Jahr für Jahr am 4. Juni erinnern sich einige Ungarn sehnsuchtsvoll an die alte territoriale Größe des Staates.
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Jahr für Jahr am 4. Juni erinnern sich einige Ungarn sehnsuchtsvoll an die alte territoriale Größe des Staates.

Ungarn

Verliebt in den Schmerz

  • vonThomas Roser
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Ungarn gedenkt des Trianon-Vertrages und träumt von alten Grenzen.

Mit Gedenkfeiern, Schweigeminuten, Kranzniederlegungen und Symposien wird Ungarn am Donnerstag den 100. Jahrestag eines Vertragswerks würdigen, das als nationales Trauma in die heimischen Geschichtsbücher eingegangen ist: Mit der Unterzeichnung des Vertrags von Trianon (Frankreich) musste Ungarn als einer der Verlierer des Ersten Weltkriegs zwei Drittel seines damaligen Territoriums abtreten.

Rund drei Millionen ethnische Ungarn wurden mit dem von der ungarischen Delegation unter Protest unterzeichneten „Friedensdiktat“ weitgehend ohne Volksabstimmungen zu Bürgern Rumäniens oder der neuen Nachbarstaaten Jugoslawien und Tschechoslowakei. Gleichzeitig erfuhr die Bevölkerung des verbliebenen Lands eine starke Homogenisierung: War zuvor nicht einmal die Hälfte von ihnen des Ungarischen mächtig, bestand diese fortan zu 90 Prozent aus ethnischen Ungarn.

Die traumatischen Erfahrungen des Territorium- und Bevölkerungsverlusts machten im turbulenten 20. Jahrhundert auch andere Staaten. Doch kaum wo wird das Trauma so intensiv und so lange gepflegt wie in Ungarn.

Orban reizt die Nachbarn

Unter dem autoritären Reichsverweser Miklas Horthy hatten Schulkinder in den 1930er Jahren für die Wiederauferstehung Großungarns zu beten. Zu sozialistischen Zeiten waren großungarische Töne tabu. Doch nach der Wende sah man wieder häufiger die Autoaufkleber mit den Umrissen Großungarns. Seit der erneuten Machtübernahme der rechtspopulistischen Fidesz-Partei von Premier Viktor Orban 2010 weint auch das offizielle Budapest den früheren Grenzen nach – zum Ärger der Nachbarn.

Zum wiederholten Male irritierte Orban die Nachbarn im Mai per Facebook mit der großungarischen, bis an die Adria reichende Landkarte. Derartige Botschaften könnten als „territoriale Ansprüche“ verstanden werden, ärgerte sich der slowenische Präsident Borut Pahor. Von einer „Provokation“ sprach Kroatiens Präsident Zoran Milanovic: „In unseren Archiven finden sich auch unzählige Karten, die Kroatien größer als heute zeigen. Aber teilt sie nicht und setzt sie auch nicht auf euer Facebook-Profil: Sie sind nicht mehr aktuell – und sorgen nur für endlose Irritationen der Nachbarn.“

Tatsächlich beäugen die Anrainer misstrauisch die von Budapest forcierte Festigung der Banden zur Diaspora und die Steuerung der Minderheitenparteien durch Fidesz. Als Budapest 2010 die Vergabe der ungarischen Nationalität an Landsleute außerhalb der Landesgrenzen erleichterte, sprach die slowakische Regierung gar von einer „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ und reagierte mit dem Verbot einer doppelten Staatsbürgerschaft. Revisionistische Absichten Budapests witterte auch der damalige slowakische Staatschef Ivan Gasparovic: Der Trianon-Vertrag sei ein „gültiges Dokument“, das „nicht hinterfragt“ werden dürfe.

Doch vor allem in der Beziehung zu Rumänien sorgt Ungarns ewige Wunde für Verdruss, der durch nationalistische Poltereien auf rumänischer Seite verstärkt wird. Pünktlich zum 100. Jahrestag des Trianon-Vertrags hat Rumänien den 4. Juni wegen der Einverleibung Siebenbürgens zum Feiertag erklärt – und nicht nur die ungarische Minderheit, sondern auch Budapest verärgert.

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