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Die Proteste in Venezuela nehmen zu.

Venezuela-Krise

„Die Frage ist, was nach Maduro kommen soll“

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Venezuela: Lateinamerika-Expertin Kurtenbach spricht in der FR über die Lage in Venezuela.

Frau Kurtenbach, die Krise in Venezuela ist vor allem eine soziale. Wie würden Sie die Situation der Menschen dort beschreiben?
Das Land steckt in einer tiefen humanitären Krise. Es produziert kaum eigene Lebensmittel oder andere Waren des täglichen Bedarfs. Die Hyperinflation sorgte dafür, dass Einfuhren die Grundversorgung nicht mehr gewährleisten können. Für die Armen, die ja eigentlich die Basis der Präsidenten Chávez und Maduro waren, ist die Situation absolut prekär.

Sabine Kurtenbach, kommissarische Direktorin des Giga- Instituts für Lateinamerika-Studien.

Was unterscheidet Maduro von seinem Vorgänger Chávez?
Chávez war ein charismatischer Führer mit großem Rückhalt. Und er hat als frei und fair anerkannte Wahlen mit eindeutigen Mehrheiten für sich entschieden. Maduro hat eigentlich keine eigene Legitimität. Er wurde 2013 ganz knapp und schon höchst umstritten gewählt, im letzten Jahr war die Wahl in Venezuela eine einzige Farce. Wie reagiert Maduro auf die Flucht von Millionen Venezolanern, und wie reagieren die Nachbarn auf die Flüchtlinge? Die venezolanische Regierung bezeichnet alle Berichte als übertrieben und von den USA gesteuert. Die Situation ist tragisch: Lateinamerika ist eigentlich für sein liberales Migrationssystem bekannt, in dem es wenige Probleme gab. Das ändert sich nun. Vor allem ist Kolumbien betroffen, aber auch Brasilien. Dort gab es dann massive Konflikte. Der neue brasilianische Präsident Bolsonaro nutzt das zur Verschärfung seiner Politik.

Werden die USA versuchen, wieder mehr Einfluss auf Venezuela zu nehmen?
 Die USA haben den selbst berufenen Übergangspräsidenten Juan Guaidó jedenfalls im Eiltempo anerkannt. Venezuela ist geostrategisch sehr wichtig: erstens, weil die Ölreserven des Landes immens sind. Und zweitens, weil Nicaragua ohne das Regime in Venezuela nicht überleben kann. Das hat eine hohe symbolische Wirkung, wenn man an die Ausrufung des Sozialismus des 21. Jahrhunderts durch Hugo Chávez in der Region denkt. Als Beobachter fühlt man sich ein wenig an die 1980er Jahre erinnert.

Welche Chancen hat die Opposition in Venezuela?
Das hängt von ihrer Einigkeit ab. Bislang war sie ja stark fragmentiert. Das machte es Maduro bislang ja so einfach. Der kleinste gemeinsame Nenner war bislang, dass Maduro wegmuss. Bedeutsamer wird aber sein, ob sich die Gegenbewegung auf einen Plan verständigen kann, wie Venezuela nach Maduro aussehen soll. Da ist noch wenig erkennbar.

Was halten Sie von Parlamentspräsident Juan Guaidó?
Er ist relativ unbekannt und spricht eine klare Sprache. Das Wichtigste ist aber: Juan Guaidó ist sehr jung. Er steht damit für die Generation, die Venezuela in den letzten Jahren in Scharen den Rücken gekehrt hat. Sie wird Guaidós Kampf als Signal der Hoffnung verstehen.

Interview: Thoralf Cleven

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