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Die Fallschirmjägerschule in Altenstadt präsentiert sich gerne als moderner Ausbildungstandort.

Bundeswehr

Netzwerk „Nordkreuz“: Die Verstrickungen der Truppe

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Bei den Ermittlungen gegen Franco A. und das Netzwerk „Nordkreuz“ gerät die Franz-Josef-Strauß-Kaserne in Oberbayern in den Fokus.

Die Beamten rücken am Morgen des 12. Juni zum Wohnhaus des Polizisten Marko G. im mecklenburgischen Banzkow aus. Schwer bewaffnet treten sie die Haustür ein. Ihr Ziel ist der Garten hinter dem Gebäude. Spürhunde schlagen an. Bagger tragen den Rasen ab – und werden fündig.

Allein 1400 Schuss Munition, eine Maschinenpistole vom Typ „Uzi“ und einen Schalldämpfer holen die Beamten in diesem Frühsommer aus dem Boden unter der Rasenfläche. Insgesamt finden die Fahnder mehr als 30 000 Schuss Munition bei Marko G.

Auch drei Monate später sind die Spuren des Einsatzes deutlich zu erkennen. Nur spärlich wächst Gras über das Munitionsdepot. Marko G. und drei mutmaßliche Komplizen sitzen seit der Razzia in Untersuchungshaft.

Ein unauffälliger Typ

Bis zum Tag seiner Festnahme lebte der Familienvater Marko G. unbehelligt in dem roten Backsteinhaus an der Straße der Befreiung. Nachbarn beschreiben ihn als eher unauffälligen Typ. Im Garten steht ein grünes Bobbycar. Wäsche flattert im Wind. Niemand will etwas vom dunklen Geheimnis des Polizisten gewusst haben. Noch prüft das Bundeskriminalamt (BKA) die genaue Herkunft von Patronen und Schnellfeuerpistole. Der Fund von Banzkow gehört zu einem Knäuel aus Indizien, die Ermittler zu einem dichten Teppich knüpfen. Die Fahnder sind sich sicher, einem rechten Terrornetzwerk in Bundeswehr und Polizei auf der Spur zu sein und eines der Munitionsverstecke gefunden zu haben, nach denen lange gesucht wurde.

Die Fäden führen zu Elitekräften der Truppe, aber auch zu gewaltbereiten Neonazis. Sie reichen von Marko G. bis Franco A., jenem angeblich syrischen Flüchtling, der im Verdacht steht, er habe mit falscher Identität Anschläge verüben wollen, um sie Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben. Und zu einer Stadt in Oberbayern, deren Kaserne seit Jahrzehnten für rechtsextreme Exzesse bekannt ist.

Gerüstet für „Tag X“

Das Loch im Garten eines Polizeibeamten aus Mecklenburg-Vorpommern führt direkt in einen Abgrund. Es ist sehr selten, dass Polizisten Polizisten verhaften. In Banzkow geschieht an diesem Morgen genau das. Marko G. war bis vor zwei Jahren beim Spezialeinsatzkommando (SEK) des Landeskriminalamtes (LKA). Eine Gruppe um ihn herum soll spätestens seit 2012 illegal Munition aus Beständen des LKA und der Bundeswehr abgezweigt und vergraben haben.

Marko G. ist den Ermittlern bekannt. Sein Name taucht vor zwei Jahren im Chatverkehr des unter Terrorverdacht stehenden Bundeswehroffiziers Franco A. auf. Damals wird Marko G. von der Bundesanwaltschaft noch als Zeuge geführt. Die Karlsruher Fahnder sind Mitgliedern einer gut 30 Mann starken rechtsextremistischen Gruppe auf der Spur, die sich „Nordkreuz“ nennt und vornehmlich aus aktiven und ehemaligen Soldaten rekrutiert. Eine radikalisierte Untergruppe namens „Vier gewinnt“ soll rechtsterroristische Anschläge vorbereiten – mit Marko G. als deren Kopf. Die Truppe rüstet sich für den „Tag X“, das Datum, an dem eine Katastrophe, eine Krise oder ein Terroranschlag Deutschland ins Chaos stürzt. Marko G. streitet das ab. Man bereite sich lediglich vor, lege Vorräte an, zu denen auch Waffen gehörten. Aber das Ganze sei eben nur ein Spiel, eine Art Hobby.

Ein Anwalt und ein Kriminalpolizist führen „Feindeslisten“

Die Ermittler sehen das anders. Der Inlandsgeheimdienst ist alarmiert. „Es gibt Hinweise auf Waffendepots“, sagt Oberstaatsanwältin Cornelia Zacharias von der Bundesanwaltschaft Ende vergangenen Jahres in einer vertraulichen Sitzung vor dem Innenausschuss des Bundestages. Lange findet man nichts Illegales. Deshalb ist der Fund von Banzkow so bedeutsam.

