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Griechische Polizisten führen ein syrisches Kind ab.

Flüchtlinge in Griechenland

Das Versagen Europas auf Lesbos: Eine Eskalation mit Ansage

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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Auf der griechischen Insel Lesbos werden nach dem Erpressungsversuch der Türkei Flüchtlinge und Helfer angegriffen. Das Versagen der EU zeigt sich dort wie unter dem Brennglas.

  • Lage auf der griechischen Insel Lesbos eskaliert
  • Schlauchboote mit Flüchtlingen angegriffen
  • Rechtsextreme erklären Bewohner von Lesbos zu Helden

Thermi/Mytilini – Ein vollbesetztes Schlauchboot schaukelt im Hafenbecken von Thermi im Norden der Insel Lesbos. Darin: Männer, Frauen, Kinder. Sie schauen zu Boden, Kinder weinen. Anlegen können sie nicht. Denn auf der Hafenmole hat sich eine Menschentraube gebildet, die das Boot am Anlanden hindert. Auch hier stehen Männer, Frauen, Kinder. Sie blicken auf die Menschen im Boot herab. „Go now!“ rufen manche, andere lachen. Ein Mann schiebt das Boot mit einem Stock vom Ufer weg. Es kommt zu Wortgefechten, nicht alle scheinen mit der Blockade einverstanden zu sein.

Plötzlich: Rufe auf der anderen Seite der Hafenmole. Schwarzgekleidete Männer rennen auf einen Mann zu. Es ist der deutsche Fotojournalist Michael Trammer, der das Geschehen dokumentiert. Die Männer überrennen ihn, er geht zu Boden, sie treten auf ihn ein. Dann werfen sie seine Kamera ins Wasser.

Diese Szene dokumentierte ein Video auf griechischen Nachrichtenseiten am Wochenende.

Zur gleichen Zeit errichten selbsternannte Bürgerwehren Straßensperren, um jene Flüchtlinge, die es doch an Land schaffen, am Weiterkommen zu hindern. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen werden bedroht. Am Montag verkündet die griechische Küstenwache, dass ein Kind vor Lesbos ertrunken ist. Das Boot, auf dem der Junge mit 47 Menschen saß, war kurz vor der Küste gekentert.

Lesbos: Schlauchboote mit Flüchtlingen werden angegriffen, Journalisten verprügelt

Es ist der vorläufige Endpunkt einer Woche, in der wieder einmal die kleine griechische Insel Lesbos in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit rückt - und als der Eindruck entsteht: Lesbos hasst die Flüchtlinge.

Spyros Galinos tut es weh, das zu beobachten: „Wir senden die falsche Botschaft in die Welt. nämlich die, dass wir vor den Flüchtlingen Angst haben müssen. Rechtsextreme Parteien von überall zeigen gerade auf uns als abschreckendes Beispiel.“

Der Mann, der das sagt, ist kein NGO-Mitarbeiter oder linker Politiker, sondern der ehemalige Bürgermeister von Lesbos, ein Konservativer, - und derjenige, der ab 2015 die Ankunft von bis zu 7000 Menschen am Tag auf Lesbos managen musste. Er sitzt Mitte vergangener Woche in der Lobby des Hotels „Blue Sea“ am Hafen der Inselhauptstadt Mytilini, wo er mit dem deutschen Grünen-Europaparlamentarier Erik Marquardt verabredet ist. Marquardt beschäftigt sich seit Jahren mit der Situation an Europas Außengrenzen, war schon viele Male auf Lesbos. Diesmal will er sich vor Ort ein Bild von der aufgeheizten Lage machen.

Galinos Gefühl stimmt: Längst haben Rechtsextreme in ganz Europa die Bewohner von Lesbos zu Helden erklärt Es kursieren Fotomontagen, die die protestierenden Insulaner mit den Kriegern des antiken Spartas und deren Kampf gegen das Perserreich vergleichen. Dazu Slogans wie „Das Volk wird sich erheben“ oder „Verteidigt Europa“. Menschen wie Marquardt, die online über die Gewalt auf Lesbos berichten, bekommen dagegen seit einigen Tagen verstärkt Hassnachrichten und Morddrohungen.

Galinos hat sich auch mal als Verteidiger Europas gesehen, allerdings in einem anderen Sinne. Die Ankunft Tausender Hilfesuchender sah er 2015 als „Ruf der Geschichte“. Er habe seine Landsleute damals gebeten, „als Griechen und Europäer aufzustehen“ und Solidarität zu zeigen. Mit Erfolg. Viele Menschen auf Lesbos haben in den ersten Monaten geholfen wo sie konnten, haben gespendet, Essen verteilt, Flüchtlinge in ihren Autos mitgenommen. Die Insel hat eine lange Tradition linker Politik. Eines der größten Gebäude, das einen bei der Ankunft auf Lesbos am Hafen begrüßt, ist das Hauptquartier der Kommunistischen Partei.

