Die Demokraten Kamala Harris und Joe Biden treten an, um US-Präsident Donald Trump abzulösen.
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Die Demokraten Kamala Harris und Joe Biden treten an, um US-Präsident Donald Trump abzulösen.

Tragödie statt Komödie

US-Wahl 2020: „Mein bestes Argument für Joe Biden ist Kamala Harris“

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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Gayle Tufts lebt als Entertainerin in Deutschland. Im Interview spricht sie über die US-Wahl, Wrestling und Donald Trump.

  • Im Interview spricht Gayle Tufts über die Wahl in den USA und Wrestling.
  • Für ihr Heimatland wünscht sich die Entertainerin bei der US-Wahl einen Sieg von Joe Biden - wegen Kamala Harris.
  • Trotz der schwierigen Lage, für Tufts ist in den USA nicht alles schlecht.

Bascha Mika im Gespräch mit Entertainerin Gayle Tufts, „Germanys best known American“: Warum es gute Gründe gibt, die USA zu lieben.

Frau Tufts, eigentlich hatte Ihr neues Bühnenprogramm einen sehr hübschen Titel: „Make America gayle again“. Warum haben Sie ihn geändert?

Die Show war lange geplant und sollte im Mai Premiere im Berliner Schillertheater haben. Damals fanden wir den Titel witzig. Dann kam Corona, der Tod von George Floyd, die Demonstrationen gegen Rassismus – und plötzlich schien uns das gar nicht mehr lustig. Ich als weiße, privilegierte Frau, die schon lange in Europa lebt, soll sagen, was man in Amerika zu tun hat? Das bekam einen komischen Beigeschmack.

Verraten Sie uns trotzdem, wie das „gayle America“ aussehen sollte?

Freundlicher, mitmenschlicher, nicht so gespalten, bunter, hoffnungsvoller und mit Respekt für andere Menschen. Nach den ganzen Ereignissen war ich so frustriert und traurig, dass ich das Programm umgeschrieben habe. Aber einen Teil meines Optimismus und mein amerikanisches Ich habe ich auch in die neue Show gerettet.

US-Wahl zwischen Joe Biden und Donald Trump: „Es ist keine Komödie mehr“

Was machen Sie mit Trumps USA auf der Bühne?

Gayle Tufts hatte sich als Comedian anfangs über die Wahl von Donald Trump gefreut. Aus der Komödie wurde aber schnell eine Tragödie.

Ich singe ein wunderbares Lied von Annie Lennox, das sie nach ihrer Scheidung geschrieben hat. Es heißt „Why“. Darin erzählt sie: Es war eine große Liebe, ich werde dich nie vergessen, aber ich kann nicht mehr … Für mich ist es das Lied über meine Scheidung von diesem Teil Amerikas. Ich kann nicht mehr! Ich kann mich mit diesem Amerika nicht mehr identifizieren.

Ist Trump nicht ein gefundenes Fressen für Comedians wie Sie?

Das haben wir alle zunächst gedacht. Wow, ein Volltreffer! Aber es ist keine Komödie mehr, es ist eine Tragödie. Über 220 000 Corona-Tote, nur Lügerei, nur Selbstdarstellung …

„Ich bete zum Universum, dass alles friedlich bleibt.“

Gayle Tufts

Haben Sie schon gewählt?

Ja, per Brief.

Keine Angst, dass die Briefwahlstimmen manipuliert werden könnten?

Natürlich habe ich Angst davor, Donald Trump hat es ja angekündigt. Deshalb stehe ich jeden Morgen auf und meditiere ein bisschen, um positive Gedanken zu haben. Und ich bete zum Universum, dass alles friedlich bleibt.

Gibt es Gewalt der Trump-Fans, wenn Joe Biden und Kamala Harris bei der US-Wahl gewinnen?

Sie können sich vorstellen, dass es zu Gewaltausbrüchen nach der Wahl kommt?

Bloß keine Selffulfilling Prophecy! Aber es ist wirklich brandgefährlich, dass Donald Trump Gewalt provoziert und seine Worte bei den Fans Gewicht haben. Die haben alle Waffen und verehren ihn wie einen Guru. Bei seinen Auftritten schauen sie ihn mit glasigen Augen an und schreien: „Superman! Superman!“ Dabei haben sie keine Ahnung, was Superman’s Motto ist. Nämlich „Truth, Justice and the American Way“. Wenn davon nur ein bisschen zurückkommen würde.

Wie kann es sein, dass dieser Sexist und Frauenhasser auch von Frauen unterstützt wird?

Ist es nicht unfassbar? Ich möchte überall mit meinen Schwestern solidarisch sein. Aber mit denen? Meine richtige Schwester und mein Bruder leben noch drüben. Meine Schwester ist ein alter Hippie. Wir sind mit meinen Eltern auf Demos gegangen, als ich ein Kind war – Anti-Vietnam, Anti-Reagan, Frauen- und Homorechte. Für meine Schwester sind diese Frauen total verrückt.

Donald Trumps Präsidentschaft ist ein bisschen wie Wrestling

Küchenpsychologisch gesprochen, identifizieren sie sich mit ihrem Aggressor.

Stellen Sie sich vor, da gab es ein Town-Hall-Format mit Donald Trump, und das Publikum durfte Fragen stellen. Eine Frau mit blonden Haaren, die aussah wie aus einem Country-Western-Movie für Arme, sagte mit Tränen in den Augen: „Mr. President, you look so handsome when you smile!“ Häh, meint sie wie Hannibal Lecter? (lacht)

„Mein bestes Argument für Joe Biden ist Kamala Harris.“

Gayle Tufts

Vielleicht liebt sie „Das Schweigen der Lämmer“ …

Mich erinnern solche Auftritte an WWF-Wrestling, an diesen ganz prolligen, auf hart gemachten Schaukampf. Das ist alles Verarschung, total gestellt, eine Inszenierung fürs Fernsehen. Die Zuschauer wissen das, finden es aber trotzdem toll, und gleichzeitig übt es Macht auf sie aus. So läuft es bei Donald Trump, das ist Showbusiness. Show gehört zur Politik zwar immer dazu, aber in Amerika ist es extrem.

Mit Joe Biden geht es vor allem darum Trump zu verhindern

Haben Sie Ihr Land schon einmal so krisengeschüttelt und gespalten erlebt?

Vielleicht war es während des Vietnamkriegs ähnlich. Ich bin vor über dreißig Jahren während der Reagan-Administration weggegangen. Damals lebte ich in New York, war Mitte zwanzig und hatte innerhalb eines Jahres 13 Freunde durch Aids verloren. Es war wie ein Krieg – aber Reagan hat das Wort „Aids“ nicht in den Mund genommen. So wie es Donald Trump mit Corona macht. Ich rede nicht darüber, also existiert es nicht.

Und Joe Biden ist das Heilmittel gegen diesen Wahnsinn?

Come on, natürlich brauchen wir nicht schon wieder einen alten weißen Mann als Präsidenten. Es geht darum, Trump zu verhindern. Mein bestes Argument für Joe Biden ist Kamala Harris. Doch denken Sie nur, wir könnten in diesen verrückten Zeiten morgens aufwachen und sagen: Es ist vorbei! Joe Biden ist Präsident – dann würden wir doch alle in Tränen ausbrechen. Ich kriege schon bei dem Gedanken eine Gänsehaut.

Was spricht denn außer Kamala Harris für Joe Biden?

Seine Biografie. Die Geschichte eines Menschen ist sehr wichtig für uns. Weil wir ein Einwanderungsland sind, können wir uns nur auf unsere persönlichen Wurzeln berufen, auf das, was uns geprägt hat.

Joe Biden und Kamala Harris - Ein bisschen mehr Sozialismus für die USA?

Und was wäre das bei Joe Biden?

Er weiß, wie man trauert. Er hat seine erste Frau und seine Tochter bei einem schrecklichen Autounfall verloren, sein Sohn ist früh an Krebs gestorben. Das hat für Amerikaner, die in Corona-Zeiten auch jemanden verloren haben, eine große Bedeutung. Er ist menschlich. Und diese Menschlichkeit fehlt in Amerika zurzeit. Er ist keine Antwort, aber ein Anfang.

Zur Person

Gayle Tufts ist Entertainerin mit US-amerikanischen Wurzeln. Geboren wurde sie 1960 in Brockton, Massachusetts; seit 1991 lebt sie in Berlin.

