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Passagier mit Guy-Fawkes-Maske: Ein Occupy-Teilnehmer im Oktober 2011 auf einem Bahnsteig der New Yorker U-Bahn.
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Passagier mit Guy-Fawkes-Maske: Ein Occupy-Teilnehmer im Oktober 2011 auf einem Bahnsteig der New Yorker U-Bahn.

Kalle Lasn

„Occupy Wall Street“-Initiator: „Weltrevolution wird aus Hoffnungslosigkeit und Zorn geboren“

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
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Der kanadisch-estnische Filmemacher Kalle Lasn gilt als Vater der „Occupy Wall Street“-Bewegung. Ein Gespräch über die Mutlosigkeit der Linken und die Wirkungsmacht von Kürbiskuchen.

Frankfurt - Im Juni 2011 rief das von Kalle Lasn herausgegebene Magazin „Adbusters“ dazu auf, die New Yorker Wall Street zu besetzen. Im September jenes Jahres folgten Aktivistinnen und Aktivisten aus der ganzen Welt dem Appell. Lasn, ein Veteran der 68er-Bewegung, gründete 1989 im kanadischen Vancouver „Adbusters“ mit dem Ziel, den Konsumkapitalismus mit der Taktik des „Culture Jamming“ zu unterwandern: Darunter verstanden Lasn und sein Partner Micah White etwa das Veröffentlichen von Anzeigen und Werbefilmen mit einer antikapitalistischen Botschaft. Zum zehnten Jubiläum von „Occupy Wall Street“ ruft „Adbusters“ nun zu „Occupy 2.0“ auf.

Herr Lasn, die aktuelle Ausgabe von „Adbusters“ proklamiert auf dem Titel: „Occupy 2.0“. Wie stellen Sie sich die Neuauflage von Occupy vor?

Wir haben das Gefühl, dass die erste Auflage von Occupy vor zehn Jahren nur eine Probe war für größere Dinge. Occupy ist ein wenig im Sande verlaufen, und wir glauben hier, dass wir weiter unsere Köpfe gegen die Wand hauen sollten. Bei Occupy vor zehn Jahren ging es in erster Linie um die Finanzwelt. Bei Occupy 2.0 soll es mehr um die Klimakrise gehen und darum, dass unsere Anführer korrupt sind. Wir glauben nicht mehr daran, dass beim Klimagipfel in Glasgow wirklich irgendetwas Bedeutsames passiert. Unsere Anführer haben nicht vor, tatsächlich die Probleme zu lösen. Es liegt an uns, etwas zu tun. Deshalb haben wir uns die Kürbiskuchen-Rebellion ausgedacht.

Die was?

Es geht darum, dass jeder Politiker, der nicht die Klimaziele erreicht, die er verspricht, einen Kürbiskuchen ins Gesicht bekommt. Das klingt vielleicht ein wenig pubertär, aber ich denke, dass im Vorfeld von Glasgow viele solcher Aktionen stattfinden werden. Wenn in Glasgow wieder nichts passiert, werden die Leute sehr, sehr zornig sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass es dann ein zweites Occupy gibt.

„Occupy Wall Street“: Filmemacher Kalle Lasn äußert sich zu Kritik

Occupy wurde dafür kritisiert, dass es, wie Sie sagen, im Sande verlaufen ist. Ihr ehemaliger Mitstreiter Micah White hat es als „konstruktives Scheitern“ bezeichnet, weil Occupy nie wirklich die existierenden Machtstrukturen angetastet habe. Wie sehen Sie Occupy heute, im zeitlichen Abstand von zehn Jahren?

Ich fand es einen fantastischen Erfolg. Ich habe nie erwartet, dass wir alle unsere Probleme lösen. Aber es war ein wunderbarer Schritt nach vorne. 1968 hatten wir in Paris den Beginn einer echten Weltrevolution, und in den ersten Wochen von Occupy Wall Street hatte ich wieder dasselbe Gefühl wie damals als Student, dass das Volk Macht besitzt und die Dinge verändern kann. Occupy hat doch eine ganze Generation von jungen Leuten rund um die Welt politisiert. Ich denke, anstatt darüber zu reden, wie Occupy gescheitert ist, sollten wir darüber nachdenken, was wir als Nächstes tun können.

Sie sagen, Occupy hat eine Generation politisiert. Aber was hat Occupy denn konkret erreicht?

Ich denke, dass diese Generation, gerade in den USA, unheimlichen Druck auf die politische Führung ausübt. Wir haben heute Bernie Sanders und eine sehr mächtige Linke innerhalb der demokratischen Partei. Genauso, wie es eine globale rechtspopulistische Bewegung gibt, gibt es heute eine mächtige globale linke Bewegung, die sich um die Klimakrise herum formiert. Wir leben in sehr gefährlichen Zeiten, und was Occupy Wall Street vor zehn Jahren begonnen hat, geht weiter. Die nächsten Jahre werden sehr interessant.

Sie zeichnen in „Adbusters“ ein sehr düsteres Bild unserer Zeit und unserer Zukunft. Wie kann denn die Linke die Horrorszenarien verhindern, auf die wir Ihrer Meinung nach zusteuern?

Wir sind heute in einer viel schlimmeren Lage als noch vor zehn Jahren, die Klimakrise ist extrem bedrohlich. Ich denke, junge Leute haben begriffen, dass sich nichts ändert, wenn sie nicht aufstehen. Wenn die Dinge noch schlimmer werden, dann werden die Menschen bereit sein, die Äxte von der Wand zu nehmen. Ich sehe, dass die jungen Menschen immer mehr ihre Lethargie und ihren Zynismus überwinden. Es wird einen neuen, dynamischen, revolutionären Moment geben.

Vater der „Occupy Wall Street“-Bewegung: Kalle Lasn im Interview

Und Sie glauben, dass das mit Kürbiskuchen beginnt?

Natürlich verändern Kürbiskuchen an sich nichts. Aber es kann einen katalytischen Moment in Gang setzen, der die Menschen aufweckt. Es ist zumindest ein symbolischer Versuch, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Menschen wollen endlich konkrete Resultate sehen. Sehen Sie, man kann eine Weltrevolution nicht planen. Sie passiert, wenn die richtigen Umstände zusammenkommen. Und ich bin davon überzeugt, dass uns ein solcher Moment bevorsteht. Dinge wie Occupy oder die Kürbiskuchen-Rebellion sind nur Schritte auf dem Weg dorthin. Man darf da nicht allzu rational herangehen. Die Weltrevolution ist eine sehr emotionale Geschichte. Sie wird aus Hoffnungslosigkeit und Zorn geboren.

Würden Sie auf dem Weg zur Weltrevolution denn Gewaltanwendung ausschließen?

Wir haben kein Problem mit Gewalt gegen Dinge und Besitz. Wir werfen auch Torten oder Eier. Aber wir ziehen tatsächlich eine Linie, wenn es an Gewalt gegen Menschen geht. Wir heben gerne zivilen Ungehorsam auf eine neue Ebene. Aber wir greifen keine Personen an.

Kalle Lasn, geboren 1942 in Tallinn, Estland, drehte zahlreiche Dokumentarfilme und Werbespots, etwa über das Verschwinden der Regenwälder im Pazifischen Nordwesten.

Wie sehen Sie heute die globale Linke? Ist es tatsächlich eine einheitliche Bewegung, die zu so etwas wie einer Revolution fähig ist?

Die Linke war für eine sehr lange Zeit vollkommen nutzlos. Für mich ist das Problem, dass die Linke mutlos ist. Wir müssen über die Leiche der alten Linken hinwegsteigen und kühne neue Strategien entwickeln. Occupy war eine solche Strategie. Unseren Anführern Ultimaten zu stellen, wäre eine andere solche Strategie. Die Kürbiskuchen-Rebellion kann die Dinge in die richtige Richtung bewegen. Die politische Linke ist in der Vergangenheit stecken geblieben. Sie gehen auf die Straße und rufen dieselben alten Parolen und singen dieselben alten Hippie-Lieder. Die traditionelle Linke kotzt mich ehrlich gesagt an. Sie ist in Political Correctness und Zynismus verhaftet, während die populistische Rechte eine unglaubliche Dynamik an den Tag legt.

Occupy: Kalle Lasn über die Fans von Donald Trump und „Black Lives Matter“

Sie denken, dass die Linke von den Donald Trump-Fans, die das Kapitol in Washington im Januar dieses Jahres gestürmt haben, lernen kann?

Natürlich bewundere ich diese Leute nicht, ich finde, dass sie eine Katastrophe sind. Aber Trumps Fähigkeit, aus der Hüfte zu schießen, aus dem Bauch heraus zu den Menschen zu sprechen, das ist etwas, wovon wir lernen können. Wir auf der Linken haben die richtigen Ideen, aber wir haben nicht den Mut, diese Ideen zum Leben zu erwecken. Die Leute auf der Rechten haben Scheißideen, aber sie haben den Mumm, sie lebendig zu machen. Das ist einer der Gründe, warum sich die Welt heute in einer solchen Pattsituation zwischen links und rechts befindet.

Es geht also darum, weniger intellektuell und mehr gefühlsbetont, instinktiv zu agieren?

Wir brauchen einen ästhetischen Wandel. Wir müssen aus der zynischen, kommerziellen Konsumkultur ausbrechen. Die Linke ist seit Jahrzehnten depressiv. Wir müssen jene Dynamik wiedergewinnen, an die ich mich erinnere, als ich vor 50 Jahren Student war. Damals war die Linke lebendig, sie hatte nicht nur die richtigen Ideen, sondern sie konnte einem auch zeigen, wie man sein Leben leben soll.

Wie haben Sie die weltweiten „Black Lives Matter“-Demonstrationen im vergangenen Jahr erlebt?

Das war immerhin eine globale Mobilisierung, aber es ging um ein ganz spezielles Thema. Es ging um die Hunderte von Jahren andauernde Unterdrückung von Schwarzen. Natürlich stehe ich voll dahinter, genauso wie ich hinter der #Metoo-Bewegung stehe. Gleichzeitig ist die Menschheit in einer existenziellen Krise. Während wir Schwarze Menschen und Frauen befreien, müssen wir uns auch aus dieser Krise befreien. Ich habe den Eindruck, dass nicht genügend Leute ihren Blick auf den großen Preis gerichtet haben.

„Occupy Wall Street“: Müssen sich Linke stärker auf Klimawandel konzentrieren?

Sie glauben, dass sich alle Anstrengungen der Linken auf den Klimawandel konzentrieren müssen?

Ich schlage jeden Morgen die „New York Times auf“ und denke mir: „Was zum Teufel ist denn da los?“ Da wird über alles Mögliche gequatscht, aber die Tatsache, dass die Menschheit sich in einem Alarmzustand befindet, geht in all dem Rauschen unter. Wir stürzen doch gerade in ein sehr dunkles Zeitalter ab, aber die wenigsten Menschen nehmen das wirklich ernst.

Warum glauben Sie, dass die Menschen die Dringlichkeit nicht begreifen?

Wir haben ein System, in dem Politiker nur für kurze Zeit ins Amt gewählt werden, und das Einzige, wofür sie sich interessieren, ist, wiedergewählt zu werden. Niemand interessiert sich dafür, wie heiß der Planet in 20 Jahren sein wird. Darüber hinaus vermischen wir Kommunikation mit Kommerz, und das ist ein Systemfehler. Innerhalb dieses Systems interessiert sich keiner mehr dafür, was wirklich vor sich geht in der Welt. Es geht nur noch darum, was gerade auf Twitter trendet. Unsere Demokratie ist kaputt, und unsere Medien sind kaputt, und das erzeugt eine traurige Situation.

„Adbusters“ versucht ja seit Jahrzehnten, in diesem System zu intervenieren. Wie erfolgreich, glauben Sie, sind Sie dabei?

Nun, wir haben Occupy aus der Taufe gehoben. Wir haben alle möglichen erfolgreichen Kampagnen gehabt, wie etwa jene, bei der wir Grafikdesigner zur sozialen Verantwortung aufgerufen haben. Und ich glaube, unser großer Moment steht uns kurz bevor.

Interview: Sebastian Moll

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