Bodenschätze im Atlantik

Verlockende Tiefsee

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Spanien und Marokko streiten um Gebiete im Atlantik. Madrid gibt sich diplomatisch – auch weil Rabat ein Druckmittel hat.

Es gibt sie noch, die Sprache der Diplomatie. „So wie wir es bei Kontakten in den letzten Wochen besprochen haben, wird es keine Politik der vollendeten Tatsachen und keine einseitigen Aktionen geben“, verkündete die spanische Außenministerin Arancha González Laya auf Twitter. González Laya, die bisher eine UN-Agentur in Genf leitete, hat gerade das Amt von Josep Borrell übernommen, dem neuen EU-Außenbeauftragten. Am Freitag machte sie sich für ihre erste Dienstreise auf den Weg zum südlichen Nachbarn Marokko. Die Beziehungen sind exzellent und problematisch zugleich. Ginge es nach einigen spanischen Regionalpolitikern, könnte die Ministerin in der einen oder anderen Sache mit Marokko gerne Klartext reden. Zumindest öffentlich zieht sie aber einen vermittelnden Tonfall vor.

Das Parlament in Rabat hat in dieser Woche einmütig beschlossen, die marokkanische Wirtschaftszone im Atlantik auf 350 Seemeilen (das sind knapp 650 Kilometer) auszuweiten. Das ist nicht grundsätzlich ungewöhnlich. Zum einen aber tut das gerade verabschiedete Gesetz so, als sei auch die Westsahara marokkanisches Territorium. Und zum anderen kommt die angestrebte Ausweitung Spanien in die Quere, das rund um die Kanarischen Inseln seine eigenen wirtschaftlichen Ansprüche hat. „Keinen Millimeter“ solle Spanien zurückweichen, fordert der Regionalpräsident der Kanaren, Ángel Víctor Torres, – als stehe das Überleben der Inseln auf dem Spiel.

Es geht um Kobalt und Tellur

Wie allen Staaten, die in den vergangenen Jahren Ansprüche auf erweiterte Wirtschaftszonen vor ihren Küsten gestellt haben, geht es sowohl Marokko als auch Spanien um die mögliche Ausbeutung von Bodenschätzen unter dem Meeresgrund. Ausgesprochen verlockend ist der „Tropic Seamount“, ein erloschener Vulkan in der Tiefsee, der mutmaßlich Tausende Tonnen Kobalt und Tellur birgt. Letzteres ist so selten wie Gold und gerade sehr gefragt für die Herstellung bestimmter Solarmodule.

Der „Tropic Seamount“ liegt näher an der afrikanischen Festlandküste als an El Hierro, der nächsten kanarischen Insel. Spanien meldete vor ein paar Jahren bei der zuständigen UN-Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels (CLCS) trotzdem Anspruch auf das Gebiet rund um den „Tropic Seamount“ an: Für alle Fälle und unter anderem deshalb, weil noch niemand sonst diesen Teil des Atlantiks für sich reklamiert hatte.

Das tut jetzt Marokko. Völkerrechtlich ist das höchst zweifelhaft, denn die Küstenlinie gehört zur Westsahara, einer ehemaligen spanischen Kolonie, die Marokko vor 45 Jahren für sich vereinnahmte. Der Rest der Welt erkennt das nicht an. Aus marokkanischer Sicht aber gibt es überhaupt keine Zweifel daran, dass die Westsahara zu Marokko gehört. Der letzte UN-Vermittler, der sich an diesem Konflikt die Zähne ausbiss, war Altbundespräsident Horst Köhler.

Immerhin ist sich Marokkos Außenminister Nasser Bourita mit seiner spanischen Kollegin González Laya einig, dass auf keinen Fall „vollendete Tatsachen geschaffen“ werden sollten, Spanien sei ja immerhin „ein Nachbar, ein strategischer Partner und ein Alliierter des Vertrauens“. Aber selbstverständlich beharre Marokko auf seiner Souveränität. Die UN-Kommission CLCS wird den Fall zu klären haben. Das wird Jahre dauern, vielleicht Jahrzehnte.

Dass Spanien im Dialog mit Marokko lieber freundliche Worte wählt, seien die Interessen auch noch so gegensätzlich, liegt an der Migrationspolitik. Marokko ist Europas Gendarm im westlichen Mittelmeer, ein ziemlich effizienter aus europäischer Sicht. Die Zahl der Menschen, die sich in Booten auf den Weg Richtung Spanien machen, ist 2019 um mehr als die Hälfte auf gut 26 00 zurückgegangen. Das ist vor allem auf die harte Hand Marokkos gegen die Migranten zurückzuführen. Um Ceuta, spanische Exklave in Marokko, haben die Marokkaner im Verlaufe des vergangenen Jahres sogar einen zweiten, mit Natodraht bewehrten Zaun gezogen – obwohl die spanische Exklave aus marokkanischer Sicht Teil des eigenen Staatsgebiets ist. Einem derart willfährigen Nachbarn begegnet man lieber mit diplomatischer Sprache.

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