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Verhandlungen mit Guerilla-Gruppe: Kolumbien will der Gewalt ein Ende setzen

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Von: Klaus Ehringfeld

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Zeit für große Gesten: Israel Ramírez Pineda (2.v.l), alias „Pablo Beltrán“, Vertreter der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), schüttelt Ivan Danilo Rueda, Kolumbiens Friedensbeauftragter, bei der Wiederaufnahme der Friedensgespräche die Hand. Foto: Ariana Cubillos/AP/dpa.
Zeit für große Gesten: Israel Ramírez Pineda (2.v.l), alias „Pablo Beltrán“, Vertreter der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), schüttelt Ivan Danilo Rueda, Kolumbiens Friedensbeauftragter, bei der Wiederaufnahme der Friedensgespräche die Hand. Foto: Ariana Cubillos/AP/dpa. © Ariana Cubillos/dpa

Das Projekt „Totaler Frieden“ soll Kolumbien versöhnen. Der linke Staatschef Gustavo Petro beendet die Funkstille mit Rebellen und will auch auf die Organisierten Kriminalität zugehen.

Gustavo Petro hat als Präsident eine Obsession mit dem Frieden. Schon im Wahlkampf war es sein zentrales Thema. Und nun als erster linker Staatschef Kolumbiens und nach gut hundert Tagen im Amt schlägt er den ersten großen Pfeiler in seinem Projekt „Totaler Frieden“ ein. Für den Präsidenten ist eine Befriedung des zweitgrößten südamerikanischen Landes der Schlüssel zu seinen Reformprojekten, die nur dann funktionieren können.

Diese Woche begann seine Regierung im Nachbarland Venezuela Gespräche mit der Linksguerilla ELN. Das „Ejército de Liberación Nacional“ (Nationale Befreiungsarmee, ELN) gehört zu den historischen Rebellengruppen wie die aufgelösten FARC, ist aber deutlich kleiner und hat andere ideologische Wurzeln. Seit dem Friedensabkommen mit den FARC 2016 ist die ELN allerdings regional größer und militärisch stärker geworden. Heute dominiert sie nach Aussagen von Lucho Celis, Experte bei der „Stiftung für Frieden und Aussöhnung“ (Pares) in Bogotá, in 180 Gemeinden des Landes und hat wieder knapp 2500 Frauen und Männer unter Waffen. Besonders im Grenzgebiet zu Venezuela ist die ELN stark.

Kolumbien: „Die Gespräche sind ein wichtiger Prüfstein.“

„Es ist jetzt der sechste Versuch seit Beginn der 90er Jahre, mit der Organisation Frieden zu schließen,“ sagt Celis. „Aber jetzt ist es der erste, der Erfolg verspricht, weil es ernstgemeinte Vorschläge der Regierung und eine ideologische Nähe der Verhandlungspartner gibt.“ Beide Seiten wollen ein gleiches und faires Kolumbien erreichen. Nur die Mittel sind unterschiedlich. Petro hilft bei seiner Annäherung an die ELN, dass er selbst eine Vergangenheit als Mitglied der Stadtguerilla-Bewegung M-19 hat.

Bei der Anbahnung der Verhandlungen hat Petro sich als pragmatisch erwiesen. Er hat das Vertrauen der Streitkräfte gewonnen und auch Großgrundbesitzer und Unternehmervertreterinnen an den Tisch geholt. „Es wird sich aber zeigen müssen, ob die Regierung mit ihrer Ankündigung eines sozialen Wandels einerseits die ELN und andererseits auch die Kritiker und Skeptiker überzeugen kann“, sagt Florian Huber, Repräsentant der Heinrich-Böll-Stiftung in Kolumbien. „Die Gespräche mit der ELN sind ein wichtiger Prüfstein.“

Kolumbien: Seit der Auflösung der FARC ist das Land unsicherer geworden

Petro hat als erster Linkspräsident einen umfassenden und demokratischen Umbau des Landes versprochen, das nicht nur eines der ungleichsten Lateinamerikas ist, sondern neben Mexiko auch das mit der größten strukturellen Gewalt. Und Petro geht davon aus, dass seine Projekte nur funktionieren, wenn diese endet. „Das Verhältnis zu den USA und zu Venezuela, die Beendigung des Drogenhandels, die Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit und selbst die Steuerreform funktionieren nur, wenn in Kolumbien Frieden herrscht“, unterstreicht Lucho Celis.

Doch seit der Auflösung der FARC ist Kolumbien eher unsicherer als sicherer geworfen, da das Vakuum, das der Abzug der Großguerilla seinerzeit ließ, nicht wie versprochen vom Staat gefüllt wurde. Vielmehr haben ELN und FARC-Dissident:innen und vor allem Drogenkartelle die Macht in den früheren Rebellengebieten übernommen. Der Anbau von Kokapflanzen in Kolumbien stieg laut einem Bericht des UN-Drogenbüros UNODC zwischen 2020 und 2021 um 43 Prozent, von 143 000 auf 204 000 Hektar. Daraus lassen sich 1400 Tonnen Kokain gewinnen, eine Quelle schier unermesslichen Reichtums und Wurzel ebenso unendlicher gewaltsamer Konflikte.

Petro ist überzeugt, dass der Umbau des Landes nur dann gelingen kann, wenn alle Waffen schweigen. Selbst der Organisierten Kriminalität und den Narco-Milizen hat er Gespräche angeboten. Es ist ein heikles, aber unerlässliches Vorhaben. Aber ob es gelingt, ist dennoch fraglich.

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