Grenzgänger: Viele Venezolaner decken sich in Kolumbien mit dem Nötigsten ein. Juan BARRETO / AFP
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Grenzgänger: Viele Venezolaner decken sich in Kolumbien mit dem Nötigsten ein. 

Venezuela

Desillusionierte Venezolaner: Die Revolution, die keine war

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
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In Venezuela haben die Menschen ihre Hoffnung auf ein rasches Ende der chavistischen Herrschaft verloren.

Es ist etwa sieben Wochen her, da dachte Juan Guaidó, er könne die Bevölkerung Venezuelas noch einmal zum Massenprotest gegen die Regierung animieren. Es waren die Wochen, als Südamerika in Aufruhr war, als in Kolumbien der Präsident in Bedrängnis geriet, in Chile der Staatschef wackelte und in Bolivien der Machthaber ins Exil floh.

Doch der Aufruf des Parlamentspräsidenten und selbsternannten Regenten Venezuelas verhallte fast ungehört. Gerade einmal gut 1000 Menschen kamen an jenem 16. November in Caracas zusammen, um gegen den autoritären Machthaber Nicolás Maduro, das Regime der Chavisten und die unerträgliche Wirtschaftssituation zu protestieren. Ausgerechnet das Land, das in den ersten vier Monaten des vergangenen Jahres nicht zur Ruhe kam und praktisch im permanenten Ausnahmezustand war, ließ die Welle des Protestes in Lateinamerika an sich vorbeiziehen.

Das war der ultimative Beweis dafür, dass die Bevölkerung das Vertrauen in Guaidó und seine Versprechen auf ein rasches Ende der Chavisten verloren hat. Die Revolution, die der junge aufstrebende Politiker Anfang Januar 2019 versprach, ist verpufft, bevor sie richtig zünden konnte. Und Guaidós Stern, gerade erst vor einem Jahr aufgegangen, entpuppt sich mehr und mehr als Sternschnuppe.

Venezuela: Enttäuschung über Guaidó ist fast so groß wie die Wut auf das Regime

Der Oppositionsführer habe Versprechen gemacht, die er nicht halten konnte, analysiert der Meinungsforscher Luis Vicente León. Und so ist die Enttäuschung der Venezolaner über Guaidó fast so groß wie die Wut auf das Regime. Seit sich der bis dahin völlig unbekannte Politiker am 5. Januar zum Parlamentsvorsitzenden wählen ließ und am 23. Januar zum „presidente encargado“, zum „beauftragten Präsidenten“ erklärte, ist er mit seinem friedlichen Umsturzversuch kein Stück weiter gekommen. „Ende der Usurpation der Macht durch Maduro, Übergangsregierung und freie Wahlen“, war der immer wiederholte Dreiklang seiner Forderungen. Nichts davon ist erreicht. Diese Desillusionierung, die chronische Versorgungskrise und die Geldknappheit führen dazu, dass sich die Menschen lieber darum kümmern, ihren Alltag zu bewältigen, als die Regierung zu stürzen.

Juan Guaidó , Oppositionsführer in Venezuela, steckt in einer Sackgasse. 

Die Venezolaner bewegen Fragen wie: Wo bekommt man Seife? Welche Tankstelle hat noch Benzin? Und welcher Markt verkauft gerade Gemüse? Zudem ist es Maduro gelungen, mit der Tolerierung des US-Dollar als Parallelwährung und der Abschaffung der Devisen- und Preiskontrollen die Inflation einzudämmen und den größten Versorgungsnotstand zu beseitigen. Und die 4,7 Millionen Venezolaner, die in den vergangenen Jahren ihr Land verlassen haben, halten mit ihren Dollar-Überweisungen viele Menschen und letztlich auch das Regime am Leben.

Als Folge sprießen seit kurzem in Caracas an jeder Ecke „Bodegones“ aus dem Boden – Geschäfte, in denen gegen Dollar alles zu haben ist. Dort werden fast nur US-Produkte verkauft: von der Seife bis zur Erdnussbutter. Zulieferer sind vor allem US-Einzel- und Großhändler wie Walmart und Costco.

