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Fachleute halten den klassischen Frontalunterricht in deutschen Schulen für überholt.
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Fachleute halten den klassischen Frontalunterricht in deutschen Schulen für überholt.

Bildung

Veraltetes Schulsystem in Deutschland: Warum ignoriert die Politik Kinder?

  • Franziska Schubert
    VonFranziska Schubert
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Über Schulen wird derzeit nur im Kontext der Corona-Regeln diskutiert. Aber gibt es eine langfristige Vision? Die Lehrerin Lia Venn über die Atmosphäre in riesigen Klassen, mehr Mut in der Erziehung - und warum es ein Schulfach Glück braucht

Frau Venn, Sie bilden die nächste Generation aus. Wie gut ist aus Ihrer Sicht das System Schule für diese Aufgabe gerüstet?

Mangelhaft. „Nächste Generation“ weist in die Zukunft, das gegenwärtige Schulsystem ist von gestern. In der Pandemie ging es seitens der Bildungspolitiker:innen meist um ein schnelles Zurück in den „Normalzustand“, den nahezu als Ideal beschworenen „Regelbetrieb“ vor der Krise. Der aber war bereits krisenhaft. Ich habe ständig ein riesengroßes „Warum“ im Kopf, im Herzen auch. Warum ignoriert die Politik Kinder und Jugendliche? Warum hören wir seit Jahrzehnten, stets kurz vor den Wahlen, wie wichtig unsere Kinder sind und die Schulen und die Bildung – und doch passiert nicht viel? Nur mehr Geld zu versprechen, ist notwendig, aber kein Zukunftskonzept.

Was sollte sich im Idealfall sofort ändern?

Aktives Wahlrecht ab 16 oder 14. Für die Kinder und Jugendlichen gäbe es endlich ein Signal, dass sie ernst genommen werden von der Politik, dass es für die Erwachsenen wichtig ist, wie sie auf die Welt sehen, dass verstanden wird, dass sie länger mit den Entscheidungen leben müssen als die, die sie fällen. Und die Politik müsste ertragen, dass Kinder und Jugendliche auch Wählerinnen und Wähler sind. Politikerinnen und Politiker müssten ihre Themen aufgreifen, wenn sie gewählt werden wollen. Skeptikern halte ich entgegen, dass Erwachsene auch dummes Zeug wählen, auch beeinflussbar sind. Warum trauen wir Kindern und Jugendlichen nichts zu?

Was läuft aus Ihrer Sicht nicht gut an den Schulen?

Wir tragen alle Korsett, sind eingeschnürt in Erlasse und Vorschriften. Das macht unfrei, manche ängstlich. Wie soll man, ich spitze zu, als Maus glaubhaft mutige, engagierte, der Demokratie, der Gemeinschaft verbundene Menschen mit aufrechter Haltung erziehen? Stichwort Vorbildfunktion, also: Mehr Eigenständigkeit, weniger Kontrollzwang, ergo mehr Vertrauen.

Lia Venn ist ausgebildete Buchhändlerin, Journalistin und inzwischen Lehrerin an einem Wiesbadener Gymnasium, an dem sie auch als Verbindungslehrerin tätig ist. Vor dem Zweiten Staatsexamen absolvierte sie eine zwölfmonatige Weiterbildung im „Schulfach Glück“ am Ernst-Fritz-Schubert- Institut und ist nach einer Zusatzprüfung Lehrerin für FSI-Persönlichkeitsentwicklung.

Welches konkrete Problem sollte die Bildungspolitik nach der Wahl als erstes angehen?

Die Klassengrößen. Dazu gibt es viele Studien mit den unterschiedlichsten Daten. Aber: Keine Lehrkraft und keine Lernenden wünschen sich große Klassen. Bei den vollgestopften Klassen mit bis zu 31 Schülerinnen und Schülern geht es nur ums Geld, das man eben doch nicht ausgeben will. Wie es dabei Lernenden und Lehrenden geht, ist egal. Wir in der Praxis merken aber sofort, wie sich die Lernatmosphäre bei 20, 18, 15 Lernenden verbessert: Wir können besser auf Schwächen und auch Stärken der Einzelnen eingehen, es ist schlicht ruhiger, beruhigter im Raum. Und ich habe zu Hause bei drei gleichzeitig geschriebenen Arbeiten oder Klausuren nicht 80 bis 90 zu korrigieren, sondern „nur“ um die 60. Wir haben mehr Zeit für die Vorbereitung, die Unterrichtsqualität steigt. Warum wird das nicht endlich gemacht? Es ist doch so unglaublich viel Geld da!

Stellen Sie sich vor, wir würden in einer Welt leben, wo Utopien keine Träumereien sind, sondern wahr werden. Was wünschen Sie sich für Schulen, Lernende und Lehrkräfte?

