern selbst ein wenig Herzflimmern: In den späteren Ausgaben der Zeitung standen bloß noch "Amerikanische Panzer in Bagdad" - ein positives Beispiel dafür, dass auch innerhalb der Zeitungsredaktionen die Sprache des Krieges ein kontroverses Thema ist.

Ganz anders dagegen die Sprache der US-Militärs in diesem Krieg: Sie treten weitaus einiger auf - und befleißigen sich routiniert des alten Verschleierungsjargons einer Sprache, die nicht aufklären, sondern täuschen will. Wer hätte auch anderes erwartet. Dabei werden zweierlei Maß angelegt: Irakische Soldaten sind in aller Regel gleichzusetzen mit "snipers", Heckenschützen, die sich einem ehrlichen Kampf nicht stellen. Wenn US-Soldaten ums Leben kommen, dann nur: "because they got ambushed" - weil sie in einen Hinterhalt geraten sind. Irakis, so scheint es, meucheln, während britische oder US-Soldaten selbstredend den fairen, offenen Kampf suchen. Während die britischen oder US-Soldaten hier im entfernten Irak nichts anderes tun, als ihre Heimat zu "verteidigen", und zur "Entwaffnung" des "Bösen" angetreten sind, auch noch in der Meinung, die Bevölkerung danke es ihnen, wenn sie deren "Ölfelder sichere", haben wir es wieder mit "heimtückischen" ("malicious") und stets "fanatischen" Irakern zu tun. Dieser verwundeten Sprache geht selbst noch das ZDF-Morgenmagazin auf den Leim: Vom "schmutzigen" Häuserkampf, der Bagdad nun bevorstehe, war da die Rede - als wenn Luftbombardements auch nur irgendwo sauberer wären.

Aber es gibt auch Momente, in denen es scheint, als bahne sich die Wahrheit selbst den Weg. Etwa wenn ausgerechnet auf CNN, dem Sender, der sich so lange Seite an Seite mit den Militärs an jenem Countdown zum Krieg beteiligt und mit dazu beigetragen hat, dass andere als kriegerische Lösungen im Irakkonflikt schon lange Zeit vor dem Ausbruch des Krieges keine Chance mehr erhielten, wenn also ausgerechnet CNN der Wahrheit eine Chance gibt. Erinnert sei nur an die Übertragung jenes wahrlich bedenklichen Pentagon-Briefings, in dem der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einmal mehr erklärte, die eingesetzte Waffentechnik sei so präzise, dass man heute einen Panzer unter einer Brücke abschießen könnte, ohne die Brücke zu zerstören. Wenige Minuten später kamen über denselben Sender die ersten Bilder eines von Bomben getroffenes Krankenhauses in Bagdad mit mehr als 50 Toten. Jeder, der über diese Zeit CNN verfolgte, konnte sich ein eigenes Bild der Wahrheit machen. Genauso vor kurzem in jener ARD-Tagesschau, in der Christoph Maria Fröhder im Aufmacher davon berichtete, wie eine der widerwärtigsten Erfindungen der Waffengeschichte, eine amerikanische Streubombe, auf ein Armenviertel am Stadtrand von Bagdad niederging und drei Zivilisten tötete. Im direkten Anschluss hörten wir George W. Bush in einer Rede vor US-Soldaten, wie er den Irakern Strafe dafür ankündigte, dass sie in diesem Krieg unschuldige Zivilisten töteten, die ihre Befreier aus den USA und Großbritannien bejubeln wollten.

Auch in diesem Krieg ist es wie in allen anderen. Nicht so sehr die Lügner sind die Gefährlichsten - ob unter Moderatoren, Militär-Pressesprechern in Washington oder in Doha / Katar oder jenen "embedded journalists", die nicht anders können, als allenfalls nur Teile der Wahrheit zu berichten. Die eigentliche Gefahr geht von denen aus, die wie Bush und Rumsfeld die Unwahrheit sagen, aber dabei tatsächlich glauben, was sie sagen.

Dossier: Krieg gegen Irak

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