Venezuela: Guaidó erneut zum Parlamentspräsidenten gewählt

Die Wirtschaftsberatungsgesellschaft „Ecoanalítica“ schätzt, dass bereits mehr als die Hälfte der Transaktionen in Venezuelas Städten in Dollar abgewickelt werden. Allerdings haben bestenfalls 35 bis 40 Prozent der Venezolaner Zugang zu Devisen. Das führe zu einer Parallelökonomie, in der diejenigen privilegiert seien, die an Dollar kämmen, sagt Meinungsforscher León. „Der andere Teil der Bevölkerung ist verarmt, hoffnungslos und abhängig von staatlicher Hilfe“.

Supermärkte, die in den vergangenen zwei Jahren gähnend leer waren, sind mit Importwaren voll. Nach Angaben von Ecoanalítica gelangen über private Kanäle jährlich vier Milliarden Dollar ins Land, also rund drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Für Devisennachschub ist auch künftig gesorgt. Die Vereinten Nationen schätzen, dass bis Ende des Jahres die Zahl der Flüchtlinge auf 6,5 Millionen anwachsen wird. Damit werde das venezolanische Migrationsphänomen größere Ausmaße annehmen als das syrische, sagt Eduardo Stein, der Sondergesandte für Venezuela beim UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR). „Aber anders als Syrien ist Venezuela kein Land im Krieg und verfügt zudem über die größten Ölreserven der Welt,“ betont Stein.

Und in dieser Situation musste sich der Oppositionsführer Guaidó am Sonntag der Wiederwahl im Parlament stellen. Hier hat die Opposition zwar die Mehrheit, aber es war nicht sicher, ob Guaidó die notwendige Stimmenzahl erreichen würde. Angeblich hatten die Chavisten den Abgeordneten, die Guaidó ihre Stimme verweigern, eine Million Dollar geboten. Der selbsternannte Staatschef wurde allerdings von Oppositionsabgeordneten erneut zum Parlamentspräsidenten gewählt.

Innerhalb des Parlamentsgebäudes hatte sich kurz zuvor Luis Parra per Megafon zum Vorsitzenden der Nationalversammlung erklärt, wie Bilder des Staatsfernsehens zeigten. Staatschef Nicolás Maduro sprach Parra umgehend seine Unterstützung aus. Die Opposition prangerte hingegen einen „parlamentarischen Staatsstreich“ an.

Venezuela: Die Armee hat die Seiten bisher nicht gewechselt

Von der Nationalversammlung aus hatte der bis dahin völlig unbekannte 35-Jährige als „beauftragter Präsident“ binnen weniger Wochen nicht nur Hunderttausende Venezolaner auf die Straßen, sondern auch mehr als 50 Staaten, darunter Deutschland hinter sich. Sie alle erkennen Guaidó als den rechtmäßigen Staatschef des südamerikanischen Landes an. Aber die Armee, die er immer wieder offen zum Sturz Maduros aufforderte, hat bisher nicht die Seiten gewechselt. Ende April scheiterte ein Putschversuch kläglich, den Guaidó und sein Mentor Leopoldo López geplant hatten.

Die Opposition, die Guaidó er phasenweise einen und hinter sich bringen konnte, ist wieder wie früher zerstritten. Politiker aus dem Lager der Maduro-Gegner sind in Korruptionsskandale und den Vorwurf der Absprachen mit der Regierung verstrickt. Guaidó selbst wurde an der Seite kolumbianischer Paramilitärs und Drogenhändler fotografiert.

Dazu scheint er mit Donald Trump seinen wichtigsten Unterstützer verloren zu haben. Den US-Präsidenten interessiert das ölreiche Land nur noch am Rande, die harten Sanktionen hat er allmählich wieder gelockert. Es gibt sogar Gerüchte über Geheimgespräche zwischen den Chavisten und der Trump-Administration.

Von Klaus Ehringfeld

Präsident Nicolàs Maduro sieht USA und Kolumbien hinter der „Operation Gedeón“. Währenddessen verschärft sich die Lage in Venezuela aufgrund der Corona-Pandemie.

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