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Ein gutes Versteck: Im Boden des Schachbretts waren Kakao, Zucker und Rosinen versteckt.
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Ein gutes Versteck: Im Boden des Schachbretts waren Kakao, Zucker und Rosinen versteckt.

60 JAHRE DANACH

Das Versteck

Christian Fröhner (Jahrgang 1969) übermittelt, was ihm sein Großvater Hans (1910 bis 1994) früher erzählt hat. Das Schachbrett, um das es geht, besitzt der Enkel noch heute.

Am 15. März 1945 geriet mein Großvater an einem schönen Vorfrühlingstag in Rheinnähe in amerikanische Gefangenschaft. Nach verschiedenen Stationen kam er in ein großes Gefangenenlager nach Marseille.

Die deutschen Soldaten wurden von den Amerikanern gut behandelt, Verpflegung war genügend vorhanden, wenn es natürlich situationsbedingt oft einseitige Kost war. So gab es tagelang Erbsen, dann wieder Schokolade im Überfluss, später Kakao- und Vanillebohnen, die manche noch nie gesehen hatten, und ab und zu auch Kaffee. Nach Tagen und Wochen unendlicher Langeweile gab es dann für die Gefangenen Möglichkeiten, sich handwerklich zu betätigen. Mein Großvater als gelernter Stellmacher stellte Holzspielzeug her, das von den Amerikanern gern als Souvenir über den großen Teich geschickt wurde. Nach Kriegsende durften die Gefangenen auch Sendungen in die Heimat schicken, erst Briefe und dann auch Pakete mit Andenken.

Bei schwerer Strafe war es verboten, Lebensmittel zu senden. Was nun aber machen, wenn man wusste, dass in Deutschland gehungert wurde? Mein Großvater stellte Spielsachen mit doppeltem Boden und geheimen Verstecken her. Diese waren nun nicht besonders ästhetisch, denn sie mussten viel Platz bieten.

So entstanden massive Buchstützen gefüllt mit Kakao und Vanillezucker, eine Holzeisenbahn mit Zucker und Kaffee in den Güterwagen, voluminöse Kinderkreisel mit Tabak und ein Schachbrett mit doppeltem Boden. Einige bange Momente gab es zu überstehen, als ein amerikanischer Offizier großen Gefallen an der Spielzeugeisenbahn fand. Er probierte sie begeistert aus und es bestand enorme Gefahr, dass die Wagen ihre versteckte Ladung preisgaben. Der Zug sollte unbedingt über den Atlantik nach Illinois geschickt werden. Erst das Versprechen, einen noch viel größeren und schöneren Zug zu bekommen, konnte den Offizier zufrieden stellen.

Das Schachbrett ist bis heute erhalten geblieben. In seinem Boden waren Kakao, Zucker und Rosinen versteckt, was meine Großmutter mit zwei kleinen Kindern gut gebrauchen konnte.

Auf diesem Schachbrett lernte ich 1978 von meinem Großvater das königliche Spiel. Heute ist es für mich auch ein wertvolles Andenken und sogleich ein Symbol für die Ideen, den Optimismus und den Lebenswillen der Menschen in Deutschland nach 1945.

Für meinen Großvater war der 15. März ein Wendepunkt in seinem Leben, er verlor Heimat, Wohnung, Anstellung und konnte seine Familie fast drei Jahre nicht mehr sehen. Trotzdem gelang es ihm, in der Nachkriegszeit wieder Fuß zu fassen, ein Haus zu bauen, eine glückliche Familie zu haben und eine Firma aufzubauen. Das Schachbrett erinnert mich an ihn und seine interessanten, lustigen und optimistischen Geschichten.

Christian Fröhner, Wiesbaden

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