US-Wahl 2020

Vereint gegen Donald Trump: Joe Biden sucht Vizepräsidentin

  • Christian Stör
    vonChristian Stör
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Joe Biden tritt bei der US-Präsidentschaftswahl am 3. November gegen Donald Trump an. Offen ist noch, wer seine Vizekandidatin sein wird.

Washington – Für Joe Biden läuft derzeit alles nach Maß. Obwohl der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten in der Corona-Krise kaum in Erscheinung tritt, liegt der 77-Jährige rund drei Monate vor der Wahl am 3. November in sämtlichen Umfragen mehr oder weniger deutlich vor Amtsinhaber Donald Trump.

Aber allzu sehr verlassen sollte sich Biden darauf besser nicht. Die Erinnerung an das Ergebnis von 2016 dürfte noch allen Demokraten frisch im Gedächtnis sein. Auch damals lag Trump in den Erhebungen hinter Hillary Clinton, nur um am Wahltag dann doch zu triumphieren. Auch die Vergleiche mit früheren Wahlkampfjahren sollten Biden zu denken geben. So lag Michael Dukakis im Juli 1988 in einer Gallup-Umfrage stolze 15,3 Prozentpunkte vor George W. Bush. Präsident wurde schließlich Bush. 

Wahl 2020 in den USA: Amt der Vizepäsidentin wird zusehends wichtiger

Nicht ganz unwichtig erscheint in diesem Zusammenhang auch die Wahl der Vizepräsidentin. Gewiss, lange galt das Amt als wenig attraktiv. Viele Vizepräsidenten sprachen abfällig vom Amt, bcesonders hübsch ist das Bonmot von John Nance Garner, der unter Franklin Delano Roosevelt Vize war. Garner wird gerne mit dem Spruch zitiert, dass das Amt keinen Krug warme Pisse wert sei.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Rolle als wichtigste Beraterin des Präsidenten ist nicht zu unterschätzen. Und natürlich ist ein Vize auch immer ein potenzieller Präsident. Das galt für George W. Bush genauso wie für Joe Biden selbst, der unter Barack Obama als Vize diente. Zudem übernimmt ein Vize das Amt des Präsidenten, falls dieser unversehens ausscheidet. So sind beispielsweise Harry S Truman, Lyndon B. Johnson und Gerald Ford zu Präsidenten ernannt worden, ohne zunächst vom Volk selbst gewählt worden zu sein.

Kamala Harris könnte Vize unter Joe Biden werden.

Joe Biden sucht Vizepräsidentin: Kamala Harris gilt als Favoritin

Wer aber sind die Frauen, die er für das Amt der Vizepräsidentin in den vergangenen Monaten ins Auge genommen hat? Laut dem Insider-Wettplattform Predictit.org liegt eine Frau besonders gut im Rennen: Kamala Harris.

Die 55-jährige Senatorin aus Kalifornien ist für ihre scharfen Attacken bekannt. So griff sie im Vorwahlkampf der Demokraten ausgerechnet Joe Biden an, dem sie nichts weniger als Rassismus vorwarf. Bekannt geworden ist die Tochter eines Jamaikaners und einer Inderin., als sie den jetzigen Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh bei dessen Anhörung in die Mangel nahm. Deshalb wird ihr zugetraut, in einer TV-Debatte ihren republikanischen Gegenspieler Mike Pence ordentlich das Fürchten zu lehren. 

Ihre harte Haltung als Bezirksstaatsanwältin von San Francisco und Generalbundesanwältin von Kalifornien ist aber vielen Demokraten nicht ganz geheuer, vor allem die Parteilinke ist von ihr nur mäßig begeistert. Allerdings hat Kamala Harris in den vergangenen Jahren einen Schwenk nach links gemacht, unterstützt eine Reform der Polizei und plädiert dafür, die Steuern für die Mittelklasse zu senken. Mit Harris als Vize würde Biden wohl nicht viel verkehrt machen.

US-Wahl 2020 - Joe Bidens Vizekandidatin Nummer 2: Susan Rice

Ebenfalls hoch gehandelt wird Susan Rice. Mit keiner anderen Kandidatin ist Joe Biden besser vertraut als mit Rice, die von 2009 bis 2013 als UN-Botschafterin der Vereinigten Staaten und anschließend vier Jahre lang als Sicherheitsberaterin von Barack Obama tätig war. Schon in den 90ern hatten Rice und Biden zusammengearbeitet, sie als stellvertretende Staatssekretärin, er als Mitglied des Senatsausschusses für auswärtige Beziehungen. Allerdings ist die 55-Jährige als Wahlkämpferin noch nicht in Erscheinung getreten. Einzig 1988 war sie während des Präsidentschaftswahlkampfs für Michael Dukakis tätig. Und dieses Wahljahr ist den Demokraten auch heute noch unangenehm in Erinnerung (siehe oben).

Außerdem dürften sich die Republikaner bei einer Kandidatur von Rice die Hände reiben. Denn dann käme sicher eines ihrer Lieblingsthemen wieder auf den Tisch: der Anschlag auf das US-amerikanische Konsulat im libyschen Bengasi am 11. September 2012. Hier werfen ihr die Republikaner bei der Aufarbeitung komplettes Versagen vor.