Zwei Mitglieder von „Nordkreuz“, ein Anwalt und ein Kriminalpolizist, führen „Feindeslisten“ mit Namen und Anschriften von Tausenden „flüchtlingsfreundlichen“ Personen. Sie stehen seit mehr als zwei Jahren unter Terrorverdacht. Die Bundesanwaltschaft ermittelt. Beide bestreiten die Vorwürfe.

Die zwei Verdächtigen gehören wie Marko G. zu „Vier gewinnt“. Die Ermittler finden bei ihnen Bestelladressen für den Kauf von 200 Leichensäcken und Ätzkalk, mit dem Leichen unkenntlich gemacht werden können. Alles nur ein Spiel?

Das Munitionsdepot im Garten von Marko G. – es scheint beispielhaft zu sein für die Waffenlager der Rechten und deren Tötungsabsichten. „Gott segne unsere Truppen ... besonders unsere Scharfschützen“, steht auf Englisch am Heck eines Wohnwagens von Marko G., der nur wenige Meter vom Munitionsdepot entfernt auf einer grau gepflasterten Stellfläche parkt. Früher war der Polizist Scharfschütze, auch Sniper genannt. Er diente er als Fernspäher und Präzisionsschütze in der Bundeswehr. Die Sniper sind Elitesoldaten – geübt in Nahkampf, Sabotage und Fallschirmspringen. Der NPD-Politiker Steffen Hupka lieferte vor mehr als 20 Jahren die Blaupause zur Bildung rechtsextremer Netzwerke. Seinen Anhängern empfahl er, „eine Ausbildung bei Bundeswehr oder Polizei in Erwägung (zu) ziehen, mit dem Ziel, sich in besonders qualifizierten Spezialeinheiten das nötige Wissen und Können anzueignen“.

Es geht um mehr als ein paar  ein paar waffenverrückte Jäger und Sportschützen

„Nordkreuz“ scheint die Strategie Hupkas eins zu eins umzusetzen. Militärisch straff geführt, setzt sich der Zirkel aus ehemaligen Elitesoldaten der Bundeswehr zusammen. Zu „Nordkreuz“ gehört auch Horst S., Vierter im Bunde bei „Vier gewinnt“.

Der Major der Reserve und ehemalige Vizekommandeur der Reservisteneinheit RSU in Mecklenburg-Vorpommern bestreitet, etwas mit möglichen Anschlagsvorbereitungen zu tun zu haben. Dennoch wird Horst S. im Juli 2017 zweimal vom BKA verhört. Er gilt als Kronzeuge der Bundesanwaltschaft und sagt aus, „Nordkreuz“ stehe in Kontakt mit weiteren Gruppen, die sich in Anlehnung an die Aufteilung der Bundeswehr „Südkreuz“, „Westkreuz“ und „Ostkreuz“ nennen würden und über Chats miteinander verbunden seien.

Allmählich dämmert den Fahndern, dass sie es nicht mit ein paar waffenverrückten Jägern und Sportschützen zu haben. Marko G. ist Gründer des Nord-Chats und eng vernetzt mit Franco A. und weiteren Offizieren aus dem Süden. Als Administratoren fungieren zwei Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) im baden-württembergischen Calw, einem ehemaligen Fallschirmjäger-Bataillon, aus dem 1996 das KSK wird. Die Decknamen der beiden: „Hannibal“ und „Petrus“. Ein Muster zeichnet sich ab. Längst sieht das Verteidigungsministerium „weitergehenden Handlungsbedarf“. Die Elite-Einheit habe sich als „Arbeitsschwerpunkt“ für den Militärgeheimdienst MAD „herausgebildet“, heißt es in einem vertraulichen Schreiben an das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages.

Viele Elitesoldaten unter den Mitgliedern

Die Ermittler suchen nach Gemeinsamkeiten, nach einer Struktur hinter dem rechten Netzwerk. In einem BKA-Vermerk, den das RND einsehen kann, fällt der Name einer Stadt in Oberbayern: Altenstadt.

Auffallend viele Mitglieder der „Kreuze“ sind ehemalige Fallschirmjäger und Elitesoldaten, die bei der Bundeswehr auch Fallschirmspringen lernen. Altenstadt ist seit der Zeit der Wehrmacht der zentrale deutsche Ausbildungspunkt. Wer Fallschirm springt, muss mindestens einmal für sechs Wochen dort gewesen sein.

Altenstadt gilt als Hotspot der rechten Szene. Die Geschichte rechtsextremer Exzesse in der Franz-Josef-Strauß-Kaserne reicht lange zurück. Mitte der 90er Jahre feiern Fallschirmjägersoldaten „Führers Geburtstag“ mit Reichskriegsflagge, Hitler-Bildern und dem Absingen des nationalsozialistischen Horst-Wessel-Liedes. Auf dem Dachboden der Kaserne findet man ein Waffenlager.

