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Venezolaner in der Fremde: Demonstration gegen Maduro in Madrid. 

Venezuela

Spanien ist Zufluchtsland für Venezolaner

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Zehntausende Venezolaner haben in den vergangenen Monaten und Jahren Zuflucht in Spanien gesucht. Sie fühlen sich willkommen. Und vor allem: sicher.

„Wir Venezolaner sind sanfter“, sagt Javier Montilla, und man glaubt es ihm sofort. Mit großen freundlichen Augen und einem nachsichtigen Lächeln erklärt er sein Gastland: „Hier reden sie mit dir, als würden sie dich ausschimpfen. Aber sie schimpfen nicht, es ist einfach ihre Art zu reden. Auch untereinander: als wenn sie wütend aufeinander wären.“ Er zuckt mit den Schultern. „Das ist nun einmal ihre Art, das können wir nicht ändern. Da müssen wir uns anpassen.“

Montilla ist 33 Jahre alt, er kommt aus La Victoria, einer Stadt nahe Caracas, die er „mein Dorf“ nennt. Am 21. Juni 2018, mit Direktflug aus Caracas, kam er in Madrid an. Er ist jetzt Exilant. Einer, der sich anpassen muss. „Uns allen tut es weh, weit weg von unserer Heimaterde zu sein“, sagt er, ohne sein Lächeln zu verlieren. „Aber ich bin nicht deprimiert. Ich bin ruhig und glücklich.“ Er hat wieder eine Zukunft.

Ströme zwischen Spanien und Venezuela haben sich umgekehrt

Montilla ist einer von vielen. Drei Millionen Menschen haben Venezuela bisher verlassen, fast ein Zehntel der Gesamtbevölkerung. Die meisten haben sich auf den Weg in die Nachbarländer gemacht. Doch wer es sich leisten kann und hier Kontakte hat, geht nach Europa. In Spanien kamen im ersten Halbjahr 2018 rund 32.000 Menschen aus Venezuela an (Zahlen für das komplette Jahr gibt es noch nicht). Am 1. Juli waren 110.000 Venezolaner in Spanien gemeldet, mehr als doppelt so viele wie dreieinhalb Jahre zuvor. Früher war Venezuela Zufluchtsland für Spanier, die ein besseres Leben jenseits des Atlantiks suchten. Heute haben sich die Ströme umgekehrt.

Javier Montilla kam mit einem Touristenvisum und beantragte politisches Asyl, so wie es im Laufe des vergangenen Jahres rund 20.000 Venezolaner taten: gut ein Drittel aller Asylbewerber in Spanien. Dass ihnen der Asylstatus eines Tages tatsächlich zuerkannt wird, ist unwahrscheinlich. Behörden und Gerichte können in den wenigsten Fällen politische Verfolgung erkennen; von gut 1500 bearbeiteten Anträgen von Venezolanern beschieden sie im vergangenen Jahr nur 30 positiv. Rausgeworfen werden die Menschen trotzdem nicht. Sie erhalten eine Aufenthaltsgenehmigung „aus humanitären Gründen“.

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Montilla macht sich um seinen administrativen Status in Spanien zurzeit keine Sorgen, er hat eine „rote Karte“, die ihn als Asylbewerber ausweist. Er kann arbeiten und arbeitet: als Kellner in einer Cafeteria nahe der Innenstadt von Madrid, er habe „eine sehr nette Chefin“ (und auch die lobt ihren Angestellten), er verdiene genug Geld, um sich eine kleine Wohnung leisten zu können, und es bleibe etwas übrig, um seiner Mutter in Venezuela Lebensmittel und Medikamente zu schicken. Montilla ist begeistert von seinem Gastland: „Ich kann es noch nicht ganz fassen, wie gut die Dinge hier funktionieren: die Müllabfuhr oder das Wasser, das aus dem Wasserhahn kommt. Und schau dir an, wie höflich die Polizei mit uns umgeht. In meinem Land macht die Polizei Angst“

Montilla nennt sich Dissident, er ist ein Gegner des Chávez- und Maduro-Regimes, das Venezuela, das doch so reich sei, in den Ruin geführt habe. Er selbst hatte bis zu seinem Aufbruch immer noch Geld für das Nötigste, nicht von seinem Gehalt als Apothekenhilfe, sondern weil er geerbt hatte. „Wer Geld hat, zahlt hundert Mal mehr als die anderen und muss dafür keine Schlange stehen.“ So sieht der venezolanische Sozialismus aus.

Venezuela hat die dritthöchste Mordrate der Welt

Vielleicht hätte er Mangel, Korruption und Diktatur noch ertragen, wenn er nicht um sein Leben gefürchtet hätte. „Es macht viel Angst, in Venezuela zu leben. Sogar in meinem Dorf können wir, wenn wir auf der Straße demonstrieren, leicht ermordet werden, weil wir Dissidenten sind. Oder von gewöhnlichen Verbrechern.“ Venezuela hat nach Zahlen der Weltbank hinter El Salvador und Honduras die dritthöchste Mordrate der Welt, fast hundert Mal höher als Spanien. „2017 wäre ich beinahe von Leuten umgebracht worden, die mir das Mobiltelefon klauen wollten“, erzählt Montilla.

Carlos Behrens (r.) sieht seine Zukunft in Spanien.

„Freunde aus meinem Dorf waren schon hier in Madrid und sagten mir, ich solle kommen, sie würden mir das Geld für das Flugticket vorschießen, das könne ich später zurückzahlen.“ So machten sie es. Ein paar Wochen lebte er bei den Freunden, „wie Sardinen in einer Büchse“, dann fand er die Stelle in der Cafeteria, die Wohnung, ein neues Leben. „Und ich habe das Glück, nicht allein zu sein“, sagt er. Zwei Monate nach ihm kamen weitere Freunde aus La Victoria: Carlos Behrens (der seinen Nachnamen deutschen Vorfahren verdankt), dessen Frau Carolina Garrido und die gemeinsame zweijährige Tochter Zoe. „Vor allem ihretwegen haben wir Venezuela verlassen“, sagt Garrido, „damit sie ein besseres Leben vor sich hat.“ Odín, ihren Hund, haben sie auch mitgebracht. „So sind wir hier angekommen“, erinnert sich Garrido lachend, „mit Baby, Hund und sieben Koffern.“

„Wir wollten unser Land nicht verlassen“, sagt Behrens. „Seit 2002 haben wir gekämpft, sind auf Demonstrationen und Protestmärsche gegangen. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem du an dich und die Zukunft deines Kindes denken musst.“ Die Freunde fühlen sich in Madrid gut aufgenommen. Ihnen ist die Ankunft leicht gemacht worden. „Wir sind über keinen Zaun gesprungen, an der Grenze nicht von der Polizei verfolgt und von keiner Mafia ausgebeutet worden“, sagt Behrens. Die Afrikaner, die an der spanischen Südgrenze anlanden, „sehen uns vielleicht als Luxusmigranten“. Jedenfalls hat die Familie keine Probleme, in Spanien über die Runden zu kommen. Behrens arbeitet weiter, wie früher in Venezuela, als Grafikdesigner mit internationaler Kundschaft. Es reicht für eine kleine, frisch renovierte Wohnung im Arbeiterviertel Carabanchel. Im Wohnzimmer steht ein gewaltiger Fernseher. „Ein Black-Friday-Angebot“, sagt Behrens. Sehen sie dort Nachrichten aus Venezuela? „Nein“, antwortet Garrido, „Netflix.“

Natürlich verfolgen sie trotzdem, was in Venezuela geschieht. Seit Juan Guaidó das Maduro-Regime herausfordert, haben die Freunde wieder Hoffnung für ihre Heimat. „Ich wäre gerne dort, um ihn zu unterstützen“, sagt Montilla. Aber an eine dauerhafte Rückkehr denkt er nicht. „Selbst mit einem Regierungswechsel werden noch viele Jahre vergehen, bis Venezuela wieder ist, was es einmal war“, sagt er. „Ich bin Anfang 30, ich muss jetzt endlich meinen Weg machen.“ Er will sich zum Flugbegleiter ausbilden lassen. Hier. „Mir gefällt Spanien“, sagt er, „mir gefällt Madrid.“ Auch wenn die Leute etwas ruppig sind.

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