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Verbrüderung mit den Taliban

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Von: Willi Germund

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Taliban-Kämpfer in Afghanistan (Symbolbild).
Taliban-Kämpfer in Afghanistan (Symbolbild). © rtr

Afghanen feiern die Feuerpause, die Hoffnung auf einen langfristigen Frieden nährt. Ein Anschlag des IS fordert dennoch Tote.

Die afghanische Fotografin Farzana Wahidy ist an den Stadtrand der afghanischen Hauptstadt Kabul geeilt, um ein Foto zu schießen. Das Selfie zeigt die unverschleierte junge Frau mit listig blitzenden Augen und einem verschmitzten Lächeln neben zwei von allen Seiten bedrängten unbewaffneten Kämpfern der radikalislamischen Taliban. Beide nutzten einen Waffenstillstand, den Präsident Ashraf Ghani ausgerufen und eine dreitägige, bis Sonntagabend dauernde Waffenpause für einen Besuch in Kabul. Anlass der Friedfertigkeit am Hindukusch sind die Eid-Feiertage zum Ende des Fastenmonats Ramadan.

Das provokative Foto der grinsenden Talibankämpfer neben der unverschleierten Fotografin gehörte zu Dutzenden, teilweise die Grenzen der Glaubwürdigkeit strapazierenden Szenen am in Afghanistan, die vor ein paar Tagen noch schlicht unmöglich erschienen. Innenminister Wais Barmak traf sich in Kabul mit Taliban-Vertretern. In mehreren Provinzen tauchten unbewaffnete Vertreter der radikalislamischen Milizen mit ihren weißen Fahnen samt pechschwarzen Aufschriften auf und verbrüderten sich unter Gejohle und Jubelrufen mit fremden Menschen. In der umkämpften Stadt Kunduz stand die Polizei gar Spalier, als Talibankämpfer durch die Straßen zogen.

US-Einheiten für Aktion

Präsident Ghani hatte die bis Mittwoch befristete Feuerpause vor mehreren Tagen verkündet. US-General John Nicholson, der Befehlshaber der verbliebenen ausländischen Truppen unter dem Namen „Resolute Support“, verkündete, seine Soldaten würden mit Ausnahme von Terrorgruppen wie Al Kaida und dem auf rund 4000 Mann geschätzten „Islamischen Staat“ (IS) auf alle Aktionen am Hindukusch verzichten. Da konnten oder wollten auch die Talibanmmilizen nicht nachstehen. Sie verkündeten am Freitag ihren eigenen Eid-Waffenstillstand, der für das ganze Land mit „Ausnahme ausländischer Streitkräfte“ gelte.

Seit der Vertreibung der Taliban aus Kabul 2001 bekämpften sich die Regierung mit ihren ausländischen Alliierten und die Talibankämpfer erbittert am Hindukusch. Erst im Mai zählte die afghanische Nachrichtenagentur Pashwok 3000 Opfer des Konflikts, 40 Prozent mehr als im April. Die Taliban kontrollieren zudem immer mehr Regionen.

Nun fallen sich Taliban und Regieurngssoldaten lachend und weinend in die Arme. Ruhe herrschte dennoch nicht. Der IS attackierte just eines jener friedlichen Treffen im Nordosten des Landes, bei dem sich Kabuls Geheimdenstvertreter und Talibankämpfer begrüßten. 25 Menschen starben, 16 wurden verletzt.

Doch in weiten Teilen des Landes herrschte eine Art von Frieden – ein Zustand, den die meisten Afghanen sonst nur vom Hörensagen kennen. Die Verbrüderungen überraschten auch Beobachter. „Das ganze ist sicher vorbereitet“, sagte Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network (AAN),„es gibt seit Jahren Kontakte zwischen Kabul und Taliban. Nun führte das erstmals zu konkreten Ergebnissen. Man sollte jetzt aber nicht überoptimistisch werden.“

Friedensmarsch auf Kabul

Der Experte Waheed Mozhda, der enge Kontakte zu den afghanischen Regierungsgegnern unterhält, reagierte ebenfalls zurückhaltend: „Die Taliban wollen nur zeigen, dass es keine Schwierigkeiten zwischen Afghanen gibt und nur die ausländischen Truppen ein Problem sind.“ Es werde derzeit nicht verhandelt.

Tatsächlich gerieten sowohl Regierungsgegner wie auch Präsdient Ashraf Ghani in Zugzwang. Eine Gruppe von Zivilisten, die von der gewalttägigen Helmand-Provinz trotz Ramadan durch die brüllende Hitze nach Kabul marschierten, genoss nicht nur deutliche Sympathien bei Zivilisten.

Nach Angaben von Teilnehmern erhielten sie sogar Besuch von bewaffneten Taliban-Kämpfern, die ihren Unmut über die Kämpfe zum besten gaben. Die Regierung von Präsident Ghani reagierte eher ratlos auf die Friedensinitiative. Optimisten am Hindukusch hoffen, dass die einseitgen Waffenstillstände länger andauern als angekündigt.

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