Die Wut der Demonstranten bricht sich nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd auch in Los Angeles Bahn.
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Die Wut der Demonstranten bricht sich nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd auch in Los Angeles Bahn.

George Floyd

USA: Rassismus und Polizeigewalt - eine Geschichte mit langer Tradition

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
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Der Tod von George Floyd und ein Polizeiruf in New York. Zwei unterschiedliche Vorfälle zeigen, wie sehr Rassismus in den USA Teil des Gesellschaftssystems ist.

  • Der Mord an George Floyd und ein Polizeianruf im New Yorker Central Park: Zwei unterschiedliche rassistische Vorfälle der vergangenen Woche lösen in den Vereinigten Staaten Wut und Trauer aus
  • Doch Rassismus und Polizeigewalt sind in den USA schon lange Teil der Gesellschaft
  • Die Corona-Krise offenbart nun, wie gravierend das Problem ist

Dass die Corona-Krise die tiefen Risse im sozialen Gefüge der USA kitten könnte, erwies sich spätestens in dieser Woche als Trugschluss. Die Schlagzeilen vom vergangenen Dienstag haben solche Illusionen endgültig pulverisiert. Aus Minneapolis tauchte ein Smartphone-Video auf, in dem zu sehen ist, wie ein schwarzer Mann langsam und qualvoll von einem Polizisten getötet wird. Sechs Minuten lang kniet der Beamte Derek C. auf dem Hals von George Floyd, während dieser darum fleht, aus dem Würgegriff entlassen zu werden. Dann hört Floyd auf, sich zu bewegen.

Polizeigewalt in den USA: Rassismus tief verankert

Es sind Bilder, wie sie die Amerikaner allzu gut kennen. Erst sechs Jahre ist es her, dass in New York Eric Garner mit den gleichen Worten im Schwitzkasten von vier Beamten starb wie nun George Floyd: „I can’t breathe.“ („Ich bekomme keine Luft.“) Die Liste der Opfer rassistischer Polizeigewalt, die in den vergangenen Jahren publik gemacht wurde, ist lang: Trayvon Martin, Michael Brown, Tamir Race, Philando Castile, Freddy Grey – das waren nur die prominentesten Fälle. 

Man geht davon aus, dass in den USA bis zu 1000 Angehörige von Minderheiten pro Jahr durch Polizeigewalt sterben. Wie viele davon Opfer exzessiver, rassistisch motivierter Gewalt sind, lässt sich in den vielen Fällen, in denen keine Kamera mitlief, nicht rekonstruieren. Höchst selten werden Polizisten juristisch belangt.

Rassistische Polizeigewalt hat in den USA Tradition

Natürlich existiert das Phänomen der Polizeigewalt gegen Minderheiten in den USA nicht erst, seit es Smartphone-Kameras gibt. Die Rassenunruhen in Detroit, Los Angeles und Newark in den 1960er Jahren wurden durch das gleiche Gefühl der Afroamerikaner ausgelöst, der Staatsgewalt schutzlos ausgeliefert zu sein. Zu Beginn der 90er Jahre mündete das brutale Niederknüppeln von Rodney King in Los Angeles in einem einwöchigen Aufstand.

Männliche Afroamerikaner leben in der Erwartung, jederzeit Opfer solcher Gewalt werden zu können. So schrieb der schwarze Intellektuelle Ta-Nehisi Coates 2015 in einem offenen Brief an seinen Sohn: „Spätestens jetzt weißt Du, dass die Polizeireviere Deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, Deinen Körper zu zerstören. Und Zerstörung ist auch nur die Steigerung einer Herrschaft, die Filzen, Festnehmen, Schlagen und Demütigen vorsieht. All das ist normal für Schwarze.“

In diesem Ausschnitt aus einem Video vom 25. Mai 2020 kniet ein Polizist aus Minneapolis auf dem Hals eines Mannes in Handschellen, der flehte, dass er nicht atmen könne. Vier Beamte aus Minneapolis, die an der Verhaftung eines George Floyd beteiligt waren, der in Polizeigewahrsam starb, wurden am Dienstag entlassen.

Wut und Trauer nach dem Mord an George Floyd - Der Rassismus in USA trifft Minderheiten auf allen Ebenen

Coates gilt als Protagonist dessen, was in den USA heute als Afropessimismus bezeichnet wird. Er zeigt in seinen Arbeiten immer wieder auf, dass Rassismus in den USA kein Übel ist, dass leicht zu beseitigen wäre, sondern eines, das für das Land konstitutiv ist. „In Wahrheit“, schreibt er, „ist es so, dass die Polizei ein Spiegel Amerikas ist, und was auch immer wir vom Strafrecht dieses Landes halten, man kann nicht behaupten, es sei von einer repressiven Minderheit durchgedrückt worden.“

Für Coates’ Pessimismus gibt es in diesen Tagen mehr Anlass als je zuvor. Wer geglaubt hat, in der Corona-Krise habe Amerika seine dunkle Seite abgeschüttelt, der wurde in dieser Woche eines Besseren belehrt. Ein Vorfall im New Yorker Central Park spiegelte und ergänzte das Verbrechen an George Floyd auf beinahe unheimliche Art und Weise. Dort rief ebenfalls am Dienstag eine weiße Spaziergängerin die Polizei, weil sie sich von einem schwarzen Mann bedroht fühlte.

Wo ein Polizeiruf tödlich enden kann: Das Rassismusproblem der USA

Im Vergleich zu den Ereignissen von Minneapolis mochte die Episode harmlos erscheinen. Doch für Afroamerikaner offenbarte sie dieselbe schmerzliche Wahrheit. In dem Video, dass der Mann, ein überhaupt nicht bedrohlich wirkender Hobbyornithologe, aufnahm, ist zu sehen, wie die Frau hysterisch in das Telefon schreit, dass „ein Afroamerikaner“ hinter ihr her sei. Für schwarze Amerikaner lässt ein solches Verhalten alle möglichen Warnlampen anspringen. Die Frau wusste instinktiv, dass man ihre Ängste bei der Polizei ernster nehmen würde, wenn sie ihren vermeintlichen Angreifer als schwarz identifiziert. Damit gefährdete sie aufgrund ihrer rassistisch motivierten Ängste das Leben des Mannes, der wie jeden Tag im Park unterwegs war, um Vögel zu beobachten.

Vorfälle wie dieser haben nicht erst in den vergangenen Jahren in den USA einen tödlichen Ausgang. Die lange und grausame Geschichte von Lynchmorden ist voll von weißen Frauen, die sich irrational von schwarzen Männern bedroht fühlen. Der traumatischste solcher Vorfälle war 1955 der Tod des 14 Jahre alten Emmett Till, der angeblich eine weiße Frau in Mississippi lüstern angeschaut hatte. Till wurde grausam an ein Auto gebunden und zu Tode geschleift. Der Vorfall war eines der Ereignisse, das zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre führte.

Die Wut der Demonstranten bricht sich nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd auch in Los Angeles Bahn.

Minderheiten am stärksten betroffen: Corona-Krise offenbart den Rassismus in den USA noch mehr

So war kurz nach dem Ausbruch des Coronavirus in den USA klar, dass er die Minderheiten des Landes besonders stark trifft. Die Verschränkung von Rasse und sozioöknomischer Benachteiligung richtete bei der afroamerikanischen Bevölkerung katastrophale Schäden an. Die Gründe liegen in niedrigen Einkommen, einem mangelhaften Zugang zu medizinischer Versorgung und beengten Wohnquartieren.

Viele Afroamerikaner sind trotz Pandemie dazu gezwungen, zur Arbeit zu gehen. Die Gefängnisbevölkerung, die besonders gefährdet ist, ist überproportional afroamerikanisch – ebenfalls die Folge eines rassistischen Strafrechtssystems. Der Kolumnist Adam Serwer beschreibt im „Atlantic Magazine“ diese vorhersehbaren Statistiken als Teil des „Rassenvertrags“ in Amerika, den er als Ergänzung zum Sozialvertrag sieht. In Amerika habe man sich in unsichtbarer Tinte darauf geeinigt, dass die afroamerikanische Minderheit nicht im selben Maß an der Gesellschaft Teil hat wie die weiße Mehrheit. Zuerst, so Serwer, habe Präsident Donald Trump* das Virus vollkommen ignoriert. Dann gab es eine Phase, in welcher er sich als Krisenmanager inszenieren wollte. Nun, da klar ist, dass in der Hauptsache die ärmere und schwärzere Bevölkerung betroffen ist, kann er gar nicht schnell genug die Wirtschaft wieder anwerfen.

Unausrottbar: Die USA inmitten von Rassismus und Polizeigewalt

So hat die Corona-Krise bislang, wie Ex-Präsident Barack Obama bei einer Ansprache vor schwarzen Studierenden am vergangenen Wochenende sagte, die Decke von den tiefen ungelösten Problemen des Landes zurückgezogen: allen voran dem unausrottbaren Rassismus. Zusammengerückt wird bislang alleine im Kleinen, in einzelnen Akten der Güte und der Solidarität.

Was Amerika bleibt, ist das, was Ta-Nehisi Coates seinem Sohn mitgegeben hat: „Dies ist Dein Land, dies ist Deine Welt, Dies ist Dein Körper, und Du musst irgendeine Art und Weise finden, darin zu leben.“

Von Sebastian Moll

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*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen Digital Netzwerks. 

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