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Fed nimmt im Kampf gegen Inflation hohe Arbeitslosigkeit in Kauf

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Von: Johanna Soll

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Das wichtigste Wahlkampfthema in den USA ist die Wirtschaft. Um die hohe Inflation zu bekämpfen, erhöht die US-Notenbank den Leitzins – mit schwerwiegenden Folgen.

Washington, D.C. – Die durchweg wichtigsten Aspekte für Wähler:innen in den USA sind derzeit Umfragen zufolge die Wirtschaft und die Inflation. Damit ist die wirtschaftliche Situation für jede einzelne Person beziehungsweise für ihre Familie gemeint und wie sich die hohe Inflation von derzeit 8,2 Prozent darauf auswirkt. Die Midterm-Wahlen am 8. November werden insbesondere ein Gradmesser dafür sein, ob die Wechselwähler:innen es der Regierung von US-Präsident Joe Biden zutrauen, ihre wirtschaftliche Situation zügig zu verbessern, oder eher den Republikanern.

Keine große Hilfe für die Demokraten dürfte dabei die US-Notenbank Fed sein. Im Rahmen ihres doppelten Mandats hat die Fed sicherzustellen, dass sowohl die Inflation als auch die Arbeitslosenquote niedrig bleiben. Bei dem Versuch, die Inflation zu stoppen, bremst der Präsident der Fed, Jerome Powell, die US-Wirtschaft derzeit stärker als jede:r seiner Vorgänger:innen seit mehr als 40 Jahren. Sein Mittel der Wahl: Leitzinserhöhungen – zuletzt Ende September zum dritten Mal in Folge um 0,75 Prozentpunkte auf aktuell 3,25 Prozent.

Fed-Chef Jerome Powell nimmt Massenentlassungen in Kauf

Eine der wenigen positiven Entwicklungen der US-Wirtschaft ist der Arbeitsmarkt. Die Löhne steigen, die Arbeitslosigkeit befindet sich auf dem niedrigen Niveau von 3,5 Prozent und die Arbeitnehmer:innen haben mehr Einfluss auf ihre Arbeitgeber:innen, als diese es gewohnt sind. Doch Jerome Powell scheint dem ein Ende bereiten zu wollen und nimmt durch die Zinserhöhungen eine höhere Arbeitslosenquote in Kauf.

Jerome Powell, Präsident der US-Notenbank Fed
Jerome Powell, Präsident der US-Notenbank Fed © Saul Loeb/AFP

„Dies sind die bedauerlichen Konsequenzen der Inflationsbekämpfung“, sagte Powell über die Aussicht, dass Millionen Menschen in den USA im Zuge seiner Zinspolitik ihren Job verlieren könnten. Dieses Risiko räumte er bei einer Pressekonferenz im September ein: „Wir haben immer verstanden, dass die Wiederherstellung der Preisstabilität bei gleichzeitigem Erreichen eines relativ geringen Anstiegs der Arbeitslosigkeit und einer sanften Landung eine große Herausforderung darstellen wird.“

Abdallah Fayyad findet im Boston Globe deutlichere Worte für das Kalkül Powells: „Arbeitslosigkeit ist kein unbeabsichtigtes Nebenprodukt steigender Zinsen; es ist Powells Ziel.“ Ein höherer Leitzins bekämpft die Inflation, indem Kredite verteuert werden. Menschen und Unternehmen leihen sich weniger Geld, um es auszugeben, Investitionen gehen zurück, ebenso wie die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Da Unternehmen diesen Rückgang voraussehen und auffangen wollen, senken sie ihre Kosten, indem sie Mitarbeiter:innen entlassen.

Grund für die US-Inflation: „Unternehmerische Gier“

Nach der Prognose der Fed wird die Arbeitslosigkeit in den USA im nächsten Jahr auf 4,4 Prozent steigen. Das könnte dann im nächsten Präsidentschaftswahlkampf 2024 eine wichtige Rolle spielen. Derzeit bereiten steigenden Preise einer Umfrage zufolge 56 Prozent der Menschen in den USA finanzielle Schwierigkeiten. Durch die Leitzinserhöhung und den dadurch bedingten Rückgang der Nachfrage durch die steigende Arbeitslosigkeit sollen die Preise fallen und somit die Inflation zurückgehen. Die Kritik am Vorgehen Powells ist, dass die Fed nicht wissen kann, ob die Versorgungslage derweil stabil bleibt und es nicht abermals zu weltweiten Lieferkettenproblemen kommt, die das Angebot verknappen.

US-Linke wie Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister unter dem einstigen US-Präsidenten Bill Clinton und Politikprofessor an der University of California in Berkeley, sehen die Ursachen für die Inflation hingegen bei „unternehmerischer Gier“. Unternehmen nutzten die steigenden Kosten – für Materialien, Komponenten und Arbeit – als Vorwand, um ihre Preise noch weiter zu erhöhen, was zu größeren Gewinnen führt. Aus diesem Grund sind die Unternehmensgewinne fast so hoch wie seit über 50 Jahren nicht mehr.

Robert Reich und progressive Ökonom:innen plädieren zur Inflationsbekämpfung für den Erlass von Gesetzen, anstatt sich auf die Zinserhöhungspolitik der Fed zu verlassen, die Arbeitnehmer:innen benachteiligt. Reich spricht sich unter anderem für eine Übergewinnsteuer aus, also eine Abgabe für Gewinne, die über die „Normalgewinne“ hinausgehen. Laut Robert Reich sei die derzeitige Inflation nicht auf Lohnzuwächse durch übermäßige Macht der Arbeitnehmerschaft zurückzuführen. Sie resultiere vielmehr auf Gewinnen durch übermäßige Unternehmensmacht. „Es sind Gewinne, nicht Löhne, die kontrolliert werden müssen“, so Reich in The Guardian. (Johanna Soll)

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