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"Das Gastmahl des Platon" von Jakob Asmus Carstens (1754-1798).

Gleichberechtigung

Utopie einer idealen Gemeinschaft

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Sicherlich kein Feminist, aber auf jeden Fall ein Vertreter der Frauenrechte: Platons Plädoyer für die Gleichberechtigung.

Platon (ca. 424 – ca. 348 v. u. Z.) war der erste Philosoph, für den das gleichberechtigte öffentliche Agieren von Frauen und Männern das Fundament eines idealen Staates war. Dafür musste die Gleichstellung im Gesetz verankert sein – was zwar theoretisches Prinzip der Athener Demokratie war, aber praktisch nie umgesetzt wurde. Mit Weitblick hatte Platon erkannt, dass die gleichberechtigte Kooperation von Frauen und Männern unabdingbar für das Gemeinwohl ist.

Platon oder Aristoteles? Wer von beiden ist der berühmteste Philosoph aller Zeiten? Darüber kann man streiten, und darüber hat man auch gestritten. Konsens ist: beide sind bedeutend und jeder auf seine eigene Weise. Und wie ist ihre Position gegenüber der Hälfte der Menschheit, den Frauen?

Zeitgeist bestimmt Interpretation 

Nehmen wir Platon. Über ihn ist viel geschrieben worden, sehr viel. Da sich die Interpreten aber zu verschiedenen Zeiten und eingebunden in intellektuelle Zeitströmungen mit seinem Werk beschäftigt haben, blieb es nicht aus, dass die Platon-Studien in Abhängigkeit zum jeweils vorherrschenden Zeitgeist sehr wechselhaft in ihren Orientierungen waren und die Frauenfrage lange unberücksichtigt blieb.

Besonders Platons kritische Einstellung gegenüber der in Athen praktizierten Demokratie (z. B. das Unwesen der Demagogie und des Intrigantentums), die in seiner politischen Theorie zum Ausdruck kommt, wurde als generelle Kritik am Demokratiemodell missverstanden: „… das 20. Jahrhundert war überzeugend anti-Platonisch. Viele anderweitig disparate Gelehrtenschulen stimmen überein in ihrer Ablehnung dessen, was sie ‚Platonismus‘ nennen“, meinte Kenneth Reinhard 2012.

Übersehen wird, dass Platon den Grundsatz der demokratischen Ordnung wörtlich nimmt: Gleichheit vor dem Gesetz (isonomia). Jedoch stand die politische Praxis in der „demokratischen“ Athener Gesellschaft im krassen Widerspruch zum Ideal der isonomia, denn Frauen blieben vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Ihnen wurden lediglich Nischenplätze eingeräumt, wie das Amt der obersten Priesterin für den Kult der Göttin Athene. Das hätte hellhörig machen und Grund sein sollen, die Äußerungen Platons zur Stellung der Frau in der Gesellschaft zu lesen.

Frauen kamen lange nicht vor

Die monumentale Sekundärliteratur über Platon folgt eben Mainstreamtrends, und in denen kamen Frauen lange nicht vor. Der Denktradition der Aufklärung verpflichtet, deren Vertreter im 18. Jahrhundert die Rationalität zur Ikone erhoben, wollten die meisten Platon-Forscher in dessen philosophischer Ideenwelt das Primat der Vernunft (logos) über die irrationale Domäne der Erzähltradition (mythos) erkennen.

Von einer Aushebelung des Mythos durch die Rationalität ist bei Platon nichts auszumachen. Im Gegenteil, Platon hat die mythische Tradition seiner griechischen Heimkultur sehr geschätzt, und er beschäftigt sich ausgiebig mit Mythenstoffen. Mythen waren nämlich das wichtigste Medium der Antike, um Lebenserfahrungen und Gemeinschaft stärkende Traditionen von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Und wenn Platon seine Ideen dem zeitgenössischen Publikum nahebringen wollte, war es selbstverständlich, das Repertoire aussagekräftiger Mythen einzubeziehen. Mit voller Berechtigung wird Platon deshalb neuerlich auch als „Mythenmacher“ (Luc Brisson, 1998) und als „Mythologe“ (Markus Janka & Christian Schäfer, 2002) charakterisiert, und die Mythen in seinem Werk sind inzwischen hinlänglich erforscht worden (Catalin Partenie 2009, Harald Haarmann 2015).