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Doch sie alle gingen davon aus, dass es sich um eine befristete Herausforderung handeln würde, dass die EU das Flüchtlingsthema nicht auf Dauer einer Insel mit gut 86 000 Einwohnern aufladen würde. Stattdessen kam der EU-Türkei-Deal, und immer mehr Flüchtlinge mussten immer länger auf Lesbos ausharren. Die EU schickt zwar viel Geld, aber auf der Insel fehlt es an Personal, Know-how und mittlerweile wohl auch an politischem Willen, um damit die Hilfsstrukturen so auszubauen, dass die Lage für Flüchtlinge wie Einheimische erträglicher wäre.

Spyros Galinos hat schon 2018 vor einer „sozialen Explosion“ gewarnt und die Lage auf Lesbos mit einem Ballon verglichen, der immer weiter aufgepumpt wird. Damals warteten auf seiner Insel rund 10 000 Flüchtlinge auf den Abschluss ihres Asylverfahrens. Heute sind es mehr als doppelt so viele, die in dem übervollen Lager Moria und in den angrenzenden Olivenhainen ihr Dasein fristen.

Man kann sich eine halbe Stunde lang zwischen den dicht gedrängten Zelten bewegen ohne ein einziges Zeichen dafür zu finden, dass Hilfsorganisationen oder die griechischen Behörden im Lager präsent sind. Kinder spielen unbeaufsichtigt zwischen offenem Feuer und rostigem Stacheldraht oder in einem vermüllten Bach. Laut Ärzte ohne Grenzen leiden mindestens 140 Kinder in Moria an schweren chronischen Krankheiten. Doch nicht einmal sie dürfen die Insel verlassen. Die Organisation hat jahrelang eine kleine provisorische Klinik gegenüber von Moria betrieben, um das überfüllte Inselkrankenhaus zu entlasten. Im Lager selbst mit den Behörden zusammenzuarbeiten, haben die Ärzte ohne Grenzen von Anfang an abgelehnt, weil sie die Einrichtung der sogenannten "Hotspots" von Anfang an für einen politischen Fehler hielten. Seit Dienstag ist die Krankenstation Berichten zufolge geschlossen. Es ist für die Helfer dort nicht mehr sicher.

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Inmitten dieser Misere sind zwei Frauen mit dem aussichtslosen Versuch beschäftigt, etwas Ordnung rund um ihre windschiefen Zelte zu schaffen. Sie kommen aus Afghanistan wie der Großteil derer, die mittlerweile in Moria hausen. Seit drei Monaten leben sie mit ihren Kindern schon in diesen Zuständen. Wie lange noch? Schulterzucken.

Zusammengenommen haben EU- und griechische Asylbehörden gerade einmal einige Dutzend Mitarbeiter auf der Insel, die Asylgesuche bearbeiten. Ein echtes Nadelöhr.

Viele auf Lesbos glauben, dass die katastrophalen Zustände in Moria politisch gewollt sind - um weitere Menschen von der Überfahrt aus der Türkei abzuschrecken. Dass sich manche Bewohner der Insel dennoch gegen die Flüchtlinge selbst wenden, ist nicht neu. Doch Anfang vergangener Woche sah es noch aus, als richte sich der Volkszorn vor allem gegen Politik und Behörden. Rechte und Linke, Gruppen, die sich sonst verfeindet gegenüberstanden, protestierten gemeinsam gegen die Regierung von Premierminister Kyriakos Mitsotakis.

Die hatte Wasserwerfer und Trupps gepanzerter Bereitschaftspolizisten auf die Insel geschickt, um den Bau eines neuen, geschlossenen Flüchtlingslagers durchzusetzen. Noch am Mittwochabend freute sich eine lokale Flüchtlingehelferin über die Proteste. „Ich bin erleichtert, dass sich die Menschen auf Lesbos nicht gegen die Menschen wenden, sondern gegen die Politik, die hier ein Freiluftgefängnis errichten will.“ Zwei Tage später drohte der türkische Präsident damit, die Flüchtlinge in seinem Land nicht mehr vor der Reise nach Europa zu hindern - und der Ballon platzte.

Von Alicia Lindhoff

Die Mutter aller Probleme ist die Unwilligkeit der Europäer, ihre Flüchtlingspolitik nach humanitären Standards zu ordnen. Der Kommentar.

Die Zustände im Flüchtlingslager in Moria auf der griechischen Insel Lesbos sind verheerend - nun fordert erneut ein Feuer Menschenleben.

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