Verletzung von Arbeitern bei Springer war der Wendepunkt

Horst Mahler und Hans Jürgen Bäcker distanzierten sich vom Terrorismus / Flugzeugentführung mit My Lai verglichen

FRANKFURT A. M. Eine öffentliche Abrechnung mit den Ursprüngen und gegenwärtigen Erscheinungsformen des politisch motivierten Terrorismus nahmen am Mittwochabend der ehemalige Anwalt Horst Mahler und der ebenfalls inhaftierte Hans Jürgen Bäcker im Deutschen Fernsehen vor. Beide zogen die Bilanz, daß terroristische Aktivitäten und ihre Folgen für die politische Landschaft der Bundesrepublik 'eindeutig negativ' seien. Mahler und Bäcker zeigten im Gespräch mit dem Journalisten Stephan Aust den Weg eines kleinen Teils der Außerparlamentarischen Opposition (ApO) in den Terrorismus und die Illegalität auf. Dies geschehe fast zwangsläufig unter anderem dann, wenn das gesellschaftliche Umfeld einzelne Menschen 'überwältige', sei es durch einen großen Polizeiapparat oder - wie im Falle Mahlers - durch Schadenersatzforderungen von mehreren hunderttausend Mark.

Mahler und Bäcker machten deutlich, daß schon während ihrer Zeit im Untergrund Theorie und Praxis nicht mehr in Einklang zu bringen waren und sie unter dem Leben in der Illegalität gelitten hätten. Wendepunkt ihres Denkens sei der Bombenanschlag auf das Axel-Springer-Verlagshaus in Hamburg gewesen, bei dem Arbeiter und Angestellte verletzt wurden. 'Jetzt wendeten sich die Aktionen gegen den Teil des Volkes, für den wir den Kampf zu führen vorgaben', erklärten sie übereinstimmend. Den vollständigen Bruch mit den Vorstellungen der 'Rote Armee Fraktion' (RAF) - so machten die beiden Inhaftierten deutlich - vollzogen sie bei der Entführung der Lufthansa-Boeing 'Landshut' nach Mogadischu. Bäcker verglich diesen Luftpiratenakt mit My Lai, jenem amerikanischen Massaker an unschuldigen Zivilisten in Vietnam.

Mahler sah seine politischen Vorstellungen in keiner der existierenden Parteien ausreichend vertreten, auch nicht in der KPD, für die er bei den letzten Abgeordnetenhaus-Wahlen in Berlin auftrat. Er identifiziere sich vielmehr mit Bürger-Basisbewegungen (gemeint sind politische Bürgerinitiativen) und mit Versuchen, die Arbeitsorganisation in Betrieben zugunsten der Lohnabhängigen zu reformieren, sagte er.

Mahler machte dem Teil der Linken in der Bundesrepublik, der heute behaupte, die RAF sei niemals 'links' gewesen, den Vorwurf, den gemeinsamen Ursprung in der ApO zu leugnen. Das gemeinsame Anliegen der ApO, aus der auch die Terroristen hervorgegangen seien, sei der Kampf gegen den Kapitalismus gewesen. Allerdings hätten die letzten Aktionen der RAF-Nachfolgegruppen objektiv die politische Reaktion in der Bundesrepublik gestärkt. Diese Art von Politik habe dann mit Sozialismus nichts mehr zu tun gehabt. Die Terroristen würden als Schachfiguren für reaktionäre Maßnahmen wie der 'Liquidation von Grundrechten' mißbraucht.

Mahler nannte in dem Interview im Rückblick vor allem zwei entscheidende Fehler der Studentenbewegung: Einerseits sei nicht berücksichtigt worden daß die 'überwältigende Masse der Bevölkerung' sich mit dem Staat identifiziere und bei unvermittelten Angriffen gegen den Staat diese Identifikation mobilisiert werde; andererseits habe die ApO versucht, die 'Tradition des Barrikadenkampfes in abgewandelter Form' weitgehend von den Lohnabhängigen isoliert fortzusetzen.

FR vom 17. Februar 1978

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