Auch die feministische Forschung hat sich mit Platons Ideenwelt auseinandergesetzt, obwohl diese Wortwahl (sich auseinandersetzen mit) vielleicht doch nicht zutreffend ist. In Bausch und Bogen wird Platon von Barbara Freeman als „patriarchalischer“ Schriftsteller (1988) abgekanzelt. Aber es gibt noch viel schärfere Beurteilungen. In Platons Dialog „Symposion“ tritt Diotima, die gelehrte Seherin aus Mantinea auf. Sie ist die Mentorin von Sokrates und unterweist ihn in der Lehre der Liebe, insbesondere der intellektuellen, die man später als „platonische Liebe“ benannt hat.

Forschung bestätigt Historizität 

Martha Nussbaum verwirft 1986 die Idee, Diotima sei eine historische Person gewesen und gibt sich einer kritisch-feministischen Spekulation hin, indem sie behauptet, Platon hätte Diotima als „Partnerin für seinen intellektuellen Geschlechtsverkehr“ erfunden. Was Diotima betrifft, so hat die neuere Forschung deren Historizität bestätigt, denn sie wird nicht nur bei Platon, sondern auch in anderen Quellen erwähnt.

Wenn man beabsichtigt, Platon als Vertreter einer patriarchalischen und chauvinistischen Weltordnung zu brandmarken, bleibt natürlich kein Spielraum für eine ganzheitliche Betrachtung. Wer sich dennoch darauf einlässt, erlebt eine Überraschung, wenn nicht gleich mehrere. Platon war vielleicht nicht „unverwechselbar feministisch orientiert“, wie Gregory Vlastos 1994 meinte, aber er war mit Sicherheit ein „Revolutionär in Sachen Gender“, so hat es 2010 Gerasimos Santas ausgedrückt. Die eklatanten Differenzen zwischen der aktuellen Beurteilung und der in früherer Zeit sind wohl so zu erklären: diejenigen, die Platon als Chauvinisten stigmatisieren, haben seine Werke einfach nicht gelesen.

Zwar war Platon kein Feminist, aber ganz sicher ein Vertreter der Frauenrechte. Die gleichberechtigte Rolle der Frau in der Gesellschaft ist nämlich klar in seiner Rechtsauffassung verankert. Die intellektuellen Fähigkeiten von Frauen hatte Platon bereits über die Erziehung durch seine Mutter, Periktione, erfahren und davon profitiert. Periktione hatte Platon und seine Brüder an die Philosophie herangeführt und selbst philosophische Traktate verfasst. Später, nachdem Platon seine Akademie eröffnet hatte, nahm er seinem Rechtsverständnis entsprechend selbstverständlich auch Frauen auf. Zumindest zwei von Platons Schülerinnen sind namentlich bekannt. Wäre er ein Mann mit chauvinistischen Allüren gewesen, hätte er wohl kaum Frauen unterrichtet.

In seiner politischen Utopie einer idealen Gesellschaft sind die Frauen den Männern gleichgestellt, das heißt, sie haben gleiche Rechte und übernehmen wie Männer in allen Domänen Aufgaben des öffentlichen Lebens. Revolutionär war Platons Forderung, Frauen das Recht einzuräumen, hohe Ämter in der staatlichen Verwaltung, z.B. im Rat der Wächter der Rechtsordnung, inne zu haben. Die Voraussetzung dafür war, dass sich beide, Kandidatinnen und Kandidaten, für das Amt ausgiebig in die geltenden Rechtsnormen eingearbeitet hatten.

Die Göttin Themis verkörperte im antiken Griechenland die Rechtsordnung, insbesondere das traditionsgebundene Gewohnheitsrecht. Auf Platon geht die Vorstellung zurück, wonach die Göttin des Rechts eine Augenbinde trägt, um die Gleichheit aller vor dem Gesetz zu garantieren, d.h. ohne Ansehen der Person, des sozialen Status oder des Geschlechts. Die Rolle der Themis mit ihrer Augenbinde und der Waage, auf der das Recht für alle gleich bemessen wird, ist später von den Römern für ihre eigene Rechtstradition adaptiert und Iustitia zugeordnet worden.

Revolutionäre Forderung

Nicht weniger revolutionär war Platons Forderung, Frauen militärisch auszubilden und in die kämpfende Truppe aufzunehmen. In seinem Dialog „Gesetze“ (Nomoi) wendet Platon den Begriff „teilhaben, aufteilen“ (koinonein) an, wenn er eine Art „Waffenbrüderschaft“-„Waffenschwesternschaft“ der Frauen mit den Männern postuliert. Platon zieht einen Vergleich mit den Amazonen und erwähnt die Sitte der Sauromaten (Nomaden in der eurasischen Steppe) Mädchen im Bogenschießen und Reiten zu unterweisen und als Kämpferinnen auszubilden. Der Philosoph appelliert an die griechischen Frauen, im Fall der Belagerung einer Stadt durch feindliche Kräfte nicht in die Tempel zu laufen, um zu beten, sondern zu den Waffen zu greifen, um ihre Kinder und Heimstätten zu verteidigen. Der Vergleich mit den Amazonen war berechtigt. Die Amazonen gab es wirklich. Archäologen haben nördlich des Schwarzen Meers, in der Pontischen Steppe, Gräber gefunden, in denen Kriegerinnen bestattet waren, erkennbar an ihren Waffen als Beigaben.

Ins Herz der real-chauvinistischen Gesellschaft der griechischen Antike zielt Platons Forderung, Frauen zu öffentlichen Banketts und sportlichen Wettkämpfen zuzulassen, wenn auch mit der Maßgabe, dass sie bei sportlichen Veranstaltungen „in ziemlicher Kleidung“ (Gesetze 833d) auftreten sollen. Diese emanzipatorische Gleichstellung kam nicht von ungefähr, denn bevor die Männer den heiligen Bezirk von Olympia für ihre sportlichen Wettkämpfe usurpierten, waren es die Mädchen und Frauen, die dort anlässlich der Festlichkeiten zu Ehren der Göttin Hera um die Wette liefen und mit einem Gewand bekleidet waren, das die rechte Brust frei ließ. Dass sich Platon mit der Frauenemanzipation beschäftigt hat, ist sowohl seiner Überzeugung als auch der Feinfühligkeit dieses Philosophen mit Weitblick zu verdanken, denn er hat Nachklänge tiefverwurzelter Grundwerte wahrgenommen, die im Erinnerungsstrom des kulturellen Gedächtnisses aus einer Zeit lange vor Platon in der Sprache der Griechen bewahrt worden waren. So wird zum Beispiel der Kernbegriff von Platons politischer Utopie, das Gemeinwohl, mit einem Lehnwort aus vorgriechischer Zeit bezeichnet: to agathon. Die vorgriechische Zeit, das war Alteuropa, eine Hochkultur mit egalitärer Gesellschaftsordnung (6000– 3000 v. u. Z.), deren wesentlicher Faktor für stabil prosperierende städtische und dörfliche Gemeinden die Orientierung am Gemeinwohl war. In dieser Kooperationsgesellschaft agierten Frauen und Männer gleichgestellt. Kommunaler Wohlstand sorgte für alle gleichermaßen. Die soziale Ausgewogenheit machte Raubzüge, Zerstörung und Krieg überflüssig. To agathon sicherte den Menschen Alteuropas 3000 friedliche Jahre.

Platons Modell einer idealen Gesellschaft wurde leider nicht aufgegriffen und weiterentwickelt. Die Ideen zur Frauenemanzipation, die in diesem Modell verankert sind, waren wohl zu revolutionär, so dass sich keiner der Schüler Platons damit die Finger verbrennen wollte. Ganz zu schweigen von Platons bekanntestem Schüler: Aristoteles. Dieser zeigte sich ganz unbeeindruckt von der Einstellung seines Mentors zu den Frauen. Aristoteles vertrat das chauvinistische Gesellschaftsmodell seiner Zeitgenossen. Frauen hielt er für weniger intelligent als Männer, und er traute ihnen weder Organisationstalent noch Führungsqualitäten zu. Frauen Verantwortung für Staatsgeschäfte zu übertragen, kam für Aristoteles überhaupt nicht in Frage.

Platon und Aristoteles werden häufig gemeinsam erwähnt als herausragende Vertreter der westlichen Ideengeschichte. Dabei unterscheiden sich die beiden in Sachen fortschrittlicher Denkweise wie Tag und Nacht. In Platons Modell einer idealen Gesellschaft finden wir viel Licht und konstruktive Zukunftsperspektiven, in Aristoteles’ Vorstellungen von staatlicher Organisation dagegen ist keine Rede von der Gleichstellung der Geschlechter, da spiegelt sich allein der damals herrschende chauvinistische Zeitgeist.

Es sollte lange dauern, bis die von Platon entwickelten Ideen zur gesellschaftlichen Rolle der Frauen wieder relevant wurden für die politische Diskussion. Die Zeit dafür war erst reif mit der Französischen Revolution von 1789, wenn auch nur halbherzig. Und es sollte bis in unsere Tage dauern, bevor Platons Ideen von einer ganzheitlichen Gesellschaftsordnung mit gleichgestellten Frauen und Männern von einigen Platonforschern enthüllt wurden. Wer heutzutage die politische Geschichte der Gleichstellung der Geschlechter schreibt, muss mit der Ideenwelt Platons anfangen. 

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