Fritz Bauer

Verfolgter und Verfolger der Nazis

  • schließen

Ohne Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hätte es den Auschwitz-Prozess kaum gegeben

Ein Schwabe war er. Er schwäbelte wohl auch manches Mal leutselig. Sonst aber war er alles andere als gemütlich. Das Arbeitspensum dieses Humanisten, dem Äußeren nach "halb Gelehrter, halb Bohemien", wie das Hamburger Echo 1963 urteilte, muss unvorstellbar groß gewesen sein.

Fritz Bauer, Nazi-Verfolgter und Nazi-Verfolger in einer Person, hatte nach der Rückkehr aus dem Exil im Jahr 1949 einfach keine Zeit zu verlieren. Rieb sich auf in Stellungnahmen gegen die Todesstrafe und den Überwachungsstaat, gegen Rachegedanken im Strafvollzug, gegen deutschen Untertanengeist. Und brachte dann, 1956 zum Hessischen Generalstaatsanwalt nach Frankfurt berufen, nach jahrelangen Ermittlungen gegen rund 500 Beschuldigte die Massenmorde von Auschwitz vor Gericht - von 1963 bis 1965. Der Gerichtssaal war erst im Römer, dann im Bürgerhaus Gallus.

Bis heute wird es von niemandem bezweifelt: Nur er, der Unbeugsame, der Unbequeme, konnte diese schmerzvolle Erörterung in der deutschen Gesellschaft des "Wir-sind-wieder-wer" durchziehen, die doch zu Zeiten von Bundeskanzler Konrad Adenauer mit dem Thema endlich Schluss machen wollte.

"Unterrichtsstunden für uns alle", eine "bittere Medizin, die wir schlucken müssen", nannte der Jurist, der selber in den Verhandlungen nicht auftrat, "die KZ-Prozesse" damals gegenüber der Frankfurter Rundschau. Wie er aus Anlass seines 40-jährigen Dienstjubiläums 1964 den Interviewer der Frankfurter Neue Presse unwillig beschied, zum persönlichen Plausch "jetzt keine Zeit" zu haben, lässt seine Erbitterung erkennen: "Sagen Sie, wie sehr wir alle in diesem Hause unter den NS-Mordprozessen leiden. Es ist furchtbar, immer wieder den ganzen Jammer, die ganze Not jener zwölf Jahre heraufzubeschwören."

Als Fritz Bauer am Montagmittag, dem 1. Juli 1968, in seiner Wohnung in der Feldbergstraße 48 tot in der Badewanne gefunden wurde, war für viele Opfer auch die Hoffnung gestorben. Für ihn, der selbst im Konzentrationslager inhaftiert war, wäre es nicht in Frage gekommen, locker zu lassen: Zum Zeitpunkt seines Todes war der Ankläger mit Ermittlungen gegen führende Justizbeamte des "Dritten Reichs" befasst, um deren Beihilfe zum Mord an Zehntausenden so genannter Geisteskranker abzuurteilen. Jener Prozess "gegen die Schreibtischtäter der Euthanasie" (so die Einordnung des Fritz Bauer Instituts) hat nie mehr stattgefunden.

"Man könnte das doch wieder aufnehmen", dachte sich die Historikerin Sabine Hock, als sie dieser Tage im Auftrag der Stadt Frankfurt im Institut für Stadtgeschichte auf der Suche nach Fritz Bauers Spuren unterwegs war. Doch nein, reagiert der heutige Hessische Generalstaatsanwalt Dieter Anders auf Befragen - "es ist alles verjährt". Diese Verstrickung der Justiz in der Nachkriegszeit ist nicht mehr verhandelt worden.

Die Umstände des Todes von Fritz Bauer, der am heutigen 16. Juli 100 Jahre alt geworden wäre, haben vor diesem Hintergrund für manchen bis heute etwas Mysteriöses. Obwohl nach der Obduktion des Toten drei Tage später "Herzversagen bei akuter Bronchitis" öffentlich von Amts wegen zur Todesursache erklärt worden ist. "Ich stelle mir sein Ende vor; ein Rest von Geheimnis bleibt", ließ sich der Schriftsteller Horst Krüger damals hören.

"Fritz Bauer ist tot: Es fehlen die Worte", äußerte sich der Nachrufer in der FR vom 2. Juli 1968. "Man könnte Bücher über den Hessischen Generalstaatsanwalt schreiben, die Biographen werden es auch noch tun . . ." Doch da irrte die Zeitung. Im 1991 von der Frankfurter Historischen Kommission herausgegebenen Standardwerk eines Frankfurt-Geschichtsbuchs fehlt Bauers Name. Die renommierte "Frankfurter Biographie", nächstes Beispiel, hat das unermüdliche Wirken des gebürtigen Stuttgarters in dieser Stadt in einer Acht-Zeilen-Notiz nicht einmal gestreift.

Autor Horst Krüger, der Fritz Bauer in jener Zeit der 60er Jahre öfter auf der Zeil getroffen, der mit ihm im "Café Kranzler" an der Hauptwache diskutiert hatte, mag es geahnt haben: "Mir schien bei manchen Besuchen, dass er auf eine schwer erträgliche Weise allein lebte, in diesem Lande, in dieser Stadt, wo er bekannt war, wo er von vielen respektiert, von einigen geachtet, von sehr vielen aber auch gehasst wurde, natürlich." Faschismus, urteilte Krüger, "stirbt nicht so rasch. Er war einfach zu ehrlich, um nur beliebt sein zu können. Er war ein junger Heide mit jüdischer Leidenschaft und deutscher Ratlosigkeit" (Die Zeit vom 12. Juli 1968).

Heute sitzt Irmtrud Wojak im Fritz Bauer Institut über der Analyse dieses mit heißem Herz und brennender Sorge verbrannten Lebens; ihr Buch über Fritz Bauer ist für 2005 angekündigt. Dann wird sich die Rolle des Ermittlers Fritz Bauer bei der Ergreifung von Adolf Eichmann aufklären. Er habe die Leute vom israelischen Geheimdienst zur Recherche "in sein Büro gelassen", geistert durch die presseöffentliche Überlieferung.

Nach Irmtrud Wojak war es umgekehrt: Den Tipp, wo Eichmann in Argentinien lebte, habe Bauer gegeben, der selbst nachgeforscht hatte. Aber nicht an die deutschen Behörden, sondern an "israelische Stellen", wie ein Jahr nach seinem Tod herauskam. Der SS-Offizier Adolf Eichmann, der die Judentransporte in die Vernichtungslager organisiert hatte, wurde in Israel am 1. Juni 1962 hingerichtet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion