Die Hoffnung der Demokraten: Joe Biden und Kamala Harris.
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Die Hoffnung der Demokraten: Joe Biden und Kamala Harris.

USA

US-Wahlen: Joe Biden und Kamala Harris auf den Spuren von John F. Kennedy

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Joe Biden und Kamala Harris wollen Donald Trump und Mike Pence bei den US-Wahlen schlagen. Dafür beschwören sie die USA der vielen Möglichkeiten.

  • Die Demokraten wünschen sich einen Wandel in den USA.
  • Es gibt Parallelen zwischen Joe Biden und John F. Kennedy.
  • Die US-Wahl entscheidet sich in den „Swing States“.

Washington - Alle Wege führen nach Hyannis Port und Hickory Hill. Nicht geografisch: Hickory Hill ist ein Haus in MacLean im Bundesstaat Virginia, und Hyannis Port ist ein Dorf an der Küste von Massachusetts, mit dem Auto sind sie fast acht Stunden voneinander entfernt; zwischen ihnen liegen New York und Philadelphia. MacLean findet man im Speckgürtel von Washington D.C., gerne bewohnt von Politiker-, Diplomaten-, Militär- und Geheimdienstfamilien. Hyannis Port ist eine Sommerfrische, vornehmlich der reichen „Selfmademen“-Clans der US-Ostküste.

Und doch sind die gediegene Regierungsgemeinde und der geldadelige Rückzugsort ein und dieselbe Adresse, wenn es um die US-Demokraten geht. Wohlgemerkt, das sind keine mythischen Sehnsuchtsorte, keine Pilgerstätten, auch wenn sie das Zeug dazu haben. Sie stehen vielmehr für eine politische Praxis, deren Anwendung wie Ablehnung das Geschehen in den USA auch nach 55 Jahren noch prägt.

US-Wahlen: Hauptquartier von John F. Kennedy in Hyannis Port

Auf dem Anwesen 50 Marchant Avenue in Hyannis Port war im großen Haus das Hauptquartier John F. Kennedys, von dem aus er 1960 die USA eroberte, um sie zu der dynamischen jungen Führungsnation der freien Welt zu transformieren. In Hickory Hill, 1147 Chain Bridge Road in MacLean, wohnten Ethel und Robert F. Kennedy und ihre elf Kinder, und von dort aus machte sich der jüngere Kennedy-Bruder 1968 daran, die USA vor dem Abgrund zu retten, auf den die von ihrem Sündenfall in Vietnam zutiefst verwirrte Nation blindwütig zustolperte. Wie allgemein bekannt, bereiteten Attentate dem einen wie dem anderen Kennedy ein viel zu frühes Ende, 1963 und 1968. In jenen fünf Jahren dazwischen zerfielen die USA innerlich in orientierungslose Erneuerer und hysterische Traditionalisten.

US-Wahlen der Vergangenheit: Präsident Richard Nixon tritt 1974 zurück

Der Traum der Kennedys jedenfalls schien 1968 so tot wie der von Martin Luther King Jr. Auf dem Titel des Magazins „Esquire“ vom Oktober jenes Schicksalsjahres wurden die drei ermordeten Hoffnungsträger in ein bis zum Horizont reichendes Gräberfeld retuschiert. Die Wahl eines Republikaners ins Weiße Haus schien alternativlos. Sechs Jahre später sollten die USA erfahren, dass da ein gewissenloser Krimineller ihr Land regiert hatte. Plötzlich waren es nicht mehr die Kugeln der Attentäter in Dallas und Los Angeles oder das Napalm über Vietnams Reisfeldern, die die 1960er Jahre zerstört hatten, sondern die krankhafte Machtgier eines Mannes: Als Richard Nixon 1974 das Oval Office räumen musste, durfte der Traum der Demokraten weitergeträumt werden.

Aber was für ein Traum war das überhaupt? Zuerst ganz einfach der von einer gerechteren Welt. Oder zumindest von den USA, die sich an ihren globalen Grundsätzen auch selbst messen lassen konnten. Als das Land aus dem Zweiten Weltkrieg als die Supermacht, die Bannerträgerin der freien Welt, die Wegbereiterin für die Zukunft herauskam, lag es tatsächlich genau so weit hinter seinen Ansprüchen zurück wie all die anderen Nationen, die sich doch ein Beispiel an den USA nehmen sollten.

Rassenhass in allen Bundestaaten der USA

Der Rassenhass hatte sich vom rückständigen Süden aus im Alltag aller Bundesstaaten verbreitet. Vom Reichtum der potentesten Volkswirtschaft der Welt profitierten meist nur diejenigen, die schon immer daran bestens verdient hatten. Das Land- und das Industrieproletariat, beides sichtbar distinkte Klassen, wurden konsequent arm gehalten. Die Grenzen dessen, was fortan „middle classes“ genannt werden sollte, blieben ungenau und ein auskömmliches Leben dieser Aufsteiger aus dem Proletariat prekär. Dem maskulinen „American Dream“ wohnte schon immer eine gewisse menschenfeindliche Skrupellosigkeit inne.

Die Frauen der USA wollten sich nicht mehr von einer mal sanften, mal rabiaten Männerherrschaft als zweitklassige Wesen abtun lassen. Das passte einer in zwei Weltkriegen bis an ihre psychischen Grenzen geschundenen Männlichkeit gar nicht. Die rapide Urbanisierung ließ den provinziellen Großteil der USA immer weiter hinter sich. In den Städten trafen immer aggressiver harte soziale Gegensätze aufeinander, ausgenutzt von rassistischen, korrupten und unkontrollierten Polizeikräften. Während Washington dem Selbstbestimmungsrecht aller Völker das Wort predigte, behandelte die US-Außenpolitik je nach Laune jedes Land wie eine Kolonie.

Demokraten bei US-Wahlen: Aus der Not agiler als die Republikaner

Nach 1945 vernetzte sich die Welt kontinuierlich mehr, und die USA, die sich im Recht glaubten, diese Welt nach ihrem Bild formen zu können, sahen sich immer öfter aufmerksamer Kritik aus eben dieser Welt gegenüber. „The greatest generation“, die Veteraninnen und Veteranen des Zweiten Weltkrieges, wollten aber auch nicht mehr nur brav in die Fußstapfen ihrer Altvorderen treten, nicht mehr „business as usual“. Sie wollten ihre Welt selbstverantwortlich gestalten. Die Demokratische Partei – notwendigerweise agiler als die Republikaner, die meistens in Washington das Sagen hatten – schrieb sich die Anliegen der jungen USA auf ihre Fahnen.

Und so ging John F. Kennedy, dekorierter Kriegsheld, 1960 daran, die Welt im Geiste von Ausgleich, Respekt und Emanzipation in eine gemeinsam gestaltete Zukunft zu führen. Die Zeit dazu wurde ihm nicht gegeben. Die ihrer machtbewussten Selbstsicherheit beraubten Republikaner machten sich unterdessen zu Bannerträgern von Kapitalismus, Konservatismus, Frauen- und Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, auch teils Antisemitismus. Modernisierungen würde es mit ihnen nicht geben.

US-Wahlen: Fundamentale Vorstellungen bei Republikanern und Demokraten

An dieser Stelle gilt es einzuhalten und das jeweilige Wesen der US-Parteien zu verdeutlichen: Die fundamentalen Vorstellungen von Partei noch von vor der Gründung der Demokraten (1828) und Republikaner (1854) haben sich bis heute nicht groß verändert: Parteien sind Wahlvereine für ein Individuum, nicht für Grundwerte, Ideen oder Ideale. Die stellt das Individuum als die eigene Lebensauffassung vor und repräsentiert sie nicht für ein Kollektiv.

Das hat den Vorteil, dass ein politisch tätiger Mensch ganz ernsthaft anführen kann, nur seinem Gewissen gegenüber verantwortlich und also ein moralisch höherwertiger Lenker zu sein. Das kann gut ausgehen, wenn der Mensch sich seinen Mitmenschen verpflichtet fühlt. Das kann sehr schlecht ausgehen, wenn der Mensch sich nur sich selbst verpflichtet fühlt und Mitmenschen für Stimmvieh hält. Für das politische Leben der USA galt die meiste Zeit seit ihrer Gründung, so abwegig das klingt: Die Demokratische Partei ist Interessenverband der Sklavenhalter und wirtschaftlichen Freibeuter und eher isolationistisch. Die Republikanische Partei steht für Rassen-Emanzipation, für den starken Staat und für Reform, innen wie außen. Je nach Gusto und Chancen ordneten sich Politikerinnen und Politiker da oder dort ein.

Franklin D. Roosevelt verwandelt die USA fast in eine verlässliche Sozialdemokratie

Unter dem Eindruck des US-Imperialismus zwischen 1890 und 1960 ergaben die Republikaner sich nach und nach korrupter Klientelpolitik, während der demokratische Präsident Franklin D. Roosevelt mit seinem „New Deal“ in den 30er Jahren die USA fast in eine verlässliche Sozialdemokratie verwandeln konnte.

Vater des „New Deal“: US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Oval Office des Weißen Hauses.

Die Kennedys gaben also nicht die Initialzündung für die Öffnung der Demokraten, aber die Brüder repräsentierten die Erben einer neuen Welt und wollten diese verantwortungsvoll zukunftsfähig machen. Wie das hätte aussehen können, entwirft der Politologe, Historiker und Jurist Mitchell J. Freedman in seinem 2002 erschienen Was-wäre-wenn „A Disturbance of Fate“ über die Präsidentschaft Robert F. Kennedys von 1968 bis 1976. Der knapp einem Attentat Entronnene beendet als Präsident zuerst den Vietnamkrieg. Im Interesse der Umwelt wie einer nachhaltigeren Wirtschaftsordnung wird Schluss gemacht mit dem Auto-Fetisch der USA; dafür werden die Netze des öffentlichen Fern- und Nahverkehrs massiv ausgebaut, was wiederum zu mehr sozialer Mobilität führt. Washington setzt gegen die Interessen der Wirtschaftsbosse im Süden die Organisation von Gewerkschaftsvertretungen durch und beendet so die Rivalität zwischen weißen und schwarzen Landproletariern als Grundelement des Rassenhasses.

Joe Biden und Kamala Harris: Ein Buch als Blaupause für den Erfolg bei den US-Wahlen

Überhaupt werden die demokratisch gestärkten und aus den Klauen der Mafia befreiten Gewerkschaften zu einem der wichtigsten Antriebe für soziale Reformen. Die Waffennarren der National Rifle Association werden zu Umweltschützern umfunktioniert. Die verelendeten Innenstädte und segregierten Vororte werden mittels sozialer Wohnungsbauprojekte und bürgerrechtlicher Eingriffe in den privaten Immobilienmarkt gerettet.

Das sind keine naiven Träume – Freedman ist ein äußerst ernsthafter Träumer, ganz im Sinne der Kennedys. Die Modernisierungsepoche der USA in seinem Buch endet mit dem Wahlsieg eines republikanischen Populisten, der das Land in einen zweiten Bürgerkrieg stürzt. Es wäre nicht verwunderlich, würden die heute aktiven Demokraten wie Republikaner Freedmans Buch als Blaupause ihrer politischen Pläne nutzen.

US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden zieht 1969 in die Kreisversammlung ein

Im echten, nicht demokratisch dominierten Jahr 1969 gewann der demokratische Polit-Neuling Joe Biden – der noch kurz zuvor sich als „liberaler Republikaner“ gewähnt hatte – einen Sitz in seiner Kreisversammlung. Im Wahlkampf hatte er die Notwendigkeit von sozialem Wohnungsbau in Vororten zu seinem Thema gemacht. Als er drei Jahre später antrat, einen Sitz im Senat in Washington zu erobern, waren seine Themen Rückzug aus Vietnam, Bürgerrechte, Umwelt, Öffentlicher Verkehr, mehr Steuergerechtigkeit, Gesundheitsvorsorge und allgemein „Wandel“… Von dieser Programmliste ist, abgesehen von Vietnam, in den vergangenen 48 Jahren praktisch nichts nachhaltig realisiert worden, die wenigen zarten Ansätze für Reformen hat spätestens Donald Trump allesamt zertrampelt. Aber mag „Wandel“ in moderaten Reformschritten auch noch so schwer sein – er bleibt der demokratische Traum.

Neben den programmatischen Ingredienzien gibt der jetzige Wahlkämpfer Biden aber ein noch viel deutlicheres Signal, dass er fest in der Tradition der Kennedy-Träumer steht – seine erste markante Parole: 2020 kämpfe man „um die Seele der Nation“ – „a battle for the soul of the nation“. Exakt diese Worte benutzte Robert F. Kennedy 1968. Zufälle gibt es nicht in der Politik.

Damals noch Polit-Neuling: Joe Biden 1969 im US-Senat.

USA: Duell Donald Trump gegen Joe Biden ist kein Zufall

Und so ist auch das Duell Donald Trump gegen Joe Biden kein Zufall. Das hängt mit der Wasserscheide der US-Politik in den „Culture Wars“ zusammen. Politologen machen den Beginn dieses „Kulturkampfes“ in den 1960ern aus. Seitdem hat sich die US-Gesellschaft im Prinzip in zwei monolithische Blöcke separiert. Auf der demokratischen Seite stehen im Allgemeinen Frauen, Studierende, Einwanderer, Afroamerikaner und Minoritäten, die liberalere urbane Bevölkerung, Kunst und Kultur, Linke jedweder europäisch geprägten Couleur. Das ist das Wählerpotenzial von Joe Biden und Kamala Harris. Diese Gruppen auf den 3. November 2020 hin zu motivieren, ist dank der Exzesse des Trump-Lagers ein Leichtes.

Entscheidend werden die in ihren Bekenntnissen schwankenden Wählergruppen in den „Swing States“, den mal so, mal so wählenden Bundesstaaten, sein. Und ob die republikanische Nomenklatura überhaupt wählen lässt – besonders die Armen und Einwanderer, Afroamerikaner, Asiaten und Latinos. Bürgerrechte gehen in den USA nicht einher mit Wahlrecht. Gelingt es den Demokraten nicht, die angesichts einer ungewissen globalisierten Zukunft in ihrer Zustimmung schwankenden Rentnerinnen und Rentner sowie Ex-Proletarier (die durch die Corona-Pandemie nun noch einkommensschwächeren „middle classes“) für sich zu gewinnen, ist ihre Niederlage praktisch sicher. Aber wie Ted, der letzte überlebende Kennedy-Bruder am Grab von Robert 1968 sagte – und auch das ist ein Programm: „The dream shall never die.“ (Peter Rutkowski)

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