+
Venezolaner, die gerade in Peru angekommen sind. Vielleicht dürfen sie bleiben, vielleicht müssen sie weiter. Zurück will keiner.

Venezuela

Nur noch weg aus der Heimat

Fast vier Millionen Venezolaner suchen Asyl – immer mehr auch in Europa.

Estefanía erwartet nicht, dass man sich die Tragik ihrer venezolanischen Heimat in Deutschland oder sonstwo in Europa ausmalen kann. Ihr Blick ist zugleich traurig und verärgert. Ihre Worte sind eindeutig: „Egal, ob du reich oder arm bist: Die Krise schlägt dir dort jeden Tag brutal ins Gesicht.“

Vor neun Monaten konnte die 25-Jährige nicht mehr: Lebensmittel-, Medikamenten- und Wasser-Knappheit, virulente Kriminalität, Behördenwillkür, Stromausfälle und oft kilometerlange Schlangen vor den Läden. Estefania besorgte sich ein Studentenvisum und flog nach Spanien. „Ich war im Freundeskreis eine der letzten, die die Koffer gepackt hat“, erzählt sie in Madrid der Deutschen Presse-Agentur.

Wenn in Europa über Migranten gesprochen wird, ist von Menschen wie Estefanía selten die Rede. Dabei betrifft die Lage in ihrer Heimat auch Europa. Die Zahl der Venezolaner, die hier Asyl beantragten, hat sich 2018 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, wie aus Daten der EU-Asylagentur Easo hervorgeht. Rund 22 200 waren es. Und es werden immer mehr – in diesem Jahr allein bis April mehr als 14.000.

Die Zahl der Venezolaner, die sich auf den Weg nach Europa machen, steigt schon länger. Im Januar 2015 waren es nur 25, die erstmals einen Asylantrag stellten. Im April 2019 mehr als 3500. Venezuela leidet unter einer schweren nationalen Krise. Rund vier Millionen der 31 Millionen Venezolaner haben deshalb das Land verlassen. Allein seit November vergangenen Jahres kehrten nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks eine Million ihrer Heimat den Rücken. Die meisten bleiben in der Region. Rund 1,3 Millionen Venezolaner haben sich in Kolumbien niedergelassen, Peru hat rund 768 000 aufgenommen. In Chile, Ecuador, Brasilien und Argentinien leben je Hunderttausende. Die Zahlen in Europa steigen zwar – aber die wenigsten Venezolaner schaffen es dorthin.

Als „alarmierend“ empfindet Catherine Woollard von der Nichtregierungsorganisation Europäischer Rat für Flüchtlinge und Vertriebene die Lage in Südamerika. Auf Europa wirke sich das „nur geringfügig“ aus. „Aber es besteht das Risiko, dass politische Panik entsteht.“ Dass Populisten mit ihren simplen Abschottungsforderungen wieder den politischen Diskurs an sich reißen. Woollard warnt vor unnötiger Besorgnis. 2018 hätten Venezolaner ja nur vier Prozent der Asylsuchenden in der EU ausgemacht.

Das dank der größten Erdölvorräte der Welt eigentlich reiche Venezuela leidet unter einer schweren Versorgungskrise. Aus Mangel an Devisen kann das von einer linken Clique beherrschte Land kaum noch Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs einführen. Die Gesundheitsversorgung ist praktisch zusammengebrochen, Krankheiten breiten sich aus. Der anhaltende erbitterte Machtkampf zwischen Staatschef Nicolás Maduro und der liberalen und rechten Opposition tut da sein übriges.

Woollard fordert deshalb, die EU solle sich darauf konzentrieren, die politische und wirtschaftliche Situation vor Ort zu stabilisieren. Und sie solle Schutzsuchenden Asyl gewähren.

In Spanien erhalten derweil nur die wenigsten Venezolaner das Bleiberecht. Nur rund 400 wurde bisher „aus humanitären Gründen“ Schutz gewährt. Estefanía baut nicht darauf – obwohl ihr Visum nun abläuft. Die Journalistin will zunächst versuchen, es verlängern zu lassen und dann in ihrem Beruf Fuß fassen. Zurück nach Venezuela ist keine Option – auch wenn sie ihre Eltern dort vermisst. „Meine Angst um sie ist irre.“ Wenn Estefanía am Ende doch nicht in Spanien bleiben darf, will sie es in Südamerika versuchen.

Estefanía trifft in Madrid immer mehr Landsleute. Der Sprache wegen, ist Spanien für viele die erste Station. In den ersten drei Monaten 2019 wurden dort 90 Prozent der venezolanischen Asylanträge gestellt – in Deutschland nur 1,5.

Viele Venezolaner, die nach Spanien fliehen, haben auch Zweitpässe aus Portugal oder Italien. Manche aber haben gar keinen EU-Pass. Sie haben es in der Fremde am schwersten. Aber wenn Estefanía sich an Erzählungen von Kommilitonen erinnert, die in der Heimat verschleppt und tagelang gefoltert wurden - und das mutmaßlich nur, weil sie gegen die Regierung sind – dann weiß sie: Sie hat die richtige Entscheidung getroffen.

Eine öffentliche Debatte über die Einwanderer aus Venezuela gibt es in Spanien nicht. Vielleicht noch nicht. Die ersten Emigranten waren nämlich die Elite des lateinamerikanischen Landes, die sich schnell und problemlos integrierte. Dann kamen immer mehr Vertreter der schnell schrumpfenden Mittelklasse, wie Estefanía.

Seit Monaten kommen nach Medienberichten aber immer mehr nahezu mittellose Venezolaner ins Land. Menschen wie Andrés. Der 28-Jährige ließ in Caracas Frau und zwei Kinder zurück. Er hat Asyl beantragt, arbeitet illegal, wohnt in einer WG mit sieben anderen Emigranten und spart sich das Essen vom Mund ab. Möglichst viel Geld schickt er in die Heimat. „Ich heule jede Nacht“, sagt er. (Michel Winde, Emilio Rappold, Denis Düttmann, dpa)

Flucht nach Europa

Zum siebten Mal in Folge haben in Deutschland so viele Menschen Asyl gesucht wie in keinem anderen europäischen Land. Trotz eines Rückgangs um 17 Prozent beantragten vergangenes Jahr gut 184 000 Migranten Schutz in der Bundesrepublik, wie aus dem am Montag in Brüssel veröffentlichten Jahresbericht der EU-Asylbehörde Easo hervorgeht.

Insgesamt ersuchten in der EU sowie in Norwegen, der Schweiz, Island und in Liechtenstein 664 480 Menschen um Asyl – das waren zehn Prozent weniger als 2017. 2015 hatte es noch fast 1,4 Millionen Anträge gegeben. dpa

Eine Umfrage von BBC und Forschern der US-Uni Princeton hat ergeben, dass 52 Prozent der unter 30-Jährigen in den meisten arabischen Ländern (plus Sudan und Palästinensergebiete) Migration ins Auge fassen. Überall und in allen Altersgruppen steigt die Bereitschaft dazu. Gleichzeitig steigt die Angst vor autoritären Regimen von Marokko bis Jemen und das Vertrauen in den Islam wird stetig geringer. (FR)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion