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USA: Abtreibungsgegnerin ruft „Mütterfarm“ ins Leben

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Von: Sonja Thomaser

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Eine Kundgebung für Abtreibungsrechte vor dem Obersten Gerichtshof der USA.
Eine Kundgebung für Abtreibungsrechte vor dem Obersten Gerichtshof der USA. © Jacquelyn Martin/dpa

Eine Texanerin setzt sich für eine Zukunft ohne Abtreibung ein. Auf einer „Mütterfarm“ soll ungewollt Schwangeren geholfen werden - geknüpft an fundamentalistische Werte der Kirche.

Argyle - An einem Septembermorgen in diesem Jahr startete Aubrey Schlackman das, was ihr als Projekt für eine neue „Kultur des Lebens“ vorschwebt. Vor einem Café im texanischen Dallas baute die evangelikale Christin ihren Klapptisch auf und legte Fotos von Frauen mit ihren Babys aus. „Spenden Sie heute“ stand auf einem Schild. Ihr Ziel: 10.000 Dollar für den Start der „Blue Haven Ranch“. Eine christliche Farm für werdende Mütter in Not als Alternative zur Abtreibung. Vier Monate zuvor hatten die texanischen Gesetzgeber ein Gesetz verabschiedet, das die meisten Abtreibungen im Bundesstaat verbietet.

Ihre Initiative ist so ungewöhnlich in dem polarisierten Kulturkampf um den Zugang zur legalen Abtreibung in den USA, dass die Washington Post unlängst prominent darüber berichtete. Die Idee kam Schlackman im vergangenen Jahr, als der Zugang zu Abtreibungen in Texas noch nicht derart beschränkt war wie heute. Auf einer ihrer Einkaufstouren morgens durch die nördlichen Vororte von Dallas hatte die 34-jährige Mutter zweier Kinder plötzlich eine Vision: „Eine Mütterfarm“. Bei ihrem Mann Bryan lief Schlackmann offene Türen ein. „Genau das werden wir tun“, antwortete er und die Idee von der „Blue Haven Ranch“ war geboren.

Abtreibungsgegner in den USA: „Schwanger, weil Gott es so gewollt hat“

Ihre Vision ist eine Alternative zum Gang in die Abtreibungsklinik. Eine christliche Oase solle die Farm sein, in der Frauen im ersten Lebensjahr ihres Neugeborenen stressfrei leben können. Es würde individuelle Häuschen für Mütter und „Gasthäuser“ für Paare geben, die unter christlichen Regeln „gesunde“ Ehen modellieren sollen. Für die gemeinsamen Mahlzeiten soll es eine Gemeinschaftsscheune geben. Und natürlich: Bibelstudium. 

Es soll ein Ort der christlichen Entfaltung sein. „Sie haben mich ermutigt, dass es kein Fehler war, schwanger zu werden, sondern dass Gott es so gewollt hat“, so eine der ersten werdenden Mütter laut Washington Post, die Schlackman vom Gang zur Abtreibungsklinik abgehalten hat.

Gründerin der Mütterfarm: Abtreibungen seien „Völkermord an Kindern“

Die Trump-Wählerin glaubt fest daran, dass legale Abtreibungen zu einem „Völkermord an Kindern“ geführt haben, so die Washington Post. Sie glaubt, dass der beste Weg, dies zu beenden, nicht nur darin besteht, Frauen zu unterstützen, sondern ihnen auch zu helfen, sich selbst so zu sehen, „wie Gott es beabsichtigt hat“. Schlackmann findet, dass „Glauben Handeln erfordert“ und sieht sich als „für den gegenwärtigen Moment bestimmt“ an. „Was ist, wenn Texas am Ende ein Modell für die Zukunft wird? Und anstatt hohe Abtreibungsraten zu haben, was wäre, wenn wir alleinerziehenden Müttern helfen, stärkere Mütter zu werden, erfolgreich zu werden?“, sagte sie der Washington Post.

