Reis' Parteitag im Februar

Vati kan, aber Mutti muss

Februar, was für ein Monat? Ein kurzer, aber er hat nichts ausgelassen, was es für den Glossenhauer nicht einfacher macht. Was war Ihr Kracher des Monats?, fragt Thomas Reis

Februar, was für ein Monat? Ein kurzer, aber er hat nichts ausgelassen, was es für den Glossenhauer nicht einfacher macht. Was war Ihr Kracher des Monats?

Kommen Sie mir nicht mit Finanzkrise. Wer das alles noch mit Interesse verfolgt, dem muss man schon ein gehöriges Maß an Ausdauer attestieren. Wer nicht längst dazu übergegangen ist, bei der Schufa Auskünfte über seine Bank einzuholen, dem ist nicht mehr zu helfen, aber was helfen solche Auskünfte? Nichts. Volks- und Privatbanken, Spar- und Verschwendungskassen, Kredithaie und -sprotten, alle hängen an der Nadel und hangeln sich derart von Finanzspritze zu Spritze, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, es handele sich um palliative Medizin ohne therapeutischen Nutzen. Die komatöse Hypo, zu ihren Glanz- also Lebzeiten mit einem Börsenwert von 5 Milliarden durchblutet, wurde bereits mit 103 Milliarden vitalisiert. Das entzieht sich bei allem Verständnis für Sinnstiftungen und Pfandbriefe, für Dominotheorien und Monopolyspieler, für Betriebsrenten und lebenserhaltende Maßnahmen meiner analytischen Kompetenz und meinem ausgeprägten Sinn für Unsinn. Das tut die Demokratie in Israel auch. Da wählt sich ein Volk ab, um ein anderes abzuschaffen, gut, das gehört zur nahöstlichen Folklore und taugt kaum als Highlight des Monats, Mehdorn schon eher, der altersgeile Bahnspanner, oder Glos, der deutsche Dauermichel und Muffelmüller, dessen Lust dann doch das Wandern war und nicht die Wirtschaft, die ihm fremd blieb.

Was ist bei Ihnen hängen geblieben? Der Knutschrekord in Mexiko? Die Rückkehr der Pendlerpauschale? Die bedauernswerte Lady Schaeffler, die sich mit Conti gründlich überscheffelte? Oder Babsi, die andere Raupe Nimmersatt aus dem Sumpf der schamlosen Abkassierer, die Pfandbriefe und Leergutboni über die wahnwitzigen Beträge von 48 und 82 Cent unterschlug, weshalb sie völlig zu Recht, zu deutschem, gefeuert wurde? Auch in zweiter Instanz hatte sie keine Chance, ihrer Verhartzung zu entgehen, und das ist gut so. Endlich wurde ein Exempel an einem wirtschaftlichen Verantwortungsträger statuiert, wenn schon nicht an Blessing und Ackermann, dann zumindest an Barbara von der Kassen zu Kaiser's.

Noch verstörender waren die Pleiten von Märklin und Schiesser, die spontane Insolvenz meiner Jugend. Märklin, Inbegriff unerfüllter kindlicher Sehnsucht; Schiesser, die Unvermeidbarkeit deutscher Qualität in ihrer Anwendung durch die liebende Mutter. Ich will nicht sentimental werden, Dinosaurier sterben aus, aber was, wenn Opel abgewickelt wird? Was fährt der Popel dann? Jeder Spießer fährt 'n Kia, jeder Macker einen Bata, jeder Opa einen Skoda. Das reimt sich nur mühsam und außerdem hat ein Kia nicht genug Platz auf der Hutablage für einen gehäkelten Klorollenschoner.

Wozu in die Zukunft schweifen, wo dieser Monat voller war, als es der japanischste Finanzminister, der kinderfreundlichste Ostliedermacher, der gewaltbereiteste Karnevalist oder der englischste Zeugungstäter im Grundschulalter jemals wird sein können. Wo wir bei Drogen sind, kommen wir schnurstracks zur Gretchenfrage: Wie halten Sie's mit Opium? Mit der Religion? Ja, der Vergleich hinkt, wie Lambsdorff mit dem Liberalismus, denn Opium ist eine bewusstseinserweiternde Droge.

Hier wird's gefährlich, wir begeben uns auf das dünne, aber ewige Eis der Religionssatire. Wer religiöse Gefühle sein Eigen nennt, sollte hier aufhören zu lesen, um nicht in Wallung zu geraten. Ich kenne meine frommen Pappenheimer, die sind aufgrund ihrer strukturell notwendigen Humorlosigkeit erfrischend empfänglich für Satire. Denken Sie an Islamisten, die gehen ab wie Raketenmännchen. Es gibt sie wieder, die tödliche Pointe, das wertet meinen Berufsstand ein wenig auf. Politisch kannst Du Dich echauffieren bis zur Ekstase, Dich gebärden wie die RAF in ihrer pubertärsten Pose und dann guckt doch wieder keine Sau, aber in Sachen Religion existiert es noch, das künstlerische Restrisiko des Moralisten und Vernunftmenschen. Der Kampf für die Freiheit des Geistes und gegen das metaphysische Synapsengift, ob es protestantisch homöopathisch, buddhistisch subkutan, hinduistisch oral, jüdisch nasal, katholisch anal oder moslemisch intravenös verabreicht wird, macht Spaß, denn Freiheit ohne Kampf, das ist wie Poppen im Puff oder wie Kiffen auf Rezept, der provokante Tabubruch hingegen ist ein schöner Ausgleich zur Tristesse des Erlaubten. Nun waren es diesmal keine muselmanisch euphorischen Mullahs, die uns erheiterten, sondern der Heilige Vater selbst, der Ratzinger Sepp. Angela hat ihn erst mal zusammengestaucht, das entbehrte nicht einer göttlichen Komödiantik, es war mir nicht geläufig, dass der Vatikan unser aller neustes Bundesland ist, auch für Ratzinger war die Rolle des Ministerpräsidenten neu, aber er hat sich prima reingefunden und erst mal dementiert.

Was sollte die Aufregung um die Pius-Brüder, es handelt sich um Katholiken, und die Leugnung des Holocausts ist doch nicht wesentlich absurder als die Bejahung der unbefleckten Empfängnis. Selbst die Annahme, dass ein Außerirdischer die Erde blau angemalt hat, halte ich für gewagt, ganz zu schweigen von der Mutmaßung, bei der Hostie handele es sich um ein belebtes Brötchen. Davon mal abgesehen, hätte ich die naive Kraft, an Gott zu glauben, wäre mir das Zweite Vatikanische Konzil in seiner zum Himmel stinkenden Toleranzigkeit auch zuwider. Toleranz, hier hat Freud ausnahmsweise recht, gibt es nur unter Gottlosen. Aber tolerante Religionen? Es gibt auch keine toleranten Piranhas, die hätten Hunger. Lessing ist lieb gemeint, aber freundlicher Multikultikokolores. Ein toleranter Papst, das ist wie gekochtes Eis am Stiel. Was willst Du da noch lutschen? Religionsfreiheit ist ein Widerspruch in sich wie Wertpapier, Bankgeheimnis oder Leistungssport. Hätte die Schweizergarde jemals was auf der Pfanne gehabt, sie hätte nach dem Konzil putschen müssen, denn da wuchs zusammen, was nicht zusammengehört, Glaube und Vernunft, Nächstenliebe und Christentum, Heilsarmee und Pazifismus, Freiheit und Mission. Ich sage Nein zur Reformierung des nicht Reformierbaren; die Rationalisierung des Irrationalen, die Moralisierung des Apodiktischen, der interreligiöse Dialog oder gar die multikulturelle Ökumene, das ist die Entzauberung von Oz, die Entkernung des Pudels, der Anfang vom Ende, der Tod des Jenseits. Wenn Sie jetzt denken: Ketzer, Häretiker, der Reis kommt nie ins Paradies, dann stimme ich Ihnen bedenkenlos zu, was soll ich als Kabarettist im Garten Eden. Seelen sind humorlos, denn wozu brauchen wir Humor, wenn alles seinen Schrecken verliert? Seelen brauchen keinen Trost, das ewige Leben ist witzlos, es hat keine Pointe mehr, darum will kein vernünftiger Mensch da hin und deshalb sind unser Attentäter solche Versager. Stauffenberg, der hatte richtig erkannt, dass es in Russland empfindlich kalt werden konnte, aber dann kommt der zum Tyrannenmord als Briefträger. Wie mag das gelaufen sein. "Heil Hitler, ich hätte Feldpost für Sie." Danke, Stauffenberg, wollen Sie noch einen Kaffee trinken. "Sehr liebenswürdig, aber ich muss gleich wieder los, ich stell die Tasche da ab." Was für ein jämmerlicher Terroranschlag. Hätte Stauffenberg den Schneid von Mohammed Atta gehabt, drei Millionen Juden hätten den Holocaust überlebt.

Dennoch bin ich froh, dass unser neuer Wirtschaftsminister, nicht mit Atta, sondern Stauffenberg verwandt ist und mit seinem Wiedergänger, Tom Cruise, gefrühstückt hat. Cruise ist nicht nur ein feiner Schauspieler, sondern Scientologe, die sind noch lustiger als die Katholiken, unterstützen den Papst aber in seinem Bemühen, die in nordafrikanischen Internierungslagern durch permanente Massenvergewaltigungen geschwängerten Flüchtlingsfrauen von Lampedusa an der Abtreibung zu hindern, so dass diese nach all dem Leid, was sie haben erfahren müssen, zumindest die stillen Freuden des Mutterglücks genießen mögen, bevor sie ihrerseits abgetrieben werden aus Italien und aus dem Schoß der Kirche in den Tod oder die erneute sexuelle Versklavung - aus moraltheologischer Sicht kein Problem, da es in dem Fall nicht um den Schutz des ungeborenen Lebens geht, sondern um unerwünschte Ausländer. Außerdem sind es Frauen, die werden in allen Religionen missbraucht, denken Sie an Paulus: Die Frau sei dem Manne Untertan, denn Vati kan, aber Mutti muss.

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