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Venezolanische Spezialkräfte betrachten ein leeres Boot.

Verharren in der Dauerkrise

Venezuela: Zwischen einer gescheiterten Invasion und einer drohenden Hungersnot 

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Präsident Nicolas Maduro sieht USA und Kolumbien hinter der „Operation Gedeón“. Währenddessen verschärft sich die Lage in Venezuela aufgrund der Corona-Pandemie. 

  • Die sogenannte „Operation Gedeón“ sorgt in Venezuela für Verwirrung
  • Die mutmaßliche Invasionsmission gegen Präsident Nicolás Maduro lenkt nun auch von der Corona-Krise in dem Land ab
  • UN fürchtet Hungersnot durch die in der Pandemie beförderte Lebensmittelknappheit

Caracas - Auch mehrere Tage nach Aufdeckung der sogenannten Operation Gedeón ist nicht restlos klar, ob diese Landung vermeintlicher Söldner an der venezolanischen Küste am Wochenende eine Räuberpistole aus der Feder von Nicolás Maduro ist. Oder ob wirklich ein Haufen venezolanischer Soldaten, Söldner und US-Bürger versucht hat, nahe Caracas an Land zu gehen und einen Aufstand gegen die chavistische Regierung zu beginnen und Zellen im ganzen Land zu stationieren.

Söldner-Invasion in Venezuela gescheitert - Caracas vermutet Coup

Die Regierung in Caracas jedenfalls ist sich sicher: Geplant war die Ermordung des linksnationalistischen Machthabers. Maduro präsentierte am Montagabend bei einer Live-Rede im Fernsehen die Pässe der beiden festgenommenen US-Bürger, die für die in Florida ansässige Sicherheitsfirma „Silvercorp“ gearbeitet haben sollen. „Sie haben Rambo gespielt, wollten Helden sein!“, sagte Maduro triumphierend. Aber seine Geheimdienste hätten die Gruppe infiltriert und die eigentlich für den 10. März geplante Landung entlarvt. „Wir wussten, was sie sagten, aßen, was sie tranken und nicht tranken“, behauptete Maduro. Und er hätte gewusst, wer sie finanziert.

Maduro verdächtigt USA und Kolumbien hinter gescheiterter Invasionsmission in Venezuela

„Diese Narcoterroristen-Operation wurde von den Regierungen in den USA und Kolumbien unterstützt“. Aber sowohl Kolumbiens Staatschef Iván Duque als auch US-Präsident Donald Trumpwiesen jede Verantwortung für die Operation Gedeón zurück. Auch Oppositionschef Juan Guaidó behauptet, mit dieser mehr oder minder dilettantischen Aktion nichts zu tun zu haben. Aber die Frage bleibt: Wer hat dieses Himmelfahrtskommando in Auftrag gegeben, bei dem acht Personen getötet und rund ein Dutzend festgenommen wurden?

In Florida meldete sich der „Silvercorp“-Inhaber und Ex-US-Elitesoldat Jordan Goudreau zu Wort und behauptete, es sei trotz des Auffliegens der Operation gelungen, „tief in der Hauptstadt Caracas“ Kampfzellen zu stationieren. Auch in anderen Landesteilen seien Zellen aktiv und würden den Kampf aufnehmen. An der Landeaktion seien 60 Mann beteiligt gewesen, vorübergehend aber sei man auf dem „strategischen Rückzug“, behauptete Goudreau in einem Zeitungsinterview. Der Ex-Soldat hatte Guaidó im Februar 2019 kennengelernt und anschließend seine Dienste für einen Sturz Maduros angeboten. Guaidó verneint, das Angebot angenommen zu haben.

Operation  lenkt von Corona-Krise ab - UN befürchten Hungersnot in Venezuela

Maduro regiert Venezuela seit mehr als sechs Jahren und behauptet regelmäßig, die kolumbianische Regierung oder die US-Administration trachteten ihm nach dem Leben. Tatsächlich hat es seit Maduros umstrittener Wiederwahl 2018 inklusive des aktuellen Vorfalls sechs Versuche gegeben, ihn mit undemokratischen Mitteln aus dem Amt zu befördern. Der umfassendste war ein Putschversuch Ende April 2019, als Guaidó und sein Mentor Leopoldo López vergeblich versuchten, durch einen Putsch die Armee auf ihre Seite zu bringen.

Jedenfalls dient der Vorfall vom Wochenende dazu, von der prekären Situation im Land durch die Corona-Krise abzulenken. Denn die Pandemie bringt den dauerkriselnden Staat noch näher an den Rand des Kollapses. Die Menschen müssen seit rund 50 Tagen zu Hause bleiben, haben nichts zu essen oder können die Lebensmittel nicht bezahlen. Eine strenge Benzinrationierung führt dazu, dass Obst und Gemüse verdirbt, weil Bauern es nicht auf die Märkte bringen können. Angesichts der Verzweiflung der Menschen kommt es zunehmend zu Plünderungen im Land.

„Perfekter Sturm“ Coronavirus verschlimmert Krise in Venezuela

Das Virus habe Venezuelas Krise in einen „perfekten Sturm“ verwandelt, unterstreicht Luis Vicente León, Chef des Umfrageinstituts Dataanálisis. Ende April führte die Regierung wieder eine Preiskontrolle auf 27 Grundnahrungsmittel ein. Dies wirke wie ein „Brandbeschleuniger“, ist sich León sicher. Die Menschen bekämen Panik, dass Nahrungsmittel durch die Kontrollen wieder vom Markt und aus den Supermärkten verschwänden, wie es früher passierte. Das erhöhe das Risiko der Plünderungen enorm.

Laut UN-Welternährungsprogramm (WFP) wird die Krise Venezuela eine Hungersnot „biblischen Ausmaßes“ bringen. Das einst reiche Öl-Land befindet sich damit in der Gesellschaft von Staaten wie Südsudan, Syrien, Afghanistan oder Haiti. „In all diesen Ländern gibt es schon jetzt mehr als eine Million Menschen, die am Rand des Hungertodes stehen“, betonte WFP-Direktor David Beasley.

Von Klaus Ehringfeld

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