In ihren Stand-up-Comedyshows spricht sie stets ihr charakteristisches „Dinglish“ mit US-amerikanischem Akzent. Sie trat als erste Frau in der Kult-Sendung „Quatsch Comedy Club“ im Fernsehen auf. Ihr jüngstes Buch „American Woman: How I lost my Heimat und found my Zuhause“ ist bei Aufbau erschienen.

Die deutsche Staatsbürgerschaft nahm sie im November 2017 an – und nannte explizit die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten als einen der Hauptgründe für diese Entscheidung. Aktuelle Termine unter www.gayle-tufts.de

Biden wird von Trump gern als Sozialist beschimpft …

(lacht) Ein bisschen Sozialismus würde den USA sicher gut tun. Aber wenn Joe Biden ein Sozialist ist, dann ist Florian Silbereisen der nächste Sänger von Rammstein, und ich bin Heidi Klum …

Auch strukturelle Probleme bestimmen die Wahl in den USA

Hübsche Vorstellung. Was ist mit den strukturellen Problemen im Land? Die kann Biden nicht einfach Trump anlasten, die gab es schon vorher.

Für mich zeigt sich das Übel in vier Bereichen: der Bildung, dem Gesundheitssystem, der Umweltfrage und dem Strukturwandel. Werften, Autoindustrie, Stahl, Kohle – alles kaputt, und die Arbeiter werden damit alleingelassen. Auch von den Gewerkschaften, denn die wurden bereits von Reagan geschlachtet.

Alleingelassen werden auch Menschen, die krank sind und sich keine teure Versicherung leisten können.

Ein Beispiel: Mein Bruder trainiert ehrenamtlich Kinder beim Basketball. Dabei hat er sich schwer am Knie verletzt. Ein Krankenwagen wurde gerufen, aber er hat sich mit dem kaputten Knie vier Kilometer zu Fuß ins Krankenhaus geschleppt, weil er keine Krankenversicherung hat – wie zig Millionen andere Amerikaner auch. Die Fahrt zur Notaufnahme hätte ihn 24 000 Dollar gekostet.

Wie bitte?

Das ist völlig absurd! Dann hatte er eine Knie-OP mit massiven Schmerzen. Morgens wurde er operiert, nachmittags haben sie ihn aus dem Krankenhaus rausgeschmissen. Ohne Physiotherapie, ohne Reha, aber mit einer großen Packung süchtig machender Schmerzmittel. So läuft das dortige Gesundheitssystem. Mein Bruder humpelt bis heute wie ein alter Mann.

US-Wahl 2020: Was wurde aus dem „American Dream“?

Ein Wahlversprechen von Trump war ja, eine erschwingliche Krankenversicherung einzuführen, denn auch „Obamacare“ ist viel zu teuer …

Donald Trump will „Obamacare“ kippen, hat aber keinen anderen Plan. Denn das Hauptproblem ist: In den Staaten ist alles extrem kapitalistisch gesteuert. Mein Vater war Barkeeper, meine Mutter Kassiererin im Supermarkt, aber ich durfte studieren, obwohl es so teuer ist. Diesen Traum, dass deine Kinder es später mal besser haben werden, gibt es nicht mehr.

Der hat die US-amerikanische Gesellschaft doch immer angetrieben.

Sicher. Doch die Mittelklasse schrumpft. Mein Bruder hat drei verschiedene Jobs, seine Frau zwei. Sie brauchen die, obwohl sie nur ein Kind, einen Hund, zwei Autos und ein kleines Haus haben. Es braucht nur eine große Arztrechnung, und alles ist weg. Wir müssen die Wurzeln des Kapitalismus zerstören, wenn es nicht immer weiter heißen soll: reicher, reicher, reicher! Mehr, mehr, mehr!

US-Wahl 2020: Donald Trump oder Joe Biden - Die Demokratie in den USA ist in Gefahr

Halten Sie die USA noch für eine funktionsfähige Demokratie?

Sehr gute Frage. Noch ja. Es gibt ja nicht nur den Präsidenten und den Kongress in diesem riesigen Land, sondern ganz viele kleinteilige Strukturen. Stellen Sie sich vor, wir gründen jetzt die Vereinigten Staaten von Europa. Was hätten wir dann? Ungarn? Sehr problematisch. Polen ebenso. Und hat Mecklenburg-Vorpommern wirklich so viel mit Bayern zu tun? Solche Unterschiede sind der Kern und das Beste an Amerika – vorausgesetzt, es gibt auch ein Miteinander. Wie damals bei 9/11.