Vizekandidatin Nummer 3: Elizabeth Warren

Elizabeth Warren hätte selbst gern Donald Trump herausgefordert. Doch noch immer scheint es eine Frau in den USA im Kampf um das höchste Amt des Landes schwer zu haben. In den Vorwahlen musste sie sich jedenfalls der Konkurrenz um Joe Biden, Bernie Sanders oder Pete Buttigieg deutlich geschlagen geben. Die frühere Juraprofessorin hat trotzdem viele Anhänger, zumal unter den Linken. Ihre vielleicht radikalste Idee im Vorwahlkampf war die „Ultra-Millionärssteuer“ auf Vermögenswerte von mehr als 50 Millionen Dollar.

Und natürlich würden sich die Demokraten auch auf die TV-Debatte zwischen Warren und Trumps Vize Mike Pence freuen. Im Vorwahlkampf nahm sie jedenfalls den ungeliebten demokratischen Präsidentschaftsbewerber Mike Bloomberg nach allen Regeln der Kunst auseinander. Zumindest politisch war er danach tot, wie auch ein findiger Geist meinte, der Bloombergs Wikipedia-Eintrag kurzzeitig entsprechend veränderte.

Vizekandidatin Nummer 4: Tammy Duckworth

Tammy Duckworth steht schon den ganzen Juli über im Rampenlicht. Verantwortlich dafür ist zum großen Teil Fox-News-Moderator Tucker Carlson, der die 52-Jährige im Zuge der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt als „Betrügerin“, „Vandalin“ und „Feigling“ bezeichnete, die im Grunde ihres Herzens die USA verachten würde. Dass Duckworth als Hubschrauberpilotin im Irak-Krieg im Einsatz war, dort beide Beine verlor und mit dem Purple Heart, dem Verwundetenabzeichen der US-amerikanischen Streitkräfte, ausgezeichnet wurde, schien ihn nicht weiter zu kümmern. Und natürlich machte auch Donald Trump dieses Spielchen mit, indem er Carlsons Rede auf Twitter munter verbreitete.

Eine Trump-Gegenspielerin macht sich immer gut als Vizekandidatin. Das sieht auch die Veteranenorganisation VoteVets so, die eine Empfehlung für Duckworth ausgesprochen hat und sie in einem Video als „verdammt hart“ lobte. Sie selbst, die politisch Biden sehr nahe steht, sieht sich jedenfalls bereit für den Kampf gegen die Republikaner: So wie sie könne sich niemand sonst gegen Trump behaupten, sagte sie der „New York Times“

Vizekandidatin Nummer 5: Karen Bass

Hoch im Kurs liegt auch Karen Bass, die seit 2011 den Bundesstaat Kalifornien als Abgeordnete im Repräsentantenhaus vertritt. Bass wurde lange Zeit nicht als ernsthafte Kandidatin für den Vizeposten in Betracht gezogen, doch das hat sich inzwischen geändert. Ein Grund dafür ist die Debatte über die Polizeireform, in der Bass eine führende Rolle spielt. Zudem setzt sie sich seit langem für eine bessere Kontrolle von privatem Waffenbesitz ein. Die 66-Jährige besitzt enorm viel Erfahrung, ist allerdings außerhalb von Kalifornien und Washington bei weitem nicht so bekannt wie die anderen Kandidatinnen.

Vizekandidatin Nummer 6: Val Demings

Auch Val Demings hat sich schon gegen Trump positioniert. Bereits Im Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten spielte die 63-Jährige eine prominente Rolle, doch vor allem nach dem Tod von George Floyd hat die Abgeordnete des Repräsentantenhauses eindeutig Position gegen Trump bezogen. Die frühere Polizeichefin von Orlando bezeichnete ihn als Spalter und fragte ihn direkt, ob er überhaupt verstehe, dass das Land in Flammen stehe.

Und noch ein Punkt spricht für die langjährige Aktivistin aus Jacksonville. Sie stammt aus einem der wichtigsten Bundesstaaten im Kampf um die Präsidentschaft. Sollte Biden in Florida gewinnen, dürfte ihm der Einzug ins Weiße Haus kaum zu nehmen sein. Demings könnte ihm die nötigen Stimmen dafür verschaffen.

Vizekandidatinnen mit Außenseiterchancen

Stacey Abramsehemalige Gouverneurskandidatin für Georgia
Tammy BaldwinSenatorin aus Wisconsin
Keisha Lance Bottoms Bürgermeisterin von Atlanta
Michelle Lujan GrishamGouverneurin von New Mexico
Maggie HassanSenatorin aus New Hampshire
Gina RaimondoGouverneurin von Rhode Island
Gretchen WhitmerGouverneurin von Michigan

US-Wahlen 2020 - Aus dem Vize-Rennen ausgeschieden: Amy Klobuchar

Amy Klobuchar galt noch im März als Favoritin auf den Posten der Vizepräsidentin. Doch die Senatorin aus Minnesota, die als Vertreterin eines moderaten und pragmatischen Kurses gilt, hat schon im Juni ihre Kandidatur zurückgezogen. „Das ist ein historischer Moment, und Amerika muss diesen Moment nutzen“, sagte Klobuchar. Sie habe Biden angerufen und ihm gesagt, „dass dies der Moment ist, um eine ‚Frau Of Color‘ dafür in Betracht zu ziehen“.

Wann Biden seine Vizekandidatin bekanntgeben wird , ist noch nicht ganz klar. Ganz sicher jedenfalls vor dem Parteitag der Demokraten, der am 17. August in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin beginnen wird, wahrscheinlich aber schon etwas früher, vielleicht schon in den ersten Augusttagen.  (Christian Stör)

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