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Die Glaubwürdigkeit der Kirche wird immer mehr zur Existenzfrage, sagt der Wissenschaftler,

Missbrauchsskandal

Verschweigen und Vertuschen geht nicht mehr

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Verkrustete Strukturen, ein verschämter Umgang mit Sexualität, überforderte Priester - Rainer Bucher über das Versagen der katholische Kirche beim Missbrauchsskandal.

Professor Bucher, hat die katholische Kirche im Missbrauchsskandal ihre Lektion gelernt, oder ist sie mit ihrem Latein am Ende?
Reinhard Kardinal Marx spricht von einem Wendepunkt, und er hat recht. Zwei lange geübte Strategien der Kirche sind am Ende: das Verschweigen und Vertuschen, aber auch folgenlose Scham- und Bußbekundungen. Selbst die verdienstvolle Präventionsarbeit, die viele Diözesen begonnen haben, genügt nicht, wenn man sich nicht den systemischen Hintergründen des Missbrauchs in der katholischen Kirche stellt. Die Studie benennt sie relativ klar: Es sind der Klerikalismus, so übrigens auch der Papst, und der verschämte Umgang mit der Sexualität. 

Was ist dagegen zu tun?
Die Kirche muss den Klerikalismus überwinden und sich in ihrer Haltung zur Sexualität ehrlich machen. In beidem geht es darum, die Haltung der Erhabenheit über die anderen aufzugeben. Das ist ein Problem des Habitus und der Einstellung wie der Strukturen und Prozesse. Die Studie empfiehlt eine „Änderung klerikaler Machtstrukturen“, eine „grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Weiheamt des Priesters und dessen Rollenverständnis gegenüber nicht geweihten Personen“. Theologisch gesprochen: Es geht um den „Volk Gottes“-Charakter des Weihepriestertums. Solange gnädige Erlaubnishaltungen dominieren, ist nichts verstanden und nichts gewonnen. Die Kirche muss sich aber auch viel mehr um ihre Priester kümmern, auch das zeigt die Studie. Denn Priester werden zwar kirchenrechtlich und theologisch hoch privilegiert, ihre konkreten Lebenslagen, etwa bei Überforderung oder Einsamkeit, werden aber kaum wahrgenommen. Das beginnt schon bei der Priesterausbildung, die noch immer oft auf eine künstlich geschaffene Einheitskultur hinausläuft, die von den Priestern dann irgendwann mehr oder weniger klandestin unterlaufen wird.

Sehen Sie denn Chancen, dass es nach dem zitierten Wendepunkt auch zu einem Wandel kommt?
Die Wissenschaftler betonen in ihrer Studie mehrmals, wie unterschiedlich die Diözesen reagiert und mitgearbeitet haben. Das beschreibt die Realität. Mit feinem Institutionsinstinkt hat sich die katholische Kirche meist dann gerade noch rechtzeitig umorientiert, wenn es an ihre Existenz ging. Bei ihrer Glaubwürdigkeit ist es langsam soweit. Insofern besteht Hoffnung. Das Problem: In anderen Weltgegenden sind „starke Identitäten“, die mit Ausgrenzung und Repression arbeiten, gerade in Mode, und bei uns kommen sie als Minderheitenprogramm auch wieder. Aber warum soll eine postklerikale katholische Kirche mit einer realistischen und hilfreichen Sexualmoral nicht möglich sein? In der Theologie gibt es Letztere übrigens schon lange. Man braucht sie auch dringend in Zeiten, da die Sexualität Teil des kapitalistischen Optimierungswahns wird.

Die Wissenschaftler sagen: Der Zölibat an sich ist nicht das Problem. Was denn dann?
Unehrlichkeit. Sie ist die Ursünde in geistlichen Dingen. Dann der Gestus der Erhabenheit, die typisch klerikale Sünde, und schließlich die Unaufmerksamkeit, die pastorale Sünde an sich. Alle drei Sünden sind direkte Angriffe auf die Botschaft Jesu. Im Missbrauchsskandal sind sie an allen Ecken und Enden zu greifen. Im Übrigen sagt die Studie in typisch wissenschaftlicher Vorsicht, aber doch deutlich, die Kirche habe sich „mit der Frage zu befassen, in welcher Weise der Zölibat für bestimmte Personengruppen in spezifischen Konstellationen ein möglicher Risikofaktor für sexuelle Missbrauchshandlungen sein kann“. Bei vielen der Täter diagnostiziert sie emotionale oder sexuelle Unreife, nur bei einem eher geringen Teil manifeste Pädophilie.

Die Wissenschaftler sagen auch, Homosexualität an sich führe nicht zum Missbrauch. Trotzdem scheint in der Kirche hier ein Problem zu liegen. Über 60 Prozent der Opfer sind männlich.
Die katholische Kirche hat hier ein Problem, denn gerade der offizielle Umgang mit Homosexualität ist einigermaßen unehrlich, reichlich erhaben und unaufmerksam. Er ist unehrlich, denn im Klerus gibt es überdurchschnittlich viele homosexuelle Männer, man will es aber nicht wahrhaben. Man agiert erhaben, denn man schreibt homosexuellen Menschen vor, lebenslang enthaltsam zu leben. Und man ist unaufmerksam, denn man redet über homosexuelle Christinnen und Christen wie über Fremde und sieht nicht, dass sie selbst Kirche sind. Gott sei Dank gibt es an der pastoralen Basis und auch in der wissenschaftlichen Theologie andere Ansätze und Haltungen.

Lässt sich das Konzept eines „geweihten Amtes“ oder einer kirchlichen Hierarchie als „heilige Macht“ überhaupt noch retten?
Das „geweihte Amt“ hat eine Zukunft, wenn es den Klerikalismus, also seine Herrschaftsgeschichte, hinter sich lassen kann. Entscheidend ist dabei nicht, was Priester von sich selber sagen, sondern welche Erfahrungen man mit ihnen macht. Früher war der Priester als „heiliger Mann“ in jeder Hinsicht sakrosankt, also unkritisierbar. Das ist er heute nicht mehr. Deswegen wird aufgedeckt, was im Verborgenen geschah. Das ist der Fortschritt. Dass es so etwas wie ein Weihepriestertum im Volk Gottes gibt, ist grundsätzlich eine Chance. Kirche gibt es, um „Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes“ zu sein. Priester gibt es, um das in eigenständiger und amtlicher Weise zu garantieren. Deswegen ist sexualisierte Gewalt mit ihren oft schrecklichen Folgen eine Niederlage Gottes in seiner Kirche. 

Interview: Joachim Frank

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