Wo gemeinsame Trauer und Schock aber sehr schnell in Nationalismus umgekippt sind …

Längst nicht bei allen. Meine Freunde in New York sind Künstler und politische Aktivisten. Meine beste Freundin Lucy kommt aus einer Familie von Rechtsanwälten und Bürgerrechtlern. Lucy, ihre Mutter und ich haben uns mal beim Atomkraftwerk Three Mile Island angekettet. Alle haben wir uns bei Act-up engagiert, der Anti-Aids-Initiative. Die Grenze zwischen politischem Aktivismus und Performance ist in deren Leben noch immer ganz flüssig. Lucy zum Beispiel macht Wahlkampf für die demokratische Partei, was durch Corona nicht einfach ist.

Nicht alles an den USA ist schlecht - auch nicht an der US-Wahl

Spüren Sie doch noch Heimatliebe?

Ich schimpfe ja genug über Amerika, aber es gibt so viele Dinge, dich ich immer noch liebe. Egal, ob es die neue Platte von Miley Cyrus ist, die Poesie von Walt Whitman oder Michelle Obama.

„Wie einfach man die Wahlbezirke zuschneiden kann, um bestimmte Gruppen zu benachteiligen – das ist so krass!“

Gayle Tufts

Lieben Sie auch das US-amerikanische Wahlsystem?

Es ist grottig. Undemokratisch und manipulierbar. Zum Nachteil von African Americans, Latinos und armen Leuten. Wie einfach man die Wahlbezirke zuschneiden kann, um bestimmte Gruppen zu benachteiligen – das ist so krass! Das Wahlsystem muss dringend reformiert werden. Außerdem brauchen wir mehr als zwei Parteien, die eine wichtige Rolle spielen. Was mich tröstet: Demokratie ist Work in Progress.

NameGayle Tufts
Geburtsdatum17. Juni 1960 (Alter 60 Jahre)
GeburtsortBrockton, Massachusetts, USA
BerufEntertainerin

US-Wahl 2020: Bruce Springsteen und Kamala Harris singen gemeinsam

Aber viele US-Amerikaner sind doch stolz auf dieses dysfunktionale System und verteidigen es mit dem Hinweis, es sei die Wiege der modernen Demokratie.

Das liegt an der öffentlichen Präsentation. Das nationale Motto der USA ist nicht, was auf dem Dollar-Schein steht: „In God we trust“. Sondern? Raten Sie mal …

Sagten Sie es nicht bereits?

„There’s no business like showbusiness!“ Ich habe die Parteitage der Demokraten im Fernsehen gesehen. Da steht Bruce Springsteen neben Kamala Harris und singt sein Lied „The rising“. Dazu gibt’s ein Video mit Menschen jeden Alters und jeder Hautfarbe. Man sieht Szenen der Solidarität in der Pandemie, die „Black Lives Matter“-Bewegung … Und dann weinen alle auf der Bühne, huhu. Denn das ist John Steinbeck, das ist Amerika, das ist unser Amerika. Und zusammen mit Billie Eilish und anderen Stars entsteht dann so ein Gefühl: Wir sind eben doch ein Volk. Da treffen sich Showbusiness und Politik.

Joe Biden und Kamala Harris verlieren - was bedeutet das für Deutschland?

Wie sollte sich Deutschland verhalten, wenn Trump tatsächlich wiedergewählt wird?

Tun, was es immer tut: warten, gucken, reagieren. Einfach bodenständig sein – ich liebe das hier. So etwas wie „eine Nacht drüber schlafen“ gibt es nicht in Amerika. Das ist eine wirklich gute deutsche Tugend.

Und was wünschen Sie sich zurzeit am meisten?

Ein bisschen Humor, ein bisschen Leichtigkeit mitten in diesen dunklen, dunklen Zeiten. Das versuche ich auch mit meiner Show. Ich habe keine Antworten, aber mal fünf Minuten lachen zu können – das brauchen wir doch alle! Und auch kleine Lichtblicke in der deutsch-amerikanischen Freundschaft, um uns mitten in der Pandemie fragen zu können: Bist du okay? (Interview: Bascha Mika)

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