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Verschobene OPs wegen Covid: Was das für Betroffene bedeutet

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Klinik
Ein Intensivbett, in dem ein Covid-19-Patient liegt, steht auf einer Intensivstation eines Klinikums. (Archivbild) © Sebastian Gollnow/dpa

Aufgrund der hohen Zahl an Covid-Patienten verschieben Kliniken bestimmte OPs, die nichts mit Corona zu tun haben. Für Betroffene kann das Ärger und Leid bedeuten.

Ulm - „Ich versuche, das rational zu sehen, doch manchmal überkommt mich die Wut“, erzählt die 63-jährige ehemalige Pflegerin. Wieder wurde ihr Operationstermin verschoben, immer noch hat sie keine Perspektive, wann es soweit sein könnte.

Was bleibt, sind die Schmerzen und die psychische Belastung. Die 63-Jährige wartet - wie immer mehr Menschen in Deutschland - auf einen Operationstermin, weil die Kliniken mit der Vielzahl an Covid-Patienten auf den Intensivstationen ausgelastet sind und deshalb sogenannte planbare Operationen verschieben.

Drei Viertel der Kliniken betroffen

Bundesweit sind nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft bereits drei Viertel aller Kliniken nicht mehr im Normalbetrieb und müssen OPs aufschieben. „Die Lage ist wirklich zunehmend dramatisch und führt bei einem Teil der abgesetzten Behandlungen auch zu körperlichen und psychischen Belastungen bei den betroffenen Patienten“, teilte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, in Berlin mit. Für die Krankenhäuser sei die Verschiebung planbarer Operationen derzeit das Mittel der Wahl, um die Versorgung akuter Fälle weiter leisten zu können. Zu den typischen planbaren Operationen gehören den Angaben zufolge vor allem orthopädische OPs.

Als sich die ehemalige Pflegerin aus Buchloe im bayerischen Allgäu im September für ihre Hüftgelenksoperation an den Arzt Gerhard Achatz am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm wandte, wurde ihre OP für das Frühjahr 2022 angesetzt. Mittlerweile ist die Operation auf unbestimmte Zeit verschoben.

Es gebe Tage, da könne sie kaum laufen, berichtet die ehemalige Pflegerin, die ihren Namen nicht in den Medien lesen möchte. Die Ungewissheit und der Umgang mit den Schmerzen belaste sie mittlerweile so sehr, dass sie mit Depressionen zu kämpfen habe. Ihren Beruf musste die 63-Jährige aufgrund einer chronischen Arthrose-Erkrankung aufgeben. Nun könne sie nicht mal mehr leichte Gartenarbeiten machen, erzählt sie. Die Schuld an der Lage in den Kliniken möchte sie dabei nicht allein den Ungeimpften geben. Doch sie bekomme eine Wut auf solche, die an Verschwörungstheorien glaubten und sich deshalb nicht impfen ließen, sagt sie.

Großteil der Covid-Patienten ungeimpft

Auch ihr Arzt Gerhard Achatz, stellvertretender Klinischer Direktor am Bundeswehrkrankenhaus Ulm, berichtet, dass ein Großteil der Covid-Patienten ungeimpft sei. Er ist überzeugt, die aktuelle Situation der Kliniken müsste nicht so sein: „Wir haben mit dem Impfstoff inzwischen eine Möglichkeit, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Doch die Impfquote ist weiterhin zu niedrig.“

Alleine im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie gibt es am Bundeswehrkrankenhaus Ulm derzeit pro Woche aufgrund der Belastung durch Covid-Patienten etwa zehn bis zwölf Operationen weniger als sonst. Das belastet auch die Ärzte. Sie seien oft unzufrieden, da sie ihrem Anspruch in der Behandlung der Patienten in vielen Fällen nicht gerecht würden, schildert der Oberarzt.

Dass manche Patienten so lange auf einen OP-Termin warten, hängt auch damit zusammen, dass die Mediziner wie etwa in Ulm im Sommer nicht alle planbaren Operationen nachholen konnten, die bereits in den vorigen Pandemiewellen verschoben wurden. Dabei kann ein späterer OP-Termin durchaus Auswirkungen auf den Befund oder die Erfolgsaussichten eines Patienten haben, sagt Achatz. Dies sei etwa vor allem bei Krebspatienten der Fall, wie Untersuchungen gezeigt hätten.

Verschobene OPs

Nach Auswertungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft sind in der zweiten Pandemiewelle von Oktober 2020 bis Februar 2021 die Fallzahlen bei Krebs-OPs beim Brustkrebs um 6 und bei Darmkrebs um 18 Prozent zurückgegangen. Der größte Teil der verschobenen Operationen betraf demnach aber orthopädische Eingriffe. So seien in diesem Zeitraum etwa 22 Prozent weniger Hüftprothesen operiert worden.

Aus Sicht des Vorsitzenden Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz sehen sich Patienten auch einer rechtlichen Grauzone ausgesetzt. Die Definition von planbaren Operationen sei rechtlich unbestimmt und praktisch nicht greifbar, bemängelt er. So gebe es keine offizielle Liste mit medizinischen Eingriffen, die bei einer drohenden Überlastung verschoben werden könnten. Auch das führe bei Patienten zu großen Unsicherheiten, so Brysch.

Die Krankenhausgesellschaft rechnet aufgrund der weiter hohen Corona-Neuinfektionszahlen mit einer Zunahme an verschobenen planbaren OPs. Wie die 63-jährige ehemalige Pflegerin müssen wohl schon bald noch mehr Menschen in Deutschland auf ihre Operation vorerst verzichten. dpa

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