Unter anderem Toiletten, auf die auch umsatzstarke Börsianer gehen würden. Die kleineren Klassen. Oder – vielleicht sogar und – zwei Lehrkräfte pro Klasse, oder eine Lehrkraft und eine sozialpsychologische Unterstützung pro Klasse. Stellen Sie sich vor, was für exzellent geförderte und, im besten Sinne, geforderte Persönlichkeiten aus so einer Schule hervor- und in die Gesellschaft gestaltend hineingingen! Ich träume von einem Ende der Plan-, der Lehrplanwirtschaft, die nur auf ein bestimmtes Wissenssoll schaut, stattdessen von einer, ja, humboldtschen, interdisziplinären Gesamtbildung, die der Ökonomie übergeordnet ist. Und ich träume davon, dass es für angehende Lehrkräfte Pflicht wird, vorher eine Berufsausbildung zu machen. Das stärkt die Persönlichkeit, weitet Verstand und Herz, was später den jungen Menschen guttut. Da ich träumen darf: Ich wünsche mir für die engagierten Lehrenden und Schulleitungen Anerkennung, Respekt und Sympathie.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden.Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um Feminismus. Sie erscheint am Freitag, 3. September.

Zuletzt erschienen: eine Folge der Serie zu Rüstungspolitik am Freitag, 27. August.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/Bundestagswahl

Brauchen wir andere Schulformen?

Ich träume einfach weiter: Zumindest wäre es schön, diese 45- oder 90-minütige Einteilung des Lebens in voneinander abgegrenzte Fächerschubladen zu lassen. Ein Schülerkopf ist keine Kommode. Mehr Interdisziplinarität wagen, nicht nur an einem Projekttag. Und es wäre das Gegenteil von Alptraum, wenn sich an Schulen IT-Spezialisten um die IT kümmern würden, Bankkaufleute um die Schul- und Klassenkonten und man nicht Lehrkräften und Schulleitungen immer mehr Aufgaben übertragen würde, die überall sonst eben Fachleute machen!

Sie haben eine Weiterbildung für das Schulfach Glück gemacht. Brauchen wir mehr Menschlichkeit in der Schule?

Selbstverständlich. Im Schulfach Glück geht es nicht um Glück im Lotto oder so was, sondern um das Entdecken und Stärken von Charaktereigenschaften, um die Befähigung zu einem gelingenden Leben. Das erinnert etwas an Leitlinien im finnischen Bildungssystem: Beurteilen, was Kinder können, nicht was sie nicht können; wissen, welches Problem ein Kind hat, nicht welches Problem ein Kind macht. Die Idee dieses Schulfachs fußt auf dem salutogenetischen Gedanken von Aaron Antonovsky, der sich fragte, warum ein Mensch gesund bleibt; im Gegensatz zur Pathogenese, die fragt, warum Menschen krank werden. Raten Sie mal, wie ernst das Fach genommen wird.

Noten bestimmen derzeit über den schulischen Erfolg. Wie stehen Sie dazu?

Wie kann ich ein Kind, ein heranwachsendes Individuum in Dezimalzahlen ausdrücken? Das fragen sich auch viele Kolleginnen und Kollegen. Es gibt aber auch diejenigen, die im Lehrerzimmer einen Wettkampf um die schlechtesten Noten ausfechten. Für manche ist man nur eine gute Lehrkraft, wenn man möglichst schlechte Noten gibt. Vielleicht geht es da um Geltungsbedürfnis oder Unsicherheit – auf Kosten junger Menschen.

Bitte beenden Sie diesen Satz: Schule sollte junge Menschen ausbilden zu …

… mitfühlenden, neugierigen, differenzierenden, engagierten und humorbegabten Gesamtkunstwerken. Das gelingt meiner Meinung nach nicht mit dem so gepriesenen „Regelunterricht“, der, wie Mark Siemons in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schrieb, die Schüler nur dafür rüste, sich in den „Routinen des bundesrepublikanischen Lebens zurechtzufinden und zu behaupten“. Dafür braucht es mehr Mut, Lernende auch mit Fremdem, Irritierendem zu konfrontieren. Denn nicht Routine hat Bestand, wie wir lernen mussten, sondern Veränderung. Davor sollten sie keine Angst haben.

Apropos: Gab es für Sie im Rückblick auf die vergangenen 16 Jahre einen besonderen „Merkel-Moment“?

Puh, da muss ich wohl eingeschlafen sein. Doch, zweimal hat sie mich geweckt: Einmal 2015, das Überstürzte an ihrer Entscheidung, die Grenze nicht zu schließen, ergab ein menschliches Moment. Damit hatte ich nicht gerechnet. Dann, als „Pandemie-Kanzlerin“, der Satz: „Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst.“ Den find’ ich gut.

Interview: Franziska Schubert

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