Die Idee, alleinerziehenden, schwangeren Frauen einen Platz zu bieten, ist nicht neu. Sie geht auf eine Zeit zurück, bevor Abtreibungen legal wurde und sogenannte „Heime für unverheiratete Mütter“ oft die einzige Möglichkeit für Frauen – meist weiße Frauen – waren, im Geheimen zu gebären und soziale Skandale zu vermeiden. Die Heime wurden oft von Institutionen wie der Heilsarmee, Orden katholischer Nonnen und evangelikalen Kirchen betrieben. Sie waren oft trostlose Orte, an denen Frauen missbraucht und beschämt wurden.

Fundamentalistische christliche Werte als Grundstein der Mütterfarm

Schlackmanns Mütterfarm soll aber nicht so werden. Ihr schwebt ein Ort der Befreiung vor - geknüpft an das Wertesystem der Kirche. Schlackmanns Kirche, Village Church, eine der vielen beliebten Megakirchen in einem Vorort von Dallas, hat bereits 2017 eine 64-seitige Stellungnahme zur Rolle der Frau und Abtreibungen herausgegeben.

Darin steht laut Washington Post, dass Gott genau zwei Geschlechter geschaffen habe, männlich und weiblich, die „in Wesen, Würde und Wert gleich sind“, während sie „unterschiedliche, aber sich ergänzende Rollen“ haben. Männer sollten „Beschützer“ und „Versorger“ sein. Frauen sollten „Helferinnen“ und „Lebensspenderinnen“ sein. In der Kirche bedeute dies, dass die obersten Führungspositionen Männern vorbehalten seien. In der christlichen Ehe, die von der Kirche als zwischen Mann und Frau definiert wird, bedeute dies, dass Männer führen sollen. In der Politik bedeute es eine unnachgiebige Konzentration auf die Beendigung der Abtreibungen, die die Kirche nicht nur als Mord, sondern auch als „groteske Verzerrung von Gottes Plan für die Menschheit“ ansieht.

Texas: Strengestes Abtreibunsggesetz in den USA

Das sieht der Staat Texas ähnlich. Hier gilt seit September das strengste Anti-Abtreibungsgesetz der USA. Es verbietet Schwangerschaftsabbrüche ab dem Zeitpunkt, zu dem der Herzschlag des Fötus festgestellt werden kann, also etwa ab der sechsten Schwangerschaftswoche. Viele Frauen wissen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass sie schwanger sind. Selbst im Fall einer Vergewaltigung oder bei Inzest sieht das Gesetz keine Ausnahmen vor.

Für Empörung sorgt, dass nicht die texanischen Behörden die neuen Regelungen durchsetzen sollen, sondern Privatleute. Bürger:innen werden ermutigt, Menschen zu verklagen, die sie verdächtigen, Frauen bei einer Abtreibung nach der sechsten Woche geholfen zu haben. Neben Abtreibungskliniken und deren Angestellte könnte dies auch Verwandte oder einen Taxifahrer treffen, der eine Schwangere zur Klinik gebracht hat. Die Kläger:innen erhalten im Falle einer Verurteilung 10.000 Dollar.

Kirche gegen Abtreibung nach Vergewaltigung

Schlackmann war an einem Sonntag nach Inkrafttreten dieses sogenannten Herzschlaggesetzes in der Kirche, als ihr Pastor Fragen zur richtigen christlichen Reaktion auf Frauen stellte, die nach einer Vergewaltigung schwanger werden. „Das bricht mir das Herz“, sagte der Pastor laut Washington Post der Versammlung. „Aber die Antwort kann nicht sein: ‚Nun, lass uns das Baby töten.‘ Die Antwort der Kirche lautet: „Lasst uns an deiner Seite sein und dich lieben und mit dir gehen und dir auf jede erdenkliche Weise helfen, mit unserem Geld, mit unseren Häusern.“ Als sie die Worte hörte, spürte Aubrey Schlackman eine Welle der Ermutigung. Es war genau das, was sie und ihr Mann Bryan bereits versuchten.

