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Verschwörungsmythen und Aluhüte - Ein Aussteiger packt aus

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Coronavirus - Frau mit Aluhut
Ein Drittel der Deutschen zeigt sich offen für Verschwörungsmythen. © Boris Roessler/dpa

Gerald glaubt: Die Erde ist hohl. Die Raumstation ISS ist gar nicht echt. Doch dann wirkt ein Gegenmittel.

Frankfurt – Die Botschaft steht in weißen Buchstaben auf einem schwarzen Transparent und hängt am Gartenzaun der Nachbarn: „5G tötet! Schützt unsere Kinder!“ Nein, sagt Gerald und blickt vom Wohnzimmertisch durch das Fenster zum Nachbargrundstück hinüber. Er habe noch keine Gelegenheit gehabt, die Leute von nebenan kennenzulernen. Das Plakat habe ihn abgeschreckt. Ein wenig ärgern wollte er sie trotzdem und hat sein WLAN „5G Heilfrequenz“ getauft. Vielleicht wäre ein kurzer Austausch ja doch interessant, sagt er, aber vermutlich bringe es wenig. Bei ihm sei es ja früher nicht viel anders gewesen. Und man sei ja nicht für jeden Menschen auf der Welt verantwortlich.

Gerald wirkt routiniert, während er spricht. Die langen Haare sind zum Pferdeschwanz zusammengebunden, die dunklen Augen hinter der Brille blinzeln nur selten. Um ihn herum herrscht reges Chaos. Der gesamte Wohnzimmerboden ist mit Kinderspielzeug übersät. Das Baby, gerade 14 Monate alt, schläft friedlich, das Babyphon bleibt an diesem Abend stumm.

Verschwörungsmythen: Eine geheime Weltregierung steuert alles

Es ist nicht das erste Mal, dass Leute von der Presse an seinem Tisch sitzen. Gerald will seine Geschichte erzählen, hofft, etwas wiedergutzumachen. Denn Gerald war ein Anhänger von Verschwörungstheorien.

Irgendwann, da glaubte er alles. Die Erde würde schrumpfen, sei hohl. Und mit Wasserstoff gefüllt. Auch vermutete er eine geheime Weltregierung, die die Geschicke der Menschheit lenke. Alle Politiker, alle Unternehmensvorstände – nur Marionetten der Mächtigen. Die ganze Welt sah Gerald als ein riesiges Problem, bis er sich fragte, ob er nicht vielleicht selbst das Problem war. „Ich habe gedacht, ich wäre superschlau, aber letztendlich war ich einfach nur sehr dumm“, sagt Gerald heute .

Mit solchen Ansichten ist er nicht alleine. Eine Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2020 ergab, dass etwa ein Drittel der Deutschen sich offen zeige für Verschwörungsmythen. Die Aussage „Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern“ fanden elf Prozent der Befragten richtig, 19 Prozent hielten sie für wahrscheinlich richtig.

 „Ich habe gedacht, ich wäre superschlau, aber letztendlich war ich einfach nur sehr dumm“

Gerald heute

Geralds Rolle in der Welt war immer etwas speziell. Er kommt 1981 zur Welt, seine Eltern hatten zuvor schon Familien gegründet, und so wird ihm die Rolle des Sonderlings zuteil. Mit acht Jahren fängt er an, am 286er-PC seines älteren Bruders zu coden, zu programmieren. Aus Eigeninteresse, wie er sagt.

Über seine Schulzeit spricht Gerald nicht gerne. Er sei mit den anderen Jugendlichen nicht klargekommen und sie nicht mit ihm. Manchmal fragten ihn seine Mitschüler vor den Physikprüfungen nach den Lösungen, hier schrieb er, ohne zu lernen, immer eine eins, wie er erzählt. Freunde hatte er wenige – und auch nicht unbedingt die besten. Einer gab ihm eines Tages ein Buch mit. Damit fing es dann an.

„Zeit für die Wahrheit“ von Klaus Ewert wurde zu Geralds Einstiegsdroge. Als er es zum ersten Mal in die Hand nahm, wurde sämtliches Wissen, das er vorher über die Welt hatte, pulverisiert: Die Menschheit existiere erst seit 1000 Jahren, nachdem die vorherige Kultur durch eine Planetenkollision zerstört worden war. Einsteins Relativitätstheorie? Durch scheinbare Logik widerlegt. Geralds Welt war auf den Kopf gestellt. Und er wurde süchtig. Nach immer mehr, nach immer extremerem Wissen. Gerald ging nicht mehr wählen und irgendwann nicht mal mehr zum Arzt. Es war ohnehin alles eine große Lüge.

Der übliche Werdegang eines Verschwörungstheoretikers

Es ist der übliche Werdegang eines Verschwörungstheoretikers, so wie er auch im Buch „Fake Facts“ der Wirtschaftswissenschaftlerin Katharina Nocun und der Psychologin Pia Lamberty beschrieben wird: „Für Menschen, die sich gerne besonders und einzigartig fühlen wollen und auch bewusst ‚gegen den Strom schwimmen‘ möchten, sind solche Ideen besonders attraktiv.“

Fragt man Gerald heute, warum er all diese Dinge damals geglaubt habe, sagt er, er habe gerne etwas Besonderes sein wollen. Und nun wusste er vieles, das andere nicht wussten.

