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Verantwortungsvoller Umgang

Differenziert wird die Vertreibung in vier neuen Büchern behandelt

Von THOMAS OSER (HAMBURG, DPA)

Die Dresdner Bürger haben eindrucksvoll gezeigt, dass es möglich ist, sowohl um die eigenen Toten des Bombenkriegs zu trauern, als auch um die Toten von Auschwitz zu weinen. Dessen ungeachtet bleibt die Erinnerung an die deutschen Opfer im und nach dem Zweiten Weltkrieg weiter ein heikles Feld für viele. Eine Reihe von aktuellen Büchern zu Ursachen, Leid und Verarbeitung von Vertreibungen zeigt jedoch, dass die Diskussion über das Thema inzwischen verantwortungsvoll und differenziert geführt werden kann.

Ein Beispiel hierfür ist Micha Brumliks Streitschrift "Wer Sturm sät". In dieser geht der Direktor des Fritz Bauer Instituts (Frankfurt/M.), eines Studien- und Dokumentationszentrums des Holocaust und seiner Wirkung, nicht nur eingehend auf die Diskussion um ein vom Bund der Vertriebenen geplantes "Zentrum gegen Vertreibungen" ein. Er beleuchtet darüber hinaus auch die globale Problematik der Vertreibungen im vergangenen Jahrhundert, vom Massenmord an den Armeniern durch die Türken bis zum Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien.

Im Mittelpunkt stehen freilich die Vertreibungen der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Brumlik erkennt an, dass diese heutigen menschenrechtlichen Maßstäben Hohn sprechen nicht nur, weil sie mit Vergewaltigung und Mord einhergingen, sondern auch deshalb, weil den Deutschen eine Kollektivschuld zugesprochen wurde. Zugleich stellt der Autor aber mit unmissverständlicher Deutlichkeit heraus, dass das Schicksal der Deutschen nach dem Krieg eine fast notwendige Konsequenz der Nazi-Vernichtungs- und Umsiedlungspolitik war.

Den Argumenten für ein "Zentrum gegen Vertreibungen" in Deutschland steht der Autor kritisch gegenüber. Brumlik sieht darin letztlich "ein nationaltherapeutisches Programm der Hebung der nationalen Selbstachtung". Vielen Initiatoren des Zentrums gehe es darum, eine dem "Mahnmal für die ermordeten Juden Europas" zumindest ebenbürtige Erinnerungsstätte zu schaffen, um so das deutsche Leid stärker betonen zu können. Indem Brumlik dies als Motiv benennt, will er nicht die deutschen Opfer verharmlosen - auch wenn Widerspruch in der aktuellen Debatte programmiert scheint. Vielmehr geht es ihm um eine Erinnerungskultur, die frei von jeglichem Revanchismus ist.

Eine gelungene Gratwanderung unternimmt Thomas Urban, Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Warschau, in seinem Buch "Der Verlust", in dem er die Vertreibung der Deutschen und der Polen im 20. Jahrhundert gleichermaßen darstellt. Urban, der Sohn deutscher Breslauer und mit einer polnischen Breslauerin verheiratet ist, hebt deutlich die Asymmetrie zwischen Deutschen und Polen hervor. Zwar hätten die Polen mit ähnlichen Methoden und Parolen die Deutschen nach dem Krieg behandelt wie die Deutschen die Polen im Krieg, doch: "Es gab keine polnische Vernichtungspolitik! Es gab kein staatlich durchgeführtes Massenmorden!" Dieser Unterschied ist für den Autor kein Grund, die polnischen Untaten zu rechtfertigen und über die deutschen Opfer zu schweigen.

Dabei käme man aber, so argumentiert Urban, mit den Begriffen Schuld und Sühne nicht weiter. Vielmehr gehe es um Verzeihen und Verzicht, wie es die polnischen Bischöfe bereits 1965 in einem Brief an ihre deutschen Amtsbrüder vorgemacht hätten. Das Buch geht außerdem auf den Widerstand ein, den der Plan, ein "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin oder Breslau zu errichten, in Polen ausgelöst hat.

Einen wichtigen Beitrag, damit das Trauma der Vertreibungen sich nicht über Generationen hinweg unbewusst fortsetzt, liefert Helga Hirsch mit ihrem Band "Schweres Gepäck". Im Windschatten der politischen Großdebatten über das Thema lässt sie Kinder von Betroffenen zu Wort kommen und über ihre Erfahrungen mit den Eltern und über die Umstände, als Flüchtlingskind in der jungen Bundesrepublik aufzuwachsen, sprechen. Einige der Protagonisten haben die Flucht in jungen Jahren selbst erlebt, die anderen kennen sie nur von Erzählungen.

Den "deutschen Nachkriegsmythos von der umstandslos geglückten Integration" von 12 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen demontiert der Historiker und Journalist Ulrich Völklein ("Die Zeit", "stern"). In dem Buch "Mitleid war von niemandem zu erwarten" zeichnet er im ersten Teil die historischen Fakten von Vertreibung und Flucht nach. Den zweiten Teil machen in Ich-Form wiedergegebene Erlebnisberichte Betroffener aus. Bereits die Überschriften mancher Berichte spiegeln die heute noch schmerzenden Empfindungen wider: "Ich bin immer noch auf der Flucht", "Unverständnis gibt es uns gegenüber immer noch" oder "Es fehlt an dem Gefühl, willkommen zu sein".

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