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Das undatierte Archivbild zeigt das deutsche KdF-Schiff "Wilhelm Gustloff" auf hoher See. Am 30.01.1945 stach das mit mehr als 10.000 Flüchtlingen völlig überfüllte Schiff von Danzig aus in See. Der Kommandant eines sowjetischen U-Bootes brauchte zu diesem Zeitpunkt Erfolge und veranlasste daher den Abschuss der "Wilhelm Gustloff". Nach einer Explosion und zwei weiteren Torpedotreffern sank das Schff innerhalb von einer Stunde. Von den Passagieren konnte sich kaum jemand retten.

Die verdrängte Katastrophe

Vor 60 Jahren wurde der Flüchtlingsdampfer "Wilhelm Gustloff" versenktMargarethe Lense fühlte sich als Glückskind, als sie an Bord ging. Tagelang war die 35-Jährige, im neunten Monat schwanger, durch das eiskalte Pommern des Januar 1945 gezogen, jetzt sollte die letzte - und leichteste - Etappe der Flucht nach Westen beginnen. Mit Mühe ergatterte die Hochschwangere einen Platz auf einem der Flüchtlingsdampfer, der sie über die Ostsee nach Westen bringen sollte. Doch es wurde eine Fahrt in die Katastrophe: Vor 60 Jahren wurde die "Wilhelm Gustloff" versenkt - die schwerste Schiffskatastrophe aller Zeiten.

Von CHRIS MELZER (PINNOW, DPA)

Margarethe Lense fühlte sich als Glückskind, als sie an Bord ging. Tagelang war die 35-Jährige, im neunten Monat schwanger, durch das eiskalte Pommern des Januar 1945 gezogen, jetzt sollte die letzte - und leichteste - Etappe der Flucht nach Westen beginnen. Mit Mühe ergatterte die Hochschwangere einen Platz auf einem der Flüchtlingsdampfer, der sie über die Ostsee nach Westen bringen sollte. Doch es wurde eine Fahrt in die Katastrophe: Vor 60 Jahren wurde die "Wilhelm Gustloff" versenkt - die schwerste Schiffskatastrophe aller Zeiten.

Obwohl der Film "Nacht fiel über Gotenhafen" schon 1959 das Schicksal des versenkten Flüchtlingsschiffes schilderte, blieb die Katastrophe in den Köpfen der Deutschen ein Unglück zweiter Klasse. Zu schwer lastete die Schuld des Völkermordes und des selbst entfachten Weltkriegs auf dem Gewissen, zudem schien das Thema Vertreibung heikel. Der Danziger Günter Grass setzte erst vor drei Jahren mit "Im Krebsgang" das Thema wieder auf die Tagesordnung. Zahlreiche Dokumentationen folgten.

Wer wollte, erfuhr vom 30. Januar 1945, als die "Wilhelm Gustloff" mittags in der Danziger Bucht ihre Anker lichtete. Das einstige Traumschiff der Nazis, das eigentlich einmal als Dampfer dem Regime ergebene Arbeiter in den Urlaub hatte schippern sollen, war mit mehr als 10.000 Flüchtlingen völlig überfüllt. Es waren vor allem Frauen und Kinder, Verwundete, aber auch Soldaten einer Marinedivision. Wer an Bord war, fühlte sich schon in Sicherheit.

Doch der "Gustloff" folgte "S-13". Der Kommandant des sowjetischen U-Bootes, Alexander Marinesko, brauchte Erfolge. Trotz mehrerer Disziplinarvergehen war er nur wegen des Offiziersmangels nicht degradiert worden. Die Versenkung des 25.000-Tonners sollte die erhoffte Ehre einbringen.

Die "Gustloff" war auf der Höhe von Stolpmünde, als kurz nach neun Uhr abends eine Explosion das Schiff erschütterte. Zwei weitere Torpedotreffer folgten. Der Dampfer sank in nicht einmal einer Stunde. Von den Passagieren konnte sich kaum jemand aus dem überfüllten Schiff retten. Wer es von Bord schaffte, starb in den eiskalten Fluten der Ostsee. Die Schwimmwesten wurden vielen Kindern zum Verhängnis. Viel zu groß, ließen sie die kleinen Körper nach hinten kippen und drückten den Kopf unter Wasser. Eine Augenzeugin berichtete später, sie sei noch nach Jahrzehnten in Tränen ausgebrochen, wenn jemand im Kinderlied "Schwänzchen in die Höh'" sang.

Vermutlich starben mehr als 9000 Menschen an diesem 30. Januar. Die genaue Zahl wird nie festzustellen sein. Ähnliches gilt für die "Steuben" und die "Goya", die ebenfalls Tausende Flüchtlinge mit in den Tod rissen. Die "Goya" wurde auch von Marineskos S-13 versenkt. Die Ehrung blieb dem Kommandanten versagt, Moskau hüllte sich nach 1945 in Schweigen. Bis 1990. Da wurde er mit dem Titel "Held der Sowjetunion" und einem Denkmal geehrt - 27 Jahre nach seinem Tod in einem Straflager, zu dem er wegen Diebstahls verurteilt worden war.

Margarethe Lense war da schon über 80. Matrosen hatten sie 1945 aus dem eiskalten Wasser in eines der wenigen Rettungsboote gezogen. Ein Schiff nahm sie auf und dampfte nach Dänemark, wo sie zwei Jahre interniert blieb. Hier wurde auch ihr Sohn Eberhard geboren. 1947 ließ sich die kleine Familie in Pinnow bei Schwerin nieder.

Hier in Mecklenburg schloss sich der Kreis. In Schwerin war am 30. Januar 1895 Wilhelm Gustloff geboren worden. Der kränkliche aber intelligente junge Mann ging 1917 in die Schweiz. Später versuchte er, mit wenig Erfolg, eine Schweizer NSDAP aufzubauen. Am 4. Februar 1936 wurde er in Davos erschossen - "von einem Juden gemeuchelt", wie die Presse der Nazis rachsüchtig titelte. Der "Führer" hatte seinen Märtyrer. An Gustloffs 38. Geburtstag hatten die Nationalsozialisten die Macht in Berlin übernommen. An seinem 50. Geburtstag sank das nach ihm benannte Schiff und riss, letztlich nur ein Kapitel im sechsjährigen Morden, Tausende in den Tod.

Margarethe Lense war wirklich ein Glückskind. "Mutter erzählte bis zu ihrem Tod oft von der wichtigsten Nacht ihres Lebens", sagt ihr Sohn. Trotz der schrecklichen Erlebnisse sei die Stimme aber nie brüchig gewesen. "Die Stimme war fest und stolz. Stolz auf die Retter, die uns aus dem eiskalten Wasser gezogen haben. Und stolz auf sich selbst, das alles überlebt zu haben."

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