Gerald hat nie eine Universität von innen gesehen, auch kein Abitur. Mit Anfang 20, da ist er bereits voll und ganz in die Welt der Verschwörungserzählungen hinübergeglitten, bekommt er über Kontakte einen Job in einer IT-Firma. Als Systemadministrator. Das nötige Handwerk bringt er sich selbst bei. Er habe schon immer gewusst, sich zu verkaufen, sagt er. Hätten seine Arbeitskollegen damals geahnt, woran Gerald alles glaubte, vermutlich hätte er die Stelle nie bekommen.

Auf Youtube ist Gerald als „Ascendancer“ unterwegs. Foto: Paul Gäbler
Auf Youtube ist Gerald als „Ascendancer“ unterwegs. © Paul Gäbler

Ein Arbeitskollege war es letztlich, der bei ihm den ersten Stein ins Rollen brachte. Nachdem Gerald seine eigene Theorie zur Entstehung des Sonnensystems geäußert hatte, fragte dieser ganz trocken: „Warum glaubst du das?“ Darüber habe er dann lange nachdenken müssen.

Es sei schlimm mit ihm gewesen, bestätigt auch Thomas, der Mann von Geralds ältester Schwester. Diskussionen mit ihm seien eine Qual gewesen. Welches Argument auch immer man gebracht habe, Gerald habe es besser gewusst. Bei Familienfeiern habe man inständig gehofft, dass er still bliebe.

„Das Einzige, was uns zusammenhielt, war der Glaube an die große Verschwörung“

Einmal, da hätten sie sich wegen eines einfachen Logikfehlers in die Haare gekriegt. Da hatte Gerald behauptet, die internationale Raumstation ISS könne gar nicht echt sein, weil sie dem Außendruck nicht standhalten würde. Doch Thomas blieb beharrlich: Es gebe Naturgesetze. Aber manchmal habe auch er keine Lust mehr gehabt. „Gerald wollte nicht diskutieren, er wollte Recht haben. Heute ist er der Schwager, den man sich immer gewünscht hat.“

Wann genau es passiert ist, kann Gerald nicht sagen, es war eine Kette von Ereignissen. Er ist Ende 29, als er den Kontakt zu einigen seiner wenigen Freunde abbricht. „Das Einzige, was uns zusammenhielt, war der Glaube an die große Verschwörung.“ Wen er genau meint, möchte er nicht sagen. Er will seinen alten Freunden nicht schaden.

Heute sagt er, dass der Kontaktabbruch eine gute Entscheidung gewesen sei. Er sei für vieles dankbar, für seine Familie, die ihn nie aufgegeben und keine Diskussion mit ihm gescheut habe. Für seine Freundin, die er kurz nach seinem Ausstieg aus der Welt der Verschwörungen auf einer WG-Party kennenlernte. Und jetzt für seinen Sohn, den er über alles liebt. „Ich bin froh, dass ich den Ausstieg vor der Pandemie geschafft habe. Ich glaube nicht, dass meine Familie dann noch zu mir gehalten hätte.“

Seinen Nachnamen und seinen Wohnort möchte Gerald nicht nennen, er habe Sorge vor „irgendwelchen Idioten aus dem Internet“, die ihm nachstellen könnten. Denn Gerald sucht die Öffentlichkeit. Unter dem Namen „Ascendancer“ stellt er sich bei Youtube der Diskussion und pflückt die Argumentationen der Corona-Leugnenden in kurzen Videos auseinander.

Verschwörungstheorien: Die meisten radikalisierten sich noch schneller

Inzwischen aber sei die Nachrichtenflut deutlich zurückgegangen. Dies liege auch daran, dass das Portal immer mehr Kanäle von Corona-Leugnenden sperre. Nun wanderten die meisten auf andere Plattformen ab, wo sie sich ausschließlich mit anderen Verschwörungstheoretikern messen müssten. Die Folge: Die meisten radikalisierten sich noch schneller. Gerald sagt, dass ihn diese Entwicklung beunruhige.

Gerald steht in einem Park und macht Tai-Chi-Übungen. Die Begeisterung für südostasiatische Kampfkunst ist so etwas wie ein Relikt aus seinem früheren Leben. Früher hatte er so gehofft, der Erleuchtung ein wenig näherzukommen. Telekinese, Gedankenübertragung, Lichtnahrung – all diese Dinge hielt Gerald früher für real. Die Übungen sind aus seiner alten Welt geblieben.

Er hofft, dass sein Beispiel Schule macht, als Lehrstück darüber, wie man mit Verschwörungsgläubigen wie ihm umgehen sollte. „Das Wichtigste ist, den Menschen trotz seiner Ansichten zu respektieren. Nicht an die Decke gehen, beharrlich bleiben und auf den Fakten bestehen.“ Auch, wenn das anstrengend sei. Und immer den Kontakt halten.

Das Wichtigste ist, den Menschen trotz seiner Ansichten zu respektieren.

Gerald

Die Hinwendung zu solch alternativen Wahrheiten sei letztendlich eine Sucht nach diesem einen Moment, in dem man etwas völlig Neues für sich entdecke, eine neue Sicht auf die Dinge entwickele, also genau der „Kick“, nach dem man als Verschwörungstheoretiker süchtig werde. Doch den könne man sich auch in der echten Welt holen. „Ich bin ein Erkenntnisgewinn-Junkie“, sagt Gerald und lacht. Vielleicht müsste er sich doch einmal mit seinen Nachbarn unterhalten. (Paul Gäbler)

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