Milli Görüs

Verbot oder Gespräch

An der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) scheiden sich in Deutschland seit Jahren die Geister.

Von THOMAS MARON (BERLIN)

An der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) scheiden sich in Deutschland seit Jahren die Geister.

Innenpolitiker und Verfassungsschützer warnen vor der größten islamischen Gemeinschaft in Deutschland, die ihren Sitz in Kerpen hat. Die IGMG gefährde die freiheitliche Grundordnung, weil sie den türkisch-muslimischen Mitbürgern in Deutschland ein streng an muslimischen Regeln ausgerichtetes Leben abverlange, die nicht dem Geist des Grundgesetzes entsprächen. Kulturwissenschaftler fordern dagegen, den Dialog nicht zu verweigern, weil die IGMG positiven Einfluss auf jene ausüben könne, die tatsächlich empfänglich für die Botschaften islamistischer Terroristen sind.

Die Gründung der IGMG im Jahr 1985 ist die Folge der Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland in den 1960er Jahren. Damals gründeten türkische Arbeiter kleine Gemeinden und richteten erste Moscheen ein. Später schlossen sich die Gruppen zusammen, aus dieser überregionalen Kooperation entwickelte sich die IGMG, die laut Verfassungsschutz in Deutschland 26 500 Mitglieder hat und eigenen Angaben zufolge 600 Moscheen betreibt. Europaweit unterhalte die Organisation mehr als 2000 Einrichtungen.

In öffentlichen Verlautbarungen beschreibt sich die Organisation als Hilfsorganisation, die Muslimen unter anderem Koran-Kurse und Religionsunterricht für Jugendliche, Deutschkurse, Seelsorge und religiöse Lebensberatung aller Art anbietet. Den Dialog der Religionen bezeichnet die IGMG als "besonders wichtiges Anliegen".

Kritiker wie der bayerische Innenminister Günther Beckstein sprechen dagegen von "Doppelzüngigkeit". Die IGMG biete, so Beckstein, "fundamentalistischen Islamgläubigen eine politische und religiöse Heimat". Immerhin sei die Organisation "nicht gewaltorientiert". Laut Verfassungsschutzbericht strebt die IGMG die Schaffung einer Parallelgesellschaft an. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) spricht von einer "desintegrativen Jugendarbeit", einer "schleichenden Indoktrinierung von Muslimen mit islamistischer Ideologie", einem "Regelungssystem verpflichtet, dass die westliche Zivilisation, ihren Wertekanon und ihr Demokratieverständnis negiert".

Offen ist, welche Wirkung die Politik des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan auf die IGMG hat, weil sich Erdogan vom islamischen Hardliner mit ähnlichen Wurzeln wie die IGMG zum Reformer entwickelt hat. Beckstein räumte jüngst ein: "Die IGMG gibt den Sicherheitsbehörden derzeit Rätsel auf", weil nicht klar sei, in welche Richtung sich die IGMG, die enge Kontakte zur Erdogan-Partei AKP unterhalte, weiterentwickle.

Der Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer von der Europa-Universität Viadrina kritisiert den Druck auf Milli Görüs. Orthodoxe Gemeinden wie IGMG, so Schiffauer, die in Deutschland konsequent islamisch leben, ohne die Gesellschaft islamisieren zu wollen und Gewalt ablehnen, könnten mäßigenden Einfluss auf Ultra-Orthodoxe ausüben, die einen Gottesstaat anstreben.

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