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Bill Gates vermisst eine nationale Strategie für einen Lockdown - und ausreichende Testkapazitäten.

Milliardär

Verhasster Mahner

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Bill Gates schlägt derzeit viel Wut entgegen. Trotzdem attackiert er den US-Präsidenten.

Das Video dauert nur drei Sekunden. Ein Mann im blauen Pulli klebt ein Schild in sein Fenster. „Thank you, health care workers“ steht darauf – ein Dank an Ärzte und Pfleger, die gegen das Coronavirus kämpfen. Mitte April hat Bill Gates die Botschaft bei Instagram veröffentlicht. Die Resonanz ist ebenso überwältigend wie befremdlich: Mehr als 430.000 Kommentare stehen inzwischen unter dem Post. Fast alle attackieren den reichen Unternehmer. „Kein Völkermord!“, schreibt einer. „Trink Dein Gift selber!“, fordert ein anderer.

Auch auf Anti-Lockdown-Demonstrationen rund um den Globus wird der Mitgründer des Softwaregiganten Microsoft verteufelt. Mal infiziert er angeblich die Menschheit durch 5G-Mobilfunkstrahlen, mal will er ihr Mikrochips einpflanzen. Der Multi-Milliardär, der seit zwei Jahrzehnten Programme zur Gesundheitsversorgung und Armutsbekämpfung finanziert, ist in der Pandemie zur Hassfigur einer Koalition von rechten Konspirationstheoretikern, Impfverweigerern und Abtreibungsgegnern geworden. Sachliche Kritik am Einfluss der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die über ein gewaltiges Stiftungskapital von 47 Milliarden Dollar verfügt, hat es schon früher gegeben. Doch die Verschwörungsphantasien sind von einer anderen Qualität.

Paradoxerweise wird Gates vor allem deshalb attackiert, weil er früher als andere vor den Gefahren einer weltweiten Pandemie gewarnt hatte. Schon vor fünf Jahren mahnte er, nicht ein Atomkrieg, sondern ein infektiöses Virus könnten zur größten Gefahr für die Menschheit werden. Bei einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump 2018 beklagte er, dass sich die Welt nicht schnell genug auf ein solches Szenario vorbereite. Daraus wird nun konstruiert, Gates stecke irgendwie hinter dem Corona-Ausbruch.

Vor ein paar Wochen war Gates in der „Daily Show“, einer populären amerikanischen Late-Night-Talkshow, zugeschaltet. „So wie die Welt ist, muss ich Sie zuerst fragen: Wussten Sie 2015 schon von dem Virus?“, fragte der Moderator. Natürlich nicht, antwortete Gates. Sein Ziel sei es gewesen, die Regierungen zu höheren Vorsorgeinvestitionen zu drängen: „Leider haben wir die Zeit nicht genutzt, um eine Impfstoff-Fabrik aufzubauen.“

Ausgerechnet im Bundesstaat Washington, nur elf Meilen von Gates’ Wohnort entfernt, war Ende Februar der erste US-amerikanische Bürger an Covid-19 gestorben. Inzwischen sind es fast 100 000 Tote. Gates scheut sich nicht, die Krisenpolitik von Präsident Trump anzuprangern. „Es steht außer Frage, dass die Vereinigten Staaten die Chance verpasst haben, dem Coronavirus zuvorzukommen“, monierte der 64-Jährige in der „Washington Post“. Er kritisierte die fehlende nationale Strategie für einen Lockdown, den Verdrängungskampf der Gouverneure um Schutzkleidung und die zu geringen Testkapazitäten.

Millionen für den Impfstoff

Als Trump ankündigte, der Weltgesundheitsorganisation WHO die Mittel zu streichen, twitterte Gates: „Die Finanzierung der Weltgesundheitsorganisation während einer Weltgesundheitskrise zu stoppen, ist so gefährlich, wie es klingt.“ Keine andere Organisation könne die Ausbreitung des Virus verlangsamen.

Mit diesem Tweet ist der Unternehmer endgültig in den Fokus der Trump-Unterstützer und des rechten US-Kabelsenders Fox News geraten. Paradoxerweise werfen andere Kritiker dem Geschäftsmann seit Längerem vor, mit einer jährlichen Spende von 368 Millionen Dollar zu viel Einfluss auf die WHO zu haben. Nach dem Rückzug der US-Regierung, die bislang der größte Geber war, wächst die tatsächlich problematische Abhängigkeit der Organisation von privatem Geld und Mitteln aus China nun noch weiter. Gates’ Stiftung, die schon 2014 den Kampf gegen Ebola vorantrieb, hat rund 300 Millionen Dollar für die Suche nach einem Impfstoff investiert. Die Zeit drängt. Weltweit haben inzwischen 330 000 Menschen durch Covid-19 ihr Leben verloren. „Ich fühle mich furchtbar“, hat Gates neulich im „Wall Street Journal“ gestanden. Dafür seien nicht etwa die Pöbeleien gegen seine Person verantwortlich. Im Gegenteil: „Ich wünschte, ich hätte mehr getan, um die Aufmerksamkeit auf die Gefahr zu lenken.“

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