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Lukas Gierlichs lebte 23 Jahre mit deutschem Pass in Großbritannien. Nun reicht ihm der nicht mehr.

Konsequenzen für Nicht-Briten

Die Verunsicherung der EU-Bürger

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Viele Nichtbriten im Vereinigten Königreich fürchten, dass mit dem Brexit ihre Rechte beschnitten werden.

Den ersten Tag seines Chemie-Masterstudiums an der Universität Cardiff hat Lukas Gierlichs in guter Erinnerung. Unabhängig voneinander hatten zwei Kommilitonen den Neuen im Labor begrüßt und mit ihm geplaudert. Später, so berichteten sie Gierlichs am Abend, hätten sie ihre Eindrücke ausgetauscht. Das Deutsch des Neuen sei perfekt, urteilte der Deutsche und freute sich über den Landsmann im Labor. Ob das stimmen könne, wunderte sich der Engländer, Lukas spreche doch Englisch wie ein Engländer. Nun wollten sie von Gierlichs wissen: „Was bist Du eigentlich, Deutscher oder Engländer?“

Jahrzehntelang haben die wohl 3,8 Millionen Bürger anderer EU-Staaten unbehelligt von solchen Fragen in Großbritannien gelebt. Die Staatsbürgerschaft spielte nur bei der Unterhauswahl eine Rolle, zu Kommunal- und Europawahlen ging man gemeinsam, sogar im schottischen Unabhängigkeitsreferendum 2014 durften EU-Bürger mitstimmen. Im Übrigen waren ihre Rechte und Pflichten die gleichen wie für Briten.

Rechtlich hat sich dieser Status seit der Austrittsentscheidung im Juni 2016 noch in keiner Weise verändert. Die Stimmung aber war schlagartig anders. Zehntausende von Italienern, Polen und Schweden beantragten eine Aufenthaltsgenehmigung, die im Rahmen der Personenfreizügigkeit bisher nicht notwendig war. Das entsprechende Formular kostet pro Person 65 Pfund (76 Euro); jeder Auslandsaufenthalt der vergangenen fünf Jahre muss aufgelistet werden.

Die völlig unvorbereitete Einwanderbehörde erwies sich als schlampig und inkompetent. Nach Wartezeiten von bis zu sechs Monaten erhielten immer wieder Menschen Ablehnungsbescheide, die teilweise seit ihrer Geburt mit spanischem oder deutschem Pass auf der Insel leben, dort studiert und gearbeitet haben. Gelegentlich wurden die Petenten sogar dazu aufgefordert, sie sollten „die Ausreise aus dem Vereinigten Königreich“ vorbereiten.

Nach intensiver Lobbyarbeit, nicht zuletzt durch die Betroffenengruppe „the3million“, gibt sich das Innenministerium inzwischen versöhnlicher. Zwar sollen sich EU-Bürger, anders als Briten, zukünftig anmelden, am besten über Internet oder Smartphone. Die Gebühr aber fällt weg. Und ganz egal, wie das politische Gezerre um den Brexit ausgeht – „meine Priorität ist, dass sich EU-Bürger auch zukünftig in Großbritannien willkommen fühlen“, beteuert Innen-Staatssekretärin Caroline Nokes. Eine millionen-teure Werbekampagne soll dabei ebenso helfen wie ein Zuschuss von 9 Millionen Pfund (10,6 Mio. Euro) an Hilfsorganisationen, die besonders älteren Antragstellern behilflich sein sollen.

So weit, so gut. Bei Experten stapeln sich dennoch vielfältige Nachfragen der Betroffenen. Diese seien „verständlicherweise unruhig“, glaubt Harriet Harman, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses beider Parlamentskammern. In einem jetzt veröffentlichten Bericht formuliert die Gruppe „erhebliche Bedenken“ gegen die Beteuerungen des Innenministers Sajid Javid, er habe keine Pläne für eine Beschneidung bestehender Rechte. „Es muss eine Garantie geben“, findet Harman. Für unbefriedigend halten die Parlamentarier auch, dass die Antragsteller von der Behörde keinerlei Bestätigung ihres Aufenthaltsstatus bekommen sollen. Dies werde zukünftig die Job- oder Wohnungssuche komplizieren.

Verunsichert ist auch Lukas Gierlichs, mittlerweile Doktorand in Cardiff. Weil seine deutsche Mutter und sein englischer Vater nicht verheiratet sind, er zudem in Deutschland geboren wurde, hatte der 23-Jährige bisher nur einen deutschen Pass. Nach langem Zögern hat er nun zusätzlich die britische Staatsbürgerschaft beantragt, zumal der Bundestag allen Betroffenen versichert hat, sie könnten auch nach dem Brexit Doppelstaatsbürger bleiben. Für Österreicher ist dies hingegen nur auf gesonderten Antrag ans jeweilige Bundesland hin möglich.

Vom rechtlichen Status abgesehen beantwortet Gierlichs die Identitätsfrage wie damals gegenüber seinen Kommilitonen mit einem Achselzucken: „Ich bin beides, Engländer und Deutscher. Das war schon immer so. Und ich bin stolz darauf.“

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