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Venezuelas Staatspräsident Nicolas Maduro und seine Frau Cilia Flores zeigen sich bei einer Militärzeremonie am 8.12.2019  in La Guaira kämpferisch.

„Roter Bischof“ Mario Moronta im Interview

Venezuela: „Maduro tritt Menschenrechte mit Füßen“

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Der venezolanische Bischof Mario Moronta über die Lage in seiner Heimat, die von dort flüchtenden Menschen und die Frage, ob Staatschef Nicolás Maduro vor den Internationalen Gerichtshof gehört.

Herr Bischof, wie ist die Lage in Ihrer Heimat Venezuela?

Venezuela versinkt in der Armut, in der Korruption und im Verbrechen. Jedes dritte Kind ist unterernährt. Die Hälfte aller Familien muss mit einer oder zwei Mahlzeiten pro Tag auskommen. Die Stromversorgung im Land ist mangelhaft, die Kommunikationsnetze sind praktisch zusammengebrochen. Es gibt kaum Benzin – in einem Land, das Erdöl fördert und exportiert. Das Einzige, was funktioniert, ist die Korruption. Man entkommt ihr nicht, im Gegenteil: Man muss selber korrupt sein, um zu überleben. Das ist eine schlimme Abwärtsspirale. Und verantwortlich für all das ist die Regierung Maduro.

Sie galten als „roter Bischof“ mit guten Kontakten zu Nicolás Maduros Vorgänger, dem früheren Präsidenten Hugo Chávez. Beide sind Politiker der Linken. Was hat sich seit dem Machtwechsel geändert?

Präsident Maduro hat die Korruption zur Staatsräson erhoben. Auch Chávez war korrupt. Aber nicht in dieser radikalen, ungehemmten Weise. Hinter Maduros demokratischer Fassade steckt ein Tyrann, ein totalitäres, diktatorisches Regime, das vom Militär, den Russen und den Kubanern an der Macht gehalten wird. Maduro hat die Justiz und die Verwaltung gleichgeschaltet. Politische Morde, Verhaftungen, Folter sind an der Tagesordnung. Maduro tritt die Menschenrechte mit Füßen. Die Folge ist ein Massenexodus.

Der Tag, an dem Venezuela zu taumeln begann: Bischof Mario Moronta gibt Präsident Hugo Chavez die letzte Ölung (12. Juli 2011). Chavez starb am 5. März 2013 an Krebs.

Wie viele Venezolaner haben ihr Land verlassen?

Zur Person:

Mario del Valle Moronta Rodriguez, geboren 1949, ist seit 1999 Bischof von San Cristóbal de Venezuela, einem Bistum in der Andenprovinz Táchira. Daneben ist Moronta stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz seines Landes. Zurzeit hält er sich auf Einladung des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat in Deutschland auf. Adveniat unterstützt in Venezuela Projekte für humanitäre Hilfe und die Stärkung der Zivilgesellschaft. jf

Seit 2015 sind 4,6 Millionen gegangen. Jeder fünfte Venezolaner lebt inzwischen im Ausland. Das sind sechs Millionen Menschen. Im Land fehlt es an Facharbeitern, Lehrern, Ärzten, anderen Akademikern. Zugleich grassiert unter den Zurückgebliebenen die Arbeitslosigkeit. Die Städte sind zunehmend entvölkert, weil die Bewohner aufs Land zurückgehen, wo sie einmal hergekommen sind. Dort aber herrscht inzwischen gleichfalls Not, so dass die Rückkehrer die Probleme nur noch verschärfen. In meinem Bistum, das an der Grenze zu Kolumbien liegt, wechseln regelmäßig 50.000 Venezolaner hin und her, um sich im Nachbarland mit dem Notwendigsten zu versorgen. Pro Tag kehren 3000 bis 4000 nicht zurück, sondern versuchen sich bis ins 600 Kilometer entfernte Bogotá durchzuschlagen. In Wahrheit sind das keine Migranten, sondern Flüchtlinge. Sie fliehen vor den unerträglichen Verhältnissen in ihrer Heimat.

Was ist die Rolle der katholischen Kirche?

Die Regierung ignoriert die Kirche, weil sie auf der Seite der Opposition steht, vor allem aber an der Seite der Menschen. Die Menschen vertrauen uns, und wir versuchen – auch mit Unterstützung internationaler Hilfswerke wie etwa Adveniat –, eine Mindestversorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln zu gewährleisten. Von der Regierung wird das überhaupt nicht wahrgenommen.

Sie erwähnten den Einfluss Russlands. Ist Venezuela ein Spielball der Großmächte?

Nicht nur Venezuela, sondern große Teile Lateinamerikas sind Schauplatz eines neuen Kalten Kriegs. Aber ich sage ganz klar: Die wesentlichen Probleme Venezuelas sind hausgemacht und müssen von den Venezolanern selbst gelöst worden. Dafür hoffe ich auf die Unterstützung unter anderem der EU.

Was ist aus Ihrer Sicht die entscheidende Stellschraube?

Das Erste ist: Maduro muss weg. An seine Stelle müssen Vertreter einer politischen Klasse treten, die integer sind und eine neue demokratische Ordnung mit Teilhabe aller aufbauen.

Gehört Maduro vor den Internationalen Gerichtshof?

Ich sage es einmal so: Die Verbrechen der Regierung liegen offen zu Tage. Erst in der vergangenen Woche wurden sieben Anführer der Pimones, eines indigenen Volkes, auf Betreiben der Regierung umgebracht. Aber es ist eben nicht nur das. Die Regierung lässt die eigene Bevölkerung hungern, verweigert ihr medizinische Versorgung, treibt sie in die Flucht aus dem eigenen Land. Für solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist der Internationale Gerichtshof meines Wissens zuständig. Und ganz sicher werden Maduro und seine Leute sich im Jüngsten Gericht für ihre Verbrechen verantworten müssen.

Interview: Joachim Frank

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