Die Schlackmans sind der Überzeugung, dass der Bau einer Mütterfarm Gottes Plan für ihr Leben sei. Im Januar begann das Ehepaar mit ihrer Suche nach Frauen, die Hilfe brauchten. Zu Beginn waren es vier Frauen: eine schwangere alleinerziehende Mutter zweier Kinder im Teenageralter, eine 33-jährige Managerin einer RaceTrac-Tankstelle, eine 27-Jährige, die als medizinische Rechnungsstellerin arbeitete und eine Friseurin, der sich vor ihrem gewalttätigen Freund versteckte. Sie alle unterzeichneten laut Washington Post Vereinbarungen zur Teilnahme an einer Reihe von Aktivitäten, beginnend mit einem 12-wöchigen Bibelstudium.

Schlackmans Pläne nehmen Gestalt an, ihr Spendentopf wächst. Ende November hatte sie schon mehr als 120.000 Dollar gesammelt. Sie hat bereits ein Grundstück für die Mütterfarm im Visier. Auf bis zu einhundert Hektar Land könnten darauf 15 bis 20 Häuser für werdende und junge Mütter entstehen, hofft Schlackman. 

Supreme Court befasst sich am Mittwoch mit Recht auf Abtreibung

Am Mittwoch (01.12.2021) wird sich der Supreme Court mit dem Abtreibungsgesetz des Südstaates Mississippi befassen, das Schwangerschaftsabbrüche nach der 15. Woche verbietet. Die Verfassungsrichter:innen am konservativ dominierten Supreme Court könnten dann ein fast 50 Jahre altes Grundsatzurteil zur Legalisierung von Abtreibungen kippen oder zumindest einschränken.

Befürworter des Rechts auf Abtreibungen sind alarmiert. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass der Supreme Court den Fall überhaupt angenommen hat“, sagt Shannon Brewer, die Leiterin der einzigen Abtreibungsklinik in Mississippi. „Das sagt mir viel darüber, in welche Richtung wir gehen.“ Auch die Regierung von Präsident Joe Biden hat sich eingeschaltet. „Eine Frau gegen ihren Willen zu einer Fortsetzung einer Schwangerschaft zu zwingen, ist ein schwerwiegender Eingriff in ihre Willensfreiheit, ihre körperliche Integrität und ihre Gleichrangigkeit in der Gesellschaft“, schrieb das Justizministerium an den Supreme Court.

Abtreibunsgrecht in den USA: Supreme Court könnte Roe v. Wade aufheben

Das Abtreibungsgesetz im Bundesstaat Mississippi, der im religiös-konservativ geprägten „Bibelgürtel“ im Südosten der USA liegt, ist mit seiner 15-Wochen-Grenze zwar weniger streng als das in Texas. Es ist aber dieses Gesetz, das der Supreme Court jetzt zum Anlass nimmt, sich erneut mit dem Grundsatzurteil Roe v. Wade des Jahres 1973 zu befassen.

Damals hatte der Supreme Court das Recht von Frauen auf eine Abtreibung festgeschrieben. 1992 wurde das historische Urteil im Grundsatz bestätigt. Als Richtlinie gilt, dass Abtreibungen grundsätzlich so lange erlaubt sind, bis der Fötus außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre. Das ist etwa nach 22 bis 24 Schwangerschaftswochen der Fall. Zum Vergleich: In Deutschland sind Schwangerschaftsabbrüche nach einer Beratung bis zwölf Wochen nach Empfängnis straffrei.

Das 2018 in Mississippi beschlossene Abtreibungsgesetz verstößt folglich - wie auch das seit September geltende weitgehende Abtreibungsverbot in Texas - gegen Roe v. Wade. Es wurde deswegen von Gerichten als verfassungswidrig eingestuft und blockiert. Jetzt hat der Supreme Court das letzte Wort.

Völlig offen ist, wie weit die Richter:innen in ihrem Urteil gehen werden - ob sie Roe v. Wade komplett aufheben, nur bestimmte Einschränkungen vornehmen oder vielleicht doch unangetastet lassen. Bis zu einem Urteil könnten noch Monate vergehen: Der Supreme Court hat für eine Entscheidung Zeit bis kommenden Juni. (Sonja Thomaser mit kna/afp)

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