Der Korpsgeist von Altenstadt ist legendär, vergleichbar in etwa mit dem der Navy Seals der US-Armee. Der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) lässt 1997 Kommandeur Fritz Zwicknagl absetzen. Rühe stören Berichte über das rechtsextreme Treiben in der Kaserne, dem offenbar niemand entgegentritt.

1998 wird Oberst Frank-Detleff Doerr nach Altenstadt abkommandiert. Er erinnert sich an ein rechtes Netzwerk, an elitäres Gehabe, ominöse Sonnenwendtage und Fallschirmjägerabzeichen der Wehrmacht. Als Doer versucht, dem rechten Spuk ein Ende zu setzen, sieht er sich Morddrohungen ausgesetzt. 2003 wird er abberufen.

„Hannibal“, „Petrus“ und zahlreiche anderen Elitesoldaten der „Kreuze“ und Chats – sie alle müssen während ihrer Bundeswehrzeit zur Fallschirmjägerausbildung nach Altenstadt.

Auch Andreas Kalbitz, Brandenburgs AfD-Chef und nach Überzeugung von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) „immer ein Rechtsextremist“ und „tief im braunen Sumpf“, hat eine Altenstadt-Geschichte. Kalbitz war nach eigener Aussage mehrere Jahre Ausbilder an der Fallschirmjägerschule.

Angesprochen auf Berichte und Gerüchte zu seiner Vergangenheit, sagt Kalbitz: „Ich habe keine rechtsextremistische Biografie“, allenfalls könne man von „rechtsextremen Bezügen“ reden.

Doerrs Vorgänger Fritz Zwicknagl arbeitet inzwischen für die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag. Das bestätigt AfD-Verteidigungsexperte Gerold Otten dem RND. Die Altenstadt-Connection zieht sich wie ein roter Faden durch rechte Netzwerke und Seilschaften, durch Parlamente – und Geheimdienste.

Als Ermittler der Bundesanwaltschaft im September 2017 gegen „Hannibal“ vorgehen und nach Waffen in der KSK-Kaserne Calw suchen, finden sie nichts. „Hannibal“ brüstet sich damit, vorgewarnt gewesen zu sein. In Verdacht gerät ein Mitarbeiter des Bundeswehrgeheimdienstes MAD. Der Oberstleutnant betreut den Fall Franco A. und ist – man ahnt es fast – ehemaliger Fallschirmjäger.

Mindestens dreimal sind „Hannibal“ und der MAD-Mann im Sommer 2017 verabredet – zuletzt zwei Tage vor der Durchsuchung. Das Gericht spricht ihn vom Vorwurf des Geheimnisverrats frei, weil nicht nachzuweisen ist, ob und wann genau der MAD-Mann Informationen weitergegeben hat.

Verbindungen zu „Combat 18“

Wenige Monate bevor die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) auffliegt, kommt es in Thüringen im Juni 2011 zu einem denkwürdigen Treffen. Ein Foto zeigt einen Arzt aus dem Ruhrgebiet mit dem NPD-Vorstandsmitglied Thorsten Heise vor Heises Haus in Fretterode. Sicherheitsbehörden zählen den Arzt zu „Westkreuz“, seitdem er während einer Abhörmaßnahme ins Visier des Verfassungsschutzes geraten ist.

Drei der Söhne des Arztes sind tief in die rechte Szene zwischen Nordhessen, Südniedersachen und dem benachbarten Thüringen verstrickt, einer mit einer Tochter von Götz Kubitschek liiert, dem politischen Kopf der Neuen Rechten. Und: Der Arzt aus dem Ruhrgebiet ist vor seiner Karriere als Arzt Fallschirmjäger in Altenstadt.

Heise gilt nicht nur als enger Vertrauter von NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben. Er ist auch Kopf der rechtsterroristischen Vereinigung „Combat 18“, der Organisation, mit der Stephan E. in Verbindung gebracht wird – der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. In Fretterode verschmelzen die Netzwerke der rechtsextremen Szene zu einem großen Ganzen: der NSU, die „Kreuze“, „Combat 18“ – und die Altenstadt-Connection.

Franco A., dem die Bundesanwaltschaft vorwirft, unter falscher Flagge als angeblich syrischer Flüchtling Anschläge geplant zu haben, wird im April 2017 während einer Einzelkämpferausbildung im bayerischen Hammelburg festgenommen – einer Außenstelle von Altenstadt.

Zum Fall Franco A. veröffentlicht die FR in den kommenden Tagen einen dritten und letzten Schwerpunkt: die rechten Netzwerke und die AfD.

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