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„Vergesst, dass Ihr Journalisten seid“

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Von: Sebastian Borger

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Die schottische Krone auf dem Sarg von Queen Elizabeth in der St Giles Cathedral in Edinburgh.
Die schottische Krone auf dem Sarg von Queen Elizabeth in der St Giles Cathedral in Edinburgh. © Jane Barlow/afp

Elizabeth II. ist tot. Der harte britische Polit-Alltag soll sich nach Willen des royalen Protokolls aber nicht fix wieder einstellen. Die Staatstrauer wird damit zum Problemfall.

In der warmen Morgensonne dieses Sonntags verließ Queen Elizabeth II. zum letzten Mal ihr geliebtes Sommerschloss Balmoral. Der Konvoi mit ihrem Leichenwagen brauchte sechs Stunden für die Überführung des royalen Leichnams vom Ferienort in die schottische Hauptstadt Edinburgh, wo sie dann am Montag im Beisein ihres Sohnes, König Charles III., in der St.-Giles-Kathedrale öffentlich aufgebahrt wurde.

Schottlands Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon notierte, der Anblick von Elizabeths Sarg, gehüllt in das königliche Banner und geschmückt mit einem Kranz aus Dahlien, Heidekraut und Gartenwicke, sei ein „trauriger und ergreifender Moment“. Tausende säumten die Konvoiroute. In der Grafschaft Aberdeen formten Dutzende von Traktoren eine Art Ehrengarde am Rand der Straße. Die Menschen warteten teilweise stundenlang geduldig auf den kurzen Moment des Vorbeifahrens.

In der medialen Ferne war da erstmals seit Donnerstagabend ein leises Grollen auszumachen.

Am Samstag war Charles in London zum König ausgerufen worden. Am Sonntag folgten dann entsprechend öffentliche Proklamationen in der nordirischen Hauptstadt Belfast, in der walisischen Kapitale Cardiff und auch in Edinburgh.

Relative Pietät

Da wurde dann wirklich deutlich, dass keineswegs alle Menschen im Königreich mit „einstimmiger Zustimmung von Zunge und Herzen“ – wie es in der Proklamation in elegantem, aber veraltetem Englisch heißt – ihren neuen König annehmen.

Wie erwartet blieb die größte Partei im nordirischen Landtag, die republikanische Sinn Féin der Proklamation in Belfast fern. Die Zeremonie sei gedacht „für jene, die der Krone Gefolgschaft leisten“, erklärte die Vorsitzende MaryLou McDonald. Sie betonte aber auch den wichtigen Beitrag der Krone zu Frieden und Aussöhnung in der Provinz.

Am klarsten trat der Dissens aber in Edinburgh zutage: Die radikale Unabhängigkeitspartei Alba ließ wissen, in einem künftig eigenständigen Schottland werde es „keine Duldung“ für die „Absurdität“ eines Königs als Staatsoberhaupt geben können. Während der öffentlichen Proklamation in der schottischen Hauptstadt gab es denn auch vereinzelt Buh- und Protestrufe gegen die royale „Verschwendung“. Das wäre schon bemerkenswert gewesen, auch als Randnotiz der Trauerberichterstattung. Aber die sonst so auf ihre journalistische Neutralität bedachte BBC verlor dazu kein einziges Wort. Insidern zufolge soll den Angestellten bei den regelmäßigen Proben für „Traueranlässe der Kategorie A“ gesagt worden sein, sie sollten dann „für einen Tag vergessen, dass Ihr Journalisten seid“.

Auch keine Rolle spielt in den Medien das umstrittene Energie-Hilfspaket über 171 Milliarden Euro, das Premierministerin Liz Truss am Donnerstag im Unterhaus vorgestellt hatte, ehe der Tod in Balmoral alles überlagerte. Das Parlament ist nun wegen der Staatstrauer bis auf weiteres im Zwangsurlaub.

Während Schulen und andere Institutionen wie sonst auch ihrer Tätigkeit nachgehen, sei „der Mechanismus suspendiert, mit der die Regierung zur Rechenschaft gezogen wird“, analysiert der Sheffielder Professor Richard Murphy auf Twitter. „Das ist vollkommen inakzeptabel.“ Der linke Steuer-Experte kritisiert zudem, dass Charles III. auf seiner jetzigen Tour durchs Königreich von Premier Truss begleitet wird. Er könne sich nicht vorstellen, „dass die Queen so unklug gewesen wäre“. Schließlich sei Truss zutiefst unpopulär und bekannt dafür, um fast jeden Preis